Ehemaliger Papst-Sekretär

„Das zu leugnen wäre dumm“: Papst Franziskus schiebt Benedikt-Vertrauten Gänswein ab

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Papst Franziskus (r) spricht bei seiner wöchentlichen Generalaudienz in der Vatikanischen Audienzhalle mit Georg Gänswein, Kurienerzbischof und Präfekt des Päpstlichen Hauses. (Archivbild)
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Georg Gänswein Rom muss wegen Papst Franziskus verlassen. Neue Heimat für den Erzbischof und Sekretär von Papst Benedikt wird Freiburg – vorerst.

Rom – Von einem herzlichen Abschied kann wohl keine Rede sein. Der Benedikt-Vertraute Georg Gänswein wird von Papst Franziskus nach Freiburg geschickt. Das bestätigte der Vatikan bereits am Donnerstag (15. Juni) mit einer Zwei-Zeilen-Nachricht. Somit muss der einst so mächtige Benedikt-Vertraute Gänswein ohne Amt in seine Heimat im deutschen Südwesten zurückkehren. Ein Wort des Dankes vom heiligen Stuhl gab es nicht. Dabei war Gänswein fast so viele Jahre in Rom, wie das Mini-Statement zu seinem Abschied Worte hatte.

Gänswein zurück in die Heimat: Papst Franziskus schiebt Benedikt-Vertrauten nach Freiburg ab

Nach fast drei Jahrzehnten an der römischen Kurie wird der langjährige Privatsekretär von Papst Benedikt XVI. künftig in Freiburg leben. Wo der 66-Jährige im Schatten des ehrwürdigen Münsters sein Domizil haben wird, darüber wird noch gerätselt. Wohnungsnot dürfte für ihn nicht herrschen. Die Kirche führt in der Studenten- und Bundesligastadt zahlreiche Einrichtungen.

Für Gänswein, dessen Buch-Veröffentlichung in Italien für viele Irritationen gesorgt hat, endet eine lange Zeit der Ungewissheit. Seit dem Tod Benedikts an Silvester 2022 hatte er darauf gewartet, dass ihm Papst Franziskus eine neue Aufgabe zuweist. Dreimal wurde er zur offiziellen Privataudienz empfangen. Von einem Krisen-Gipfel im Vatikan war sogar die Rede, als Ganswein-Enthüllungen nach dem Tod des emeritierten Papstes Benedikt hohe Wellen schlugen.

Ehemaliger Papst-Sekretär soll Rom bereits in der ersten Juli-Woche verlassen

Nun soll Gänswein in der ersten Juli-Woche Rom verlassen. In Freiburg, das so stolz ist auf sein südländisches Lebensgefühl, ist keine Euphorie zu verspüren. Ein Willkommensgruß fehlt bisher. Der gebürtige Schwarzwälder kehrt zudem ohne offizielle Aufgabe zurück. Im Mai leitete er im Münster schon mal eine Messe – aber füllt so etwas einen früheren Spitzenmann und Strippenzieher aus der Zentrale der katholischen Weltkirche aus?

Ob Freiburg zu klein sein wird für Gänswein und Erzbischof Stephan Burger (61), das wird sich zeigen. Nach außen hin gibt man sich in dem Erzbistum mit etwa 1,8 Millionen Katholiken gelassen. Gänswein soll erstmal ankommen, dann sehen wir weiter – so lautet das Motto. Es werden aber schon Befürchtungen laut, dass Freiburg zu einer Art Wallfahrtsort für konservative Kirchenanhänger werden könnte.

Fall Gänswein „einmalig“: Kirchenhistoriker über die Abschiebung durch Papst Franziskus

Der Fall Gaänswein ist „tatsächlich einmalig“, erklärt der Kirchenhistoriker Ulrich Nersinger dem Bayrischen Rundfunk. Denn in der katholischen Ämterwelt gibt es eigentlich keinen Bischof, der weder in Pension ist noch die Leitung eines Bistums innehat. „Vorgesehen sind residierende Bischöfe, sind emeritierte Bischöfe, Weihbischöfe und emeritierte Weihbischöfe. Aber ein solcher Fall wie Gänswein ist nicht vorgesehen“, so der Vatikan-Experte weiter.

Sicher ist jedenfalls, dass Gänswein „keinerlei finanzielle Mehrbelastung“ für die Staatskasse darstellt. Das geht aus einer Anfrage des BR bei der Pressestelle der Landesregierung hervor. „Eine Bezahlung Geistlicher aus dem Landeshaushalt erfolgt in Baden-Württemberg – anders als in Bayern – an keiner Stelle. Daher wird die Rückkehr von Erzbischof Gänswein auch mit keinerlei finanziellen Mehrbelastung im Landeshaushalt verbunden sein.“ Denn in Baden-Württemberg werden Bischöfe aus Kirchensteuermitteln finanziert, während im Freistaat Geistliche gemäß Bayern-Konkordats von 1924 vom Staat Geld bekommen.

Franziskus schickt Gänswein weg: Papst will Bischof nicht mehr in Rom – „Das zu leugnen wäre dumm“

Abgesehen davon, wie und ob der ehemalige Benedikt-Vertraute bezahlt wird, lässt vor allem eine Formulierung nach Aussage von Nersinger aufhorchen. „Wir haben ja noch eine seltsame Formulierung in der Mitteilung des Vatikans, in der steht: ‚per il momento‘.“ Somit geht Gänswein wohl nur „für den Moment“ nach Freiburg. „Ob ihn der Papst zu einem späteren Zeitpunkt nicht doch noch woanders hinberuft, ist also völlig unklar“, erläutert Nersinger weiter. Damit hängt die Zukunft des ehemaligen Sekretärs von Papst Benedikt in der Luft, was wiederum die Planung für das Freiburger Erzbistum deutlich erschwert. „Das ist eine ziemliche Rechtsunsicherheit für alle Beteiligten“, sagt Nersingerdem BR.

Eine definitive Entscheidung über Gänswein Zukunft wäre laut Nersingers Ansichten wünschenswert gewesen. „Auch wenn man eine Person nicht mehr haben möchte in Rom – den Eindruck hat man ja, das zu leugnen wäre dumm –, muss man klar sagen, wie jemand abgesichert ist.“ Das schließt eben auch die finanzielle Komponente ein. Der Vatikan ist sich allerdings sicher, dass Gänswein wohl nicht befürchten muss, am Hungertuch zu nagen. „Ich denke nicht, dass er jetzt vor dem Freiburger Münster mit einer Mütze sitzen muss und sammeln muss für seinen Unterhalt.“

Vatikan schickt Erzbischof nach Freiburg: Papst Franziskus sendet Gänswein in bekannte Stadt

Trotz der ungewissen Zukunft schickt der Vatikan Gänswein nicht in eine völlig unbekannte Stadt. Der Erzbischof kennt die Stadt – ist dort sogar Ehrendomherr. Nicht weit von dort wurde er geboren, in der Schwarzwald-Gemeinde Riedern am Wald, als eines von fünf Kindern eines Schmieds und einer Hausfrau. In Freiburg studierte er Theologie. Hier wurde er im Mai 1984 auch zum Priester geweiht.

Dennoch wird sich Freiburg wohl auf einige Aufregung einstellen müssen – vor allem, falls Gänswein sich in theologische Debatten einschaltet. Die Reformbewegung des Synodalen Wegs hat er schon mehrmals scharf kritisiert. Nach dem kühlen Abschied aus Rom ist jedenfalls nicht gesichert, dass die Begrüßung in Deutschland deutlich wärmer ausfallen wird. (mst mit Material der dpa)

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