Indien

Gewalt gegen Frauen in Indien: Die Fäulnis sitzt zu tief

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Frauen zünden Kerzen an, um des Opfers zu gedenken und ihre Trauer zu zeigen.

Die Gewalt gegen Frauen in Indien kommt nicht von ungefähr. Ein staatliches System aus Korruption und Chauvinismus lässt ihr freien Lauf. Ein Kommentar von Padma Rao.

Wenn Inder wütend werden, ist Vandalismus nicht fern. Sie zerstören das öffentliche Eigentum, das hart arbeitende Menschen aus der Mittelschicht über 75 Jahre lang versteuert haben.

Und dieselben Inder fallen, wenn Wahlen anstehen, auf die mitreißende Rhetorik und die großen Versprechungen derselben politischen Parteien herein, die seit 1948 abwechselnd das Sagen haben. Dabei vergessen sie, drakonische Gesetze gegen das zu fordern, was sie in erster Linie zum Protest veranlasst hat: eine unsägliche systemische Brutalität gegen Frauen und Kinder.

Dann kommt die nächste Vergewaltigung, das nächste Verbrechen – und Millionen gehen wieder auf die Straße. Ein scheinbar ewig gleiches Muster: Die politischen Parteien schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Sicherheitspersonal, das bei der Arbeit geschlafen hat (oder dafür bestochen wurde), wird in eine weit entfernte Stadt versetzt. Das höchste Gericht des Landes tritt in Aktion. Neue, strenge Gesetze werden verabschiedet. Für ein paar Jahre wirken sie abschreckend. Dann setzten Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit ein – die Vergewaltigung und Ermordung einer Frau oder eines Kindes in einer der bekannteren Städte machten erneut Schlagzeilen.

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Steckt männliche Gewalt in Indiens Genen? Ist die aufstrebende Supermacht der Welt eigentlich ein Versager? Ist diese große „Demokratie“, die von den westlichen Ländern als perfekter Partner gegen Chinas Tyrannei und gegen frauenfeindliche Regime wie den Iran oder die Taliban umworben wird, nicht doch eher in deren Riege als in der des Westens?

2012 wurde eine junge Frau im Herzen der indischen Hauptstadt Neu-Delhi von einer Bande betrunkener, bedrogter Jugendlicher vergewaltigt, verstümmelt und aus einem fahrenden Bus geworfen. Das ganze Land überkam die Wut. Da es in Indien verboten ist, die Namen von Vergewaltigungsopfern zu nennen, nannten die Medien das Opfer „Nirbhaya“, die „Furchtlose“.

Die 23-jährige Frau aus einer armen Familie wurde zum Symbol des Widerstands gegen patriarchale Subgesellschaften, vor allem in den mindergebildeten und überbevölkerten nördlichen Bundesstaaten, in denen Chauvinismus weit verbreitet ist. Zehntausende junger Menschen in Indien streben danach, in der Medizin zu arbeiten, der Berufsstand hat eine enorme Reputation. Die junge Nirbhaya hatte ihre Eltern stolz gemacht: Sie machte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Die „Furchtlose“ verlor schließlich die Schlacht und starb in einem Krankenhaus.

Tödliche Attacke auf indische Ärztin

Am 9. August 2024 wurde eine 31-jährige Assistenzärztin – nennen wir sie Diya, oder Kerze, um ihren Namen zu schützen – angegriffen, brutal verstümmelt, vergewaltigt und zu Tode gewürgt – möglicherweise von mehreren Männern. Es geschah in einem Zimmer in einem staatlichen Krankenhaus in Kalkutta, der Stadt, die bis zu diesem Vorfall immer als Zitadelle der Hochkultur bekannt war, wo Indiens Frauen am sichersten waren.

In aller Eile wurde eine Autopsie durchgeführt und Diyas Leichnam eingeäschert. Ihre Eltern wurden mehrere Stunden lang nicht darüber informiert, dass ihr einziges Kind tot war. Schließlich sagte man ihnen, sie habe „Selbstmord“ begangen. Dann begann plötzlich eine außerplanmäßige „Renovierung“ direkt neben dem Raum, in dem ihre Leiche gefunden worden war.

„Es gab drei Leichen im Krematorium vor dem Leichnam unserer Tochter“, sagte Diyas gebrochener Vater am Montag einer indischen Tageszeitung. „Trotzdem wurde unsere Diya zuerst eingeäschert. Wozu die Eile?“

Es sind Leistungsträgerinnen wie Diya und Nirbhaya, die westliche Länder wie Kanada, Deutschland und die USA an ihren Universitäten sehen wollen. Es sind solche Frauen, um die aufeinanderfolgende indische Regierungen gekämpft haben, um sie in Indien zu halten, um den „Braindrain“ einzudämmen.

Aber die Fäulnis sitzt so tief, dass Indiens ältere Generationen, die den größten Teil der unabhängigen Geschichte Indiens gesehen haben, sich jetzt all ihrer Hoffnungen beraubt sehen. Unabhängig von der politischen Partei und in welchem Bundesstaat es auch immer – es gibt kein einziges Dorf, keinen Weiler, keine Stadt in Indien, wo Korruption nicht an der Tagesordnung ist, wo Männer sich im Zweifel jedes angebliche Vorrecht über Frauen mit Gewalt nehmen.

Indiens höchstes Gericht wird nun den Fall Diya verhandeln. Ein Anti-Vergewaltigungsgesetz, das nach dem Fall Nirbhaya noch2012 in Kraft trat, wird weiter verschärft. Je nachdem, wie viele Beweise zur Verfügung stehen, werden die Vergewaltiger gefunden, vor Gericht gestellt und gehängt. Gegen die Todesstrafe werden sich wie immer Stimmen erheben. Und dann wird gefordert werden, dass die Schuldigen lebenslang inhaftiert werden, vielleicht mit der Möglichkeit, sich zu „rehabilitieren“.

Die Welt wird wieder darüber hinweggehen und wird weiterhin um kluge junge Menschen aus Indien werben. Einige werden dem Subkontinent entkommen, der Rest wird weiterhin gegen die endemische Fäulnis eines zutiefst fehlerhaften Regierungssystems kämpfen.

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