Krisenregion

Eine Woche Gewalt im Sudan: Der Kampf ums Überleben in Khartum

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Im Sudan ist die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Kämpfe gestorben. Wer kann, verlässt Khartum – wer bleibt, muss das Schlimmste fürchten.

Dallia ist auf dem Weg nach Port Sudan. Es ist nach Mitternacht, „aber wir sind noch lange nicht am Ziel“, meldet die Ex-Journalistin auf Twitter: „Dabei haben wir Khartum schon zur Mittagszeit verlassen.“ Die Strecke zwischen der sudanesischen Haupt- und Hafenstadt ist 840 Kilometer lang und wird durch die zahllosen Straßensperren nicht kürzer.

Noon ist auf dem Weg nach Kairo. „Meine Familie und ich haben gerade die ägyptische Grenze überquert“, meldet auch sie auf Twitter: „Welche Erleichterung!“ Es folgen zahlreiche Ratschläge, welche Buslinie für die Fluchtstrecke von Khartum nach Kairo die beste ist, wie viele sudanesische Pfund hinzulegen sind (fast viermal so viel wie noch vor einer Woche), wo es Wasser zu kaufen gibt und wer sudanesische in ägyptische Pfund wechselt – Informationen, die jetzt für so viele Menschen wichtig sein könnten.

Khartum, eine Stadt fest im Griff der Gewalt.

Sudan: Internationale Evakuierung für viele schlechtes Zeichen

Denn es scheint, als ob sich halb Khartum auf den Weg gemacht hat. Die meisten in Richtung Port Sudan, viele peilen das Nachbarland Ägypten an, einige haben sich sogar Juba im Südsudan ausgesucht. Bisher waren die Flüchtlinge immer in die andere Richtung, von Juba nach Khartum, unterwegs. Die sozialen Netzwerke, vor allem Twitter, laufen heiß – mit Fragen nach Mitfahrgelegenheiten, nach Visaauflagen und Unterkunftsmöglichkeiten. Die Fernsehmoderatorin Dalia Eltahir wirft ihren Namen in den Ring, um die Herzen – und Wohnungen – der Nachbarinnen und Nachbarn zu öffnen: „Das können möblierte Apartments oder auch die eigenen Wohnungen sein. Bitte stellt davon so viel wie möglich zur Verfügung.“

Auf der Luftwaffenbasis Al-Asrak in Jordanien kommen Soldaten der Bundeswehr an (undatiertes Handout aus dem April 2023). Die Bundeswehr hat am Sonntag (23.04.2023) im Sudan einen Einsatz für die Evakuierung deutscher Staatsbürger begonnen.

War bei vielen in Khartum bislang noch die Hoffnung wach, dass es sich bei den vor neun Tagen ausgebrochenen Kämpfen zwischen den Soldaten des Streitkräftechefs Abdel Fattah al-Burhan und den Truppen des Milizenführers Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hemeti“, nur um eine vorübergehende Krise handeln könnte, ist diese Hoffnung am vergangenen Wochenende gestorben: als die Bevölkerung Khartums mitansehen musste, wie eine ausländische Regierung nach der anderen ihre Staatsbürger:innen aus der brennenden Hauptstadt holte.

Sudan: In Khartum „Leichen auf den Straßen gesehen“

Eine leidenschaftliche Twitter-Nutzerin namens „Munchkin“ ist überzeugt, dass die Gefechte nach der Evakuierung der Ausländer:innen noch wesentlich schlimmer werden. Am Wochenende war ein weiterer von den UN geforderter Waffenstillstand gescheitert. „Sehr starker Beschuss in Omdurman“ (der jenseits des Nils gelegenen Zwillingsstadt Khartums), meldet Leena Shibeika am Montagmorgen auf Twitter. „Es sieht so aus, als ob sogar Raketenwerfer eingesetzt werden.“ Khartums Straßen seien verödet, heißt es in weiteren Postings: Außer den mit Maschinengewehren bestückten Pickups sei kaum ein Fahrzeug zu sehen. „Dafür haben wir Leichen auf den Straßen gesehen“, berichtet ein geretteter Jordanier dem TV-Sender al-Arabiya.

Am schlimmsten sehe es in den Krankenhäusern aus, sagt der Generalsekretär des Ärzte-Komitees Attiya Abdullah: „Dort verwesen Leichname auf den Stationen.“ 13 Hospitäler seien beschossen und 19 von Kämpfern zwangsgeräumt worden, fährt Abdullah fort: In den noch offenen Krankenhäusern gebe es meist weder Strom noch Wasser. Ohne funktionierende Kühlschränke würden lebenswichtige Medikamente zerstört, meldet das Kinderhilfswerk Unicef.

Sudan: Der Kollaps des Internets scheint nur eine Frage der Zeit

Noch funktioniert die meiste Zeit das Internet, die sozialen Netzwerke sind oft die letzten Verbindungen für Eingeschlossene. „Weiß jemand, wo es Babymilchpulver gibt?“, will Mandour junior über Twitter wissen: „Meine Schwester sitzt (...) mit vier kleinen Kindern und einem vier Monate alten Baby fest.“ Und Yasmin Sholgami, deren Großvater im selben Häuserblock wie die britische Botschaft lebt und neben der sudanesischen auch die britische Staatsbürgerschaft hat, schimpft: „Er ist 89 und seine Frau 75 Jahre alt und beide haben seit einer Woche weder Wasser noch Essen.“

Der Kollaps des Internets scheint nur eine Frage der Zeit: Die ersten Ausfälle waren vor allem dem Strommangel zuzuschreiben. Die Armee wirft derweil der Miliz vor, der Bevölkerung auch noch den letzten Draht zur Außenwelt abschneiden zu wollen. Das Telefonnetz ins Ausland ist bereits gestört.

Die allerletzte Hoffnung für Hilfesuchende sind die Mitglieder des sogenannten Widerstands-Komitees: Ausgezeichnet organisierte Stadtteilgruppen, die bereits die Revolution gegen den vor vier Jahren aus dem Amt gejagten Militärdiktator Omar al-Baschir angeführt hatten. Per App können Eingeschlossene um Essen, Medikamente oder jede andere Art von Beistand bitten. „Wir werden die Letzten sein, die hier verschwinden“, sagt Widerständler Tamer Ibrahim der „New York Times“: „Uns liegt die Bevölkerung am Herzen – was man von den Generälen nicht behaupten kann.“ (Johannes Dieterich)

Rubriklistenbild: © AFP

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