VonJohannes Dieterichschließen
Im Sudan macht der Machtkampf zwischen Miliz und Armee vor nichts und niemandem Halt. Vergewaltigungen werden für die Soldateska zum Mittel der Wohnraumbeschaffung.
Khartum – Leise Hoffnungen auf neue Gespräche zwischen den beiden Kriegsparteien im Sudan haben sich am Dienstag bereits wieder zerschlagen. Der Chef der sudanesischen Streitkräfte, Abdel Fattah al-Burhan, wies einen „Friedensplan“ seines Gegenspielers, Milizenführer Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti), zurück, den dieser am Sonntag unterbreitet hatte. Gegenwärtig sei „nicht die Zeit für Gespräche, wir konzentrieren uns auf den Krieg“, sagte al-Burhan vor seiner ersten Auslandsreise seit dem Ausbruch der Kämpfe Mitte April.
Der 63-jährige Übergangsstaatschef des Sudans verbrachte die vergangenen Monate im Hauptquartier der Streitkräfte in der Hauptstadt Khartum, das von den Milizionären der „Rapid Support Forces“ (RSF) umzingelt ist. Dass er das Hauptquartier überhaupt verlassen konnte, werteten mit der Lage Vertraute als Anzeichen einer Vereinbarung mit Hemeti, der damit die Wiederaufnahme von Gesprächen ermöglichen wolle. Dem widersprach al-Burhan in seiner ersten Begegnung mit der Presse seit Ausbruch der Kämpfe Mitte April: „Wir treffen keine Vereinbarungen mit Verrätern.“ Er habe das Hauptquartier im Rahmen einer „militärischen Operation“ der Luftwaffe und Marine verlassen, der zwei Soldaten zum Opfer gefallen seien.
Kämpfe im Sudan: Gibt es Hoffnung auf einen Waffenstillstand?
Al-Burhan will in den nächsten Tagen mit den saudischen und ägyptischen Regierungschefs zusammentreffen: Beide werden als seine Verbündete gehandelt. Ein Treffen mit einem der Präsidenten des ostafrikanischen Staatenbunds Igad ist offenbar nicht vorgesehen. Igad hatte die Entsendung einer Friedenstruppe in den Sudan vorgeschlagen, die von al-Burhan jedoch abgelehnt wird.
Hemetis am Sonntag unterbreiteter, zehn Punkte umfassender „Friedensplan“ sieht unter anderem einen Waffenstillstand, die Bildung einer integrierten unpolitischen Armee sowie demokratische Wahlen vor. Der Vorschlag stieß bei der zivilen Opposition im Sudan auf Skepsis: Der zeige nur die „Heuchelei“ des Milizenführers, sagte ein Sprecher der „Kräfte für Freiheit und Wandel“. Hemeti stellt sich immer wieder als Friedensstifter und Mentor eines demokratischen Landes dar, was allerdings in krassem Gegensatz zu seinen Handlungen steht. Unter anderem waren die Kämpfe zwischen der RSF und Armee wegen der Weigerung Hemetis ausgebrochen, seine Miliz in die Armee zu integrieren. Die zivile Opposition steht Vereinbarungen zwischen den Generälen grundsätzlich ablehnend gegenüber. Die beiden Antagonisten hätten unzählige Male gezeigt, dass sie an einem demokratischen Übergang des Landes kein Interesse haben.
Gewalt im Suden: Kämpfe in Khartum gehen weiter
Unterdessen gehen die Kämpfe in Khartum mit unverminderter Härte weiter. Täglich kommt es zu Luftangriffen auf RSF-Stellungen, denen immer wieder auch Zivilisten zum Opfer fallen. Obwohl al-Burhan bei seinem Auftritt vor der Presse in Port Sudan behauptete, die Miliz sei „völlig erschöpft“ und stehe kurz vor der Kapitulation, kontrolliert die RSF nach wie vor einen Großteil der Hauptstadt. Kürzlich wurde in Khartum übers Internet Totengräber gesucht. Weil viele der Friedhöfe wegen der Kämpfe unzugänglich sind, werden inzwischen Massengräber ausgehoben.
Die Hälfte der sechs Millionen Bewohner:innen Khartums sollen die Stadt bereits verlassen haben. Mehr als eine Million floh in die Nachbarländer, der Rest sucht in noch friedlicheren Teilen des Landes Schutz. Dort explodieren derzeit die Mieten. Mehr als die Hälfte der fast 50 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung sei auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, melden die UN. Mindestens 500 Kinder sollen bereits verhungert sein. Von den 2,6 Milliarden US-Dollar, zu denen die UN die internationale Gemeinschaft aufgerufen hatte, sind bisher nicht mal 700 Millionen eingegangen, heißt es in Genf. Martin Griffiths, UN-Koordinator für humanitäre Hilfe, sieht eine „Notlage epischer Größenordnung“ voraus. Hunger, Flucht und Krankheiten drohten das Land „völlig zu ruinieren“.
Große Besorgnis lösen auch Berichte über die zunehmenden Vergewaltigungen aus. Die Organisation „Combating Violence against Women and Children“ geht davon aus, dass bereits Tausende von Frauen Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Fast immer durch die RSF, teilte die Sprecherin der Organisation, Sulima Ishaq, mit. Vergewaltigungen seien das Mittel, Frauen zum Verlassen ihrer Häuser zu zwingen, die dann von RSF-Kämpfern in Beschlag genommen werden.
