Parlamentswahlen in Italien

Rechtsruck in Italien: Giorgia Meloni kurz vor Machtübernahme – Europa in Sorge

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Im Wahlkampf in Italien steht die rechte Kandidatin Giorgia Meloni kurz davor, die erste italienische Ministerpräsidentin zu werden.

Rom – In Italien steuert die Nationalistin Giorgia Meloni auf einen großen Sieg bei den Parlamentswahlen am 25. September hin – und Europa wird nervös. Denn die Vision der italienischen Zukunft weicht in den Augen von Meloni deutlich von denen einer einheitlichen EU ab.

Mit ihrer extrem rechten Partei will sie Italien „wieder aufrichten“. An Brüssel schickte sie indessen die Warnung, der „Spaß“ sei vorbei. Der sich anbahnende Rechtsruck macht auch inländischen Politiker:innen zu schaffen. „Wir sind besorgt“, sagt die frühere EU-Kommissarin und erfahrene italienische Abgeordnete Emma Bonino der Deutschen Presse-Agentur und berichtet von Unbehagen auch in anderen Hauptstädten.

Meloni, Salvini und Berlusconi: Der Rechtsruck in Italien hat drei Namen

Am 25. September entscheidet Italien über sein neues Parlament. Alle Umfragen sehen zurzeit die 45-jährige Journalistin und Ex-Ministerin Giorgia Meloni und ihre Partei Fratelli d’Italia (FdI) vorne. In einem Bündnis mit Matteo Salvini von der rechten Partei Lega Nord und Silvio Berlusconi mit seiner Forza Italia könnte Meloni eine rechte Koalition bilden und die erste Ministerpräsidentin Italiens werden. Die Römerin hält nicht viel von der Europäischen Union und schimpft regelmäßig über die „Bürokraten aus Brüssel“. Ihre Vorstellungen decken sich eher mit denen des befreundeten Ministerpräsidenten Viktor Orban und verlangen nach einem souveränen Staat.

Giorgia Meloni bei ihrem Wahlkampf in Turin im September 2022. (Archivfoto)

Melonis Koalitionspartner Salvini und Berlusconi hegen eine langjährige enge Beziehung zum russischen Staatschef Wladimir Putin. Beide kritisierten die europäischen Sanktionen gegen Russland und stehen laut dem US-Geheimdienst unter Verdacht, in der Vergangenheit russische Gelder zur Wahlkampffinanzierung genutzt zu haben. Das sorgt für Unruhe in der EU. Je intensiver man sich mit der rechten Allianz Italiens beschäftigt, desto lauter wird die Frage nach der zukünftigen Rolle des Landes in Europa. Wie gefährlich kann die Partei der EU und der italienischen Demokratie werden?

Giorgia Meloni und Co.: So wird der italienische Rechtsruck eingeschätzt

Die Meinungen über die Folgen eines rechten italienischen Parlaments sind gespalten. „Ich glaube nicht, dass Giorgia Meloni eine Gefahr für die Stabilität der EU darstellt“, meint der Politikwissenschaftler Andrea Ungari von der Universität Luiss in Rom. „Italien hat ja seinen festen Platz in Europa. Außerdem ist es etwas anderes, wenn man aus der Opposition spricht, oder wenn man sich mit all den Staats- und Regierungschefs der EU an einen Tisch setzt.“

Wahl in Italien: Neue Rechte und alte Bekannte – wer beerbt Mario Draghi?

Giorgia Meloni hält eine Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung von Fratelli d‘Italia.
Italien steht vor einem Rechtsruck. 100 Jahre nach der Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini haben die rechtsextremen Fratelli d‘Italia (Brüder Italiens) um Parteichefin Giorgia Meloni im Herbst beste Chancen auf die Regierungsübernahme. Eine postfaschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni macht vielen Menschen Angst. © Piero Tenagli/Imago
Giorgia Meloni hält eine Rede bei einer Wahlkampfveranstaltung von Fratelli d‘Italia.
Bei einer Veranstaltung der rechtsextremen spanischen Partei Vox Mitte Juni hatte Meloni lautstark deutlich gemacht, was sie alles ablehnt: Einwanderung, LGBTQ-Gruppen, Gender-Ideologien, die Brüsseler Bürokratie. In einem Italien, wo viele offen ihre Bewunderung für den „Duce“ Mussolini äußern, sind Melonis Ansichten populär. Zuletzt bemühte sie sich um moderatere Töne. Europa und die Welt müssten sich um Italien keine Sorgen machen, sagte sie bei einer Wahlkampfrede. © Gabriele Maricchiolo/Imago
Fratelli d‘Italia (Brüder Italiens): Logo für die Wahl in Talien
Meloni selbst bezeichnet sich nicht als Faschistin. Ein Blick auf das Wahl-Logo ihrer Partei gibt aber zu denken. Die Flamme als Symbol der Rechten ist seit Jahrzehnten das Kennzeichen der Postfaschisten in Italien. Viele erinnert sie an das Grab Benito Mussolinis, auf dem eine Lampe als ewiges Licht brennt. Meloni war gebeten worden, auf das Feuer zu verzichten, auch Holocaust-Überlebende appellierten an sie. Sie änderte das Logo nicht. © Riccardo Fabi/Imago
Giorgia Meloni, Matteo Salvini und Silvio Berlusconi gehen spazieren.
Aufgrund des komplizierten Wahlsystems in Italien ist es von Vorteil, Bündnisse zu schmieden. Im sogenannten Mitte-Rechts-Bündnis ist Melonis Fratelli d‘Italia laut Umfragen die stärkste Kraft. An ihrer Seite kämpfen Matteo Salvini (Lega, hier im Bild links) und Silvio Berlusconi (Forza Italia). Bei einem Sieg des Mitte-Rechts-Bündnisses dürfte Meloni den Posten der Ministerpräsidentin beanspruchen. © CLAUDIO PERI/afp
Matteo Salvini macht Wahlkampf in Giugliano.
Einer will Meloni aber noch die Suppe versalzen. Matteo Salvini hofft, seine Rivalin im Wahlkampf doch noch überflügeln zu können. Der Rechtspopulist sieht sich für den Fall eines überraschenden Wahlsieges seiner Partei Lega jedenfalls für das Amt des Regierungschefs gerüstet. „Ich bin absolut bereit“, sagte er bei einem Kurzbesuch des Flüchtlingslagers auf der Mittelmeerinsel Lampedusa.  © Antonio Balasco/Imago
Matteo Salvini (l), Vorsitzender der der rechten Lega, winkt während seines Besuchs auf der sizilianischen Insel Lampedusa.
Bei seinem Kurzbesuch auf Lampedusa Anfang August sagte Salvini, dass er im Falle der Regierungsübernahme von Mitte-Rechts die „Grenzen sichern“ und den Zustrom von Migranten stoppen wolle. „Italien darf seine Tore nicht aufmachen für illegale Einwanderer, die vor gar keinem Krieg flüchten.“ Schon zu seiner Zeit als Innenminister von 2018 bis 2019 war Salvini hart gegen Bootsflüchtlinge und auch Seenotretter vorgegangen. Wegen einiger Vorfälle muss er sich inzwischen vor italienischen Gerichten verantworten.  © David Lohmueller/dpa
Italien, Rom: Silvio Berlusconi (l), ehemaliger Ministerpräsident von Italien, tupft die Stirn von Matteo Salvini, Parteivorstand der rechtspopulistischen Lega Nord
Silvio Berlusconi ist der Dritte im Bunde der Mitte-Rechts-Allianz. Eine väterliche Figur gibt er gerne ab, das spürte im März 2018 auch Matteo Salvini. Tatsächlich wären der ehemalige Ministerpräsident Berlusconi und seine konservative Forza Italia noch die Moderatesten in diesem rechtsextremen Zusammenschluss – und das will was heißen. Berlusconi und Salvini pflegen ein enges Verhältnis zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der würde sich über den Rechtsruck in Italien sicher freuen. © Andrew Medichini/dpa
Silvio Berlusconi hält eine Wahlkampfrede.
Eigentlich wollte Berlusconi 2022 Staatspräsident werden. Daraus wurde nichts. Nun hat er ein neues Ziel: Berlusconi kandidiert für den Senat in Rom. Für Berlusconi wäre es die Rückkehr in die kleinere Parlamentskammer, nachdem der 85-Jährige 2013 im Zuge einer Verurteilung wegen Steuerbetrugs dort rausgeflogen war. Und insgeheim träumt er davon, Präsident des Senats zu werden. Oder vielleicht doch nicht so geheim? Der Posten soll ihm angeblich von Meloni und Salvini zugesichert worden sein dafür, dass er mitgeholfen hat, Mario Draghi loszuwerden.  © Pasquale Gargano/Imago
Enrico Letta spricht bei einem Kongress in Rom.
Kann ein Erfolg des Mitte-Rechts-Blocks in Italien noch verhindert werden? Die Sozialdemokraten um Enrico Letta glauben noch immer daran. Der frühere Premier liegt im Grunde gut im Rennen. In sämtlichen Umfragen liegt die von ihm geführte PD fast gleichauf mit Melonis Fratelli d‘Italia. Die Umfragewerte nützen Letta aber erst mal herzlich wenig. Denn wegen des Wahlsystems in Italien braucht er dringend Verbündete. © Fabio Frustaci/Imago
Luigi Di Maio winkt in die Kamera.
Tatsächlich bemühen sich die Sozialdemokraten verzweifelt um eine solche Mitte-Links-Allianz. Dies verläuft aber nicht reibungslos. Als sich die Grünen, die Linken (Sinistra Italiana) und auch die neue Partei von Außenminister Luigi Di Maio (Impegno Civico, hier im Bild) dem von Letta geführten Bündnis anschlossen, verkündete prompt die Zentrumspartei Azione - die mit der PD eigentlich zuerst einen Deal unterzeichnet hatte - das Ende der Zusammenarbeit. © Mauro Scrobogna/dpa
Carlo Calenda hält eine Pressekonferenz.
Der Azione-Chef und frühere Minister Carlo Calenda (im Bild) begründete seinen Rückzug wie folgt: „Ich fühle mich nicht mehr wohl. Es ist würdelos, so Politik zu machen.“ Letta erwiderte daraufhin bei Twitter: „Mir scheint, als sei Calenda der einzig mögliche Partner von Calenda.“ Das stimmt aber nicht, denn Calenda hat kurz darauf einen neuen Bündnispartner gefunden.  © Massimo Di Vita/Imago
Matteo Renzi spricht im Parlament.
Und wer ist der neue Partner von Calenda? Kein Geringerer als Ex-Regierungschef Matteo Renzi (hier im Bild). Die beiden Parteien Italia Viva (Renzi) und Azione (Calenda) bilden eine Zentrumsallianz, die moderate Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen und damit möglicherweise in eine Rolle als Königsmacher kommen will. Angeführt wird die Kampagne von Calenda. Dessen Ziel ist, den noch amtierenden, parteilosen Ministerpräsidenten Mario Draghi nach der Wahl zu einem Weitermachen zu überreden. © Angelo Carconi/Imago
Giuseppe Conte hält eine Pressekonferenz ab.
Und dann wäre da noch Giuseppe Conte. Der frühere Regierungschef hat inzwischen die Leitung der Fünf-Sterne-Bewegung übernommen. Die war 2018 mit 32 Prozent noch die stärkste Partei, sackte in den Umfragen jetzt aber auf rund 10 % mächtig ab. Die Partei hat nicht nur ihre Wählerschaft verloren, auch die möglichen Bündnispartner wollen mit ihr nichts zu tun haben. Vor allem Contes Rolle beim Sturz von Mario Dragahi stößt allen anderen sauer auf. So gibt Conte wohl die Rolle des Konkursverwalters.  © Massimo Percossi/Imago

Tatsächlich zeigte sich Meloni in der jüngsten Vergangenheit gemäßigt, verlässlich und gar staatstragend. In Videobotschaften erklärte sie auf Englisch, Spanisch und Französisch, dass Italien auch in Zukunft einer starker Partner bleiben werde und dass alle Sorgen aus dem Ausland unbegründet seien.

Eine Gegenstimme ist die Europaabgeordnete Alexandra Geese von den Grünen. Sie sagt, dass Meloni und ihr rechtes Bündnis Europa schwächen werden. Diese Länder wollten ein Europa der Nationen und eine gemeinsame, starke Europapolitik verhindern, sagt Geese der Deutschen Presse-Agentur. Sie hat mehr als 20 Jahre in Italien gelebt und findet die Entwicklung „sehr besorgniserregend“.

Prognose zu den Parlamentswahlen in Italien 2022

Laut Umfragewerten vom 11. September, die dem Spiegel vorliegen, würde das rechte Bündnis derzeit auf 44,7 Prozent der Wählerstimmen kommen. Die linken Parteien könne 27,1 Prozent der Stimmen rechnen. Die Mitte würde von 6,7 Prozent der Bevölkerung gewählt werden. 13,3 Prozent der Wähler:innen sollen für die Fünf-Sterne-Partei stimmen.

Rechtsruck in Italien: Was wollen Meloni, Silvani und Berlusconi?

Der Begriff „risollevare“ – übersetzt „wieder aufrichten“ – steht in großen Lettern auf den Wahlplakaten der Fratelli d‘Italia und erinner stark an Donald Trumps „Make America great again“. Im ersten Satz des gemeinsamen Wahlprogramms kündigt das italienische Bündnis Mitte-Rechts eine Außenpolitik an, „in deren Mittelpunkt das nationale Interesse steht und die Verteidigung der Heimat“. Demnach soll künftig das EU-Recht unter das nationale Recht rücken. Ziel sind starke Nationalstaaten anstelle einer starken Union. „Ja zur Souveränität der Völker! Nein zu den Bürokraten in Brüssel!“, rief sie im Juni bei einer Veranstaltung der rechtsextremen spanischen Partei Vox ins Mikrofon.

Doch auch Meloni will wohl nicht auf 200 Milliarden Euro verzichten, welche die EU-Partner Italien in einem Corona-Hilfspaket zur Verfügung stellen wollen. Als der europäische Wiederaufbauplan durchs EU-Parlament ging, stimmte die FdI zwar nicht dafür, dennoch wird das Geld dringender denn je benötigt. Dass sich die 45-jährige Politikerin diese finanzielle Unterstützung entgehen lässt, halt auch ihre Kritiker:innen für unwahrscheinlich. (aa/dpa)

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