VonStefan Schollschließen
Der Deutsche Rico Krieger ist in Weißrussland zum Tode verurteilt worden - angeblich wegen Söldnertums und Terrorismus. Ziel des Urteils könnte es sein, die deutsche Diplomatie unter Druck zu setzen.
Die Hinrichtungen finden in der „Wolodarka“, Minsks U-Haftanstalt Nummer eins statt. Nachts, im Keller dort. Der Delinquent wird mit verbundenen Augen vor einem Kugelfang von zwei Henkern in die Knie gezwungen, ein dritter schießt ihm mit einer Pistole ins Genick.
Am 21. Juni hat das Gericht der Region Minsk den Deutschen Rico Krieger zum Tod verurteilt, wie weißrussische Oppositionsmedien berichten. Der Text des Schuldspruchs ist nicht bekannt. Aber das Exilportal Zerkalo.io schreibt, Krieger sei wegen „Söldnertums, Terrorismus, illegalem Waffen- und Sprengstoffgebrauch, Beschädigung von Transportinfrastruktur, Beteiligung an einer extremistischen Gruppe und Geheimdiensttätigkeit“ angeklagt worden.
Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte gegenüber der FR das Urteil. Man würde sich auch bei den weißrussischen Behörden intensiv für den Betroffenen einsetzen. Das Minsker Außenministerium teilte der russischen Staatsagentur RIA Nowosti mit, man führe Gespräche mit dem Auswärtigen Amt – man habe auch „konkrete Lösungen zu den möglichen Entwicklungen vorgeschlagen“. Was das sein könnte, ist zur Stunde unbekannt.
Rico Krieger, 30, KFZ-Mechatroniker, hat laut seiner Seite auf dem Portal Linkedin von 2014 bis 2017 als Wachmann in der US-Botschaft in Berlin gearbeitet, danach als Krankenpfleger. Er soll seit 2021 als Rettungssanitäter beim DRK tätig gewesen sein, bewarb sich 2023 für einen Job in den USA. Er präsentierte sich „als ausgesprochen universeller Mensch mit starkem Drang zur Weiterbildung und vielen Talenten und Fähigkeiten“.
Nun wird spekuliert, wie Krieger seine Talente vielleicht weiterentwickelt hat. Die weißrussische Menschenrechtsgruppe Wjasna glaubt, er werde beschuldigt, im Kastus-Kalinowskij-Regiment gedient zu haben, einer weißrussischen Einheit, die auf ukrainischer Seite kämpft. Das russische Propagandaportal news.ru behauptet, Krieger habe sich 2023 dem Regiment angeschlossen. Vertreter der Kalinowskij-Truppen dementierten jede Verbindung zu Krieger.
Der kremlnahe Telegramkanal Readowka schreibt, Krieger habe sich in der Ukraine einer „terroristischen Vereinigung“ angeschlossen. „Nach Weißrussland geriet er wohl am ehesten dank der Arbeit der russischen Geheimdienste, die ihn fingen und dem weißrussischen KGB übergaben.“ Vorher habe er Diversionstätigkeiten organisiert, „wahrscheinlich auf dem Gebiet Russlands und im russisch-belorussischen Grenzgebiet“.
Es ist unklar, warum Moskau seinen Gefangenen an Minsk auslieferte, wenn er in Russland Anschläge verübte. In Russland ist die Todesstrafe jedenfalls ausgesetzt. Die Erklärung aus Weißrussland, man verhandle „konkrete Lösungen“, könnte ein Hinweis darauf sein, dass man die deutsche Diplomatie durch das Todesurteil unter Druck setzen will – vielleicht, um den russischen Berufskiller Wadim Krassikow freizubekommen, der in Berlin lebenslang einsitzt. „Es ist durchaus möglich, dass Deutschland in erster Linie an einer Rettung Kriegers interessiert ist“, mutmaßt der russische Exil-Anwalt Jewgenij Smirnow.
In Belarus sollen derzeit zumindest vier Menschen auf ihre Hinrichtung warten. Vollstreckungsbeamte berichten, dass die Opfer erst zwei Minuten vorm Todesschuss von ihrem abgelehnten Gnadengesuch erfahren.
