Großbritannien

Großbritannien: Labour führt in Umfragen deutlich

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Jeremy Corbyn, Ex-Chef der Labour-Partei, im Februar bei einer propalästinensischen Demonstration in London.
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Labour wird beim bevorstehenden Urnengang in Großbritannien abräumen - von Ausnahmen abgesehen.

Vergangene Woche machte Jeremy Corbyn nach langer Zeit wieder Schlagzeilen. In einer Fernsehdebatte sah sich sein Nachfolger als Labour-Chef mit einer kniffligen Frage konfrontiert: Warum er seinem inzwischen aus der Partei ausgeschlossenen Vorgänger 2019 zugebilligt habe, er werde „einen großartigen Premierminister“ abgeben? Da druckst Keir Starmer herum, ehe er den denkwürdigen Satz sagt: „Besser als Boris Johnson wäre Corbyn allemal gewesen.“

Tatsächlich? Im Kampf ums Unterhaus betont Starmer sonst seine Treue zum Königshaus, befürwortet die Modernisierung der britischen Atombewaffnung und hofft auf eine Annäherung an die EU – alles in krassem Gegensatz zum friedensbewegten Republikaner und EU-Skeptiker Corbyn.

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Vor allem aber hat der mutmaßliche nächste Premierminister seine Partei vom Verdacht des Antisemitismus befreit, der wie ein Schatten auf Corbyns Amtszeit lag. Weil dieser das Problem noch immer für geringfügig hält, muss der 75-Jährige diesmal als Unabhängiger antreten – und hat im Nord-Londoner Stadtteil Islington hervorragende Chancen.

Allen Umfragen zufolge wird Labour in zehn Tagen die britischen Innenstädte in Ein-Parteien-Zonen verwandeln. Islington gehört zu den wenigen Ausnahmen. Aber auch in einer Reihe anderer Wahlkreise müssen Labour-Abgeordnete mit bisher komfortablen Mehrheiten um ihren Sitz kämpfen. Viele von ihnen sind Frauen mit Migrationshintergrund.

Dazu gehören zwei Mitglieder von Starmers Schattenkabinett – vom 5. Juli an würden sie, falls ihr politischer Existenzkampf erfolgreich ist, Regierungsverantwortung tragen. Die einstige Konzertcellistin Thangam Debbonaire ist fürs Kulturressort vorgesehen. Doch allem Anschein hat sich die 57-Jährige zu sehr in Sicherheit gewähnt. In den Fokusgruppen der Demoskopen klagen die Bürger:innen des Wahlkreises Bristol-Mitte darüber, die bisherige Abgeordnete lasse sich zu selten blicken.

Im Februar reiste sie nach Indien, das Land ihrer Vorfahren, anstatt vor Ort für Labours Politik zu werben. Dabei machten schon damals prominente Grüne kein Hehl daraus: „Bristol-Mitte gehört zu unseren Zielen.“

Die Öko-Partei schickt ihre Sprecherin Carla Denyer ins Rennen; Fernsehauftritte haben ihr in den vergangenen Wochen Aufmerksamkeit verschafft, die der bisher nur mit einem Mandat im Unterhaus vertretenen Partei sonst fehlt. Dringlichere Klimapolitik, die Abschaffung von Uni-Gebühren, eine Steuer für Superreiche – das grüne Wahlprogramm kommt bei Studierenden gut an, seit der Kommunalwahl wird Bristols Mitte im Stadtrat ausschließlich von Grünen vertreten. „Nur eine hohe Wahlbeteiligung kann Thangam noch retten“, schätzt ein Labour-Insider. Schon wird in Londoner Politikzirkeln darüber diskutiert, wer statt Debbonaire Kulturministerin werden soll.

So weit wird es in Shabana Mahmoods Fall wohl nicht kommen. Die junge Juristin holte ihren Wahlkreis Birmingham-Ladywood bei der jüngsten Wahl mit zwei Dritteln der Stimmen, sie ist fürs Justizressort vorgesehen. Doch ist ihr im Armenhaus der mittelenglischen Metropole ein ernsthafter Gegner erwachsen: Der Strafverteidiger Akhmed Yakoob kandidierte im Mai als Unabhängiger für das Bürgermeisteramt und holte aus dem Stand elf Prozent. Sein Programm: „For Gaza“, so steht es auf allen Flugblättern.

Mit dem Slogan siegte auch der einstige Labour-Politiker George Galloway im Februar bei der Nachwahl in Rochdale. Was die Abweichler von der alten Arbeiterpartei verbindet, ist die Abscheu vor Israels Gaza-Krieg, häufig verbunden mit einer unkritischen Haltung gegenüber den Hamas oder sogar mit antisemitischen Äußerungen.

Sie habe „Blut an den Händen“, muss sich Rushanara Ali regelmäßig vorhalten lassen; Wahlkampfauftritte absolviert sie mit zwei Bodyguards. 2010 war die frühere Thinktank-Leiterin die erste in Bangladesch geborene Frau, die es für Labour ins Parlament schaffte. Den Islamisten in ihrem Londoner Wahlkreis Bethnal Green aber ist die Muslima weder religiös noch fanatisch genug: Sie trägt kein Kopftuch und verweigert sich der Genozid-Rhetorik in Bezug auf Gaza, auch wenn sie früher als ihr Parteichef Starmer einen Waffenstillstand forderte.

Dessen Vorgänger nennt als sein großes Vorbild den Labour-Linksaußen Tony Benn (1925-2014). Der verließ das Unterhaus 76-jährig, „um mehr Politik zu machen“. Hätte Corbyn nach 41 Jahren Parlamentszugehörigkeit nicht ebenfalls verzichten können? Monatelang war Corbyn, auch gegenüber dieser Zeitung, dieser Frage ausgewichen. Im Wahlkampf kann er auch als Unabhängiger auf die tiefe Zuneigung der Islingtonians zählen, auch jener, die ihm politisch nicht nahestehen. „Na klar wird er gewinnen“, sagt ein Kaffeehausbesucher. „Er ist doch so ein netter Mann.“

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