Im Sommer sollen die Briten ein neues Kabinett wählen. Wie das Abstimmen funktioniert und welches Datum Premierminister Sunak festgelegt hat.
London – Die Großbritannien-Wahl wird im Sommer stattfinden. Gewählt wird ein neues Parlament. Premierminister Rishi Sunak bestätigte am Mittwoch (23. Mai) entsprechende Medienberichte und beendete damit wochenlange Spekulationen über den Wahltermin. In Umfragen liegt die oppositionelle Labour-Partei Ende Mai deutlich vor den regierenden Konservativen.
Wahl in Großbritannien
Wann ist Wahltag?
4. Juli 2024
Wer ist aktueller Regierungschef?
Premierminister Rishi Sunak (Conservative Party)
Wie viele Abgeordnete sind derzeit im Parlament?
777 Lords, 650 Abgeordnete
Wann findet die Großbritannien-Wahl 2024 statt?
Die Wahl wird am 4. Juli stattfinden, das kündigte Sunak am Mittwoch in London an. König Charles III. Das Staatsoberhaupt habe seinem Antrag zugestimmt, das Unterhaus aufzulösen und die Abstimmung anzusetzen, sagte Sunak vor seinem Amtssitz in der Downing Street in London.
Anders als in Deutschland kann im Vereinigten Königreich der Premierminister innerhalb einer großzügigen Zeitspanne weitestgehend frei über den Wahltermin entscheiden. Er muss spätestens 25 Arbeitstage zuvor Bescheid geben. Die Opposition drängt Sunak schon seit Monaten, endlich einen Wahltermin festzulegen. Sie warf ihm vor, den Wahltermin angesichts der schlechten Umfragewerte möglichst lange hinauszögern.
Wie wird das Parlament in Großbritannien gewählt?
Das Wahlsystem entspricht dem Mehrheitswahlrecht und nicht wie in Deutschland dem personalisierten Verhältniswahlrecht. Das heißt: Gewählt ist der Kandidat, der die meisten Stimmen im Wahlkreis hat – ähnlich der Erststimme in Deutschland. Die Stimmen der Gegner verfallen – egal, wie viele sie gesammelt haben. Eine Zweitstimme zur Wahl von Parteilisten gibt es nicht. Dieses System wird „first-past-the-post“-System genannt.
Kurzum: Wer die Regierung bildet, hängt also davon ab, wer die meisten Wahlkreise gewonnen hat und nicht davon, wer die meisten Stimmen hat. Viele finden das unfair, weil kleine Parteien somit quasi nie an die Regierung kommen können. Kritik an dem System gibt es seit Jahrzehnten, reformiert wurde es nie.
Das Wahlsystem führt quasi zu einem Zweiparteiensystem wie in den USA. Bisher waren fast immer die konservativen Tories oder die sozialdemokratische Labour-Partei an der Macht. Der Vorteil: Streit mit einem Koalitionspartner gibt es nicht, die Regierung ist stabil und handlungsfähig. Der Nachteil: Kleine und mittlere Parteien haben kaum Chancen, Wahlkreise und somit Sitze im Parlament zu gewinnen.
Wahl in Großbritannien: Besonderheiten des britischen Mehrheitswahlrechts
Das britische Mehrheitswahlrecht führt manchmal dazu, dass die Partei mit der landesweit höchsten Prozentzahl nicht unbedingt die meisten Sitze bekommt und somit auch nicht die Regierung stellt. Im Gegenteil: Auch die Partei, die nach Wählerstimmen nur zweite oder dritte geworden ist, kann regieren. An die Regierung kommt der, der die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament hat. Bei dieser Wahl sind 650 Sitze zu vergeben, der Gewinner muss also mindestens 326 Sitze erreichen.
Es kommt ein weiteres Manko hinzu: Die Tories und Liberaldemokraten müssen prozentual mehr Stimmen gewinnen als Labour, um an die Macht zu kommen. Das liegt am speziellen Zuschnitt der Wahlkreise und an Stammwählertraditionen. Traditionell gewinnen die Tories mehr Stimmen auf dem Land, Labour in den Städten.
Das Parlament wird zum 30. Mai offiziell aufgelöst. Dann kann der fünfwöchige Wahlkampf offiziell beginnen. Die derzeitigen Abgeordneten verlieren ihren Status und können wieder kandidieren. Im Wahlkampf werden voraussichtlich – neben der Wirtschaft – die Themen Einwanderung, Gesundheit, Klimawandel und die Sicherheit Großbritanniens eine Rolle spielen
Wie funktioniert das politische System in der UK?
Das Vereinigte Königreich ist eine parlamentarische Erbmonarchie mit einer dem Parlament verantwortlichen Kabinettsregierung. Souverän ist nicht das Volk, sondern das Parlament. Das Parlament besteht aus zwei Kammern: dem gewählten Unterhaus (House of Commons) und dem Oberhaus (House of Lords), dessen Mitglieder nicht gewählt, sondern mit wenigen Ausnahmen auf Lebenszeit ernannt werden.
Das Oberhaus hat ein aufschiebendes Vetorecht gegen bestimmte Gesetzesvorhaben. Oberstes Gericht ist der 2009 geschaffene Supreme Court. Die Krone hat aber überwiegend formale Befugnisse, während der Regierungschef eine starke Stellung im Kabinett und Partei hat.
Oberhaus und Unterhaus in Großbritannien: Ihre Aufgaben
Die Hauptaufgabe des Oberhauses besteht darin, die vom Unterhaus verabschiedeten Gesetze zu überprüfen. So kann es Änderungen und neue Gesetze vorschlagen. Es hat zudem die Möglichkeit, neue Gesetze bis zu einem Jahr zu verschieben. Insgesamt hat es jedoch weitaus weniger Befugnisse als das Unterhaus. Die Mitgliederzahl des Oberhauses ist nicht festgelegt.
Die Mitglieder teilen sich auf in Geistliche Lords (Lords Spiritual) und Weltliche Lords (Lords Temporal). Erstere haben ihren Sitz aufgrund eines geistlichen Amts inne. Die Anzahl von Ersteren ist auf 26 festgelegt und umfasst in erster Linie Bischöfe. Letztere stellen die größte Gruppe im Oberhaus dar. Die überwiegende Mehrheit der derzeit 794 Mitglieder besteht aus Adligen auf Lebenszeit (life peers). Sie werden durch den oder die Monarch:in auf Vorschlag des Premierministers oder der House of Lords Appointments Comission ernannt.
Das Unterhaus besteht aus 650 Abgeordneten. Von allen Landkreisen des Vereinigten Königreichs wird je ein Abgeordneter nach dem Mehrheitswahlrecht ins Unterhaus gewählt. Das Unterhaus bestimmt über Gesetzgebung und Staatshaushalt und die Regierung des Vereinigten Königreichs ist ihm gegenüber verantwortlich.
Umfragen zur Großbritannien-Wahl 2024: Welche Partei regiert aktuell?
Seit 14 Jahren regieren in Großbritannien die Konservativen, auch Tories genannt. Effektiv gibt es im Vereinigten Königreich nur zwei Parteien, die sich regelmäßig in der Regierung abwechseln: Die Konservativen (Conservative Party) und die Labour-Party. Aktuell liegen Sunaks Konservativen in Umfragen rund 20 Prozentpunkte hinter der Labour-Partei zurück.
Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich
Wenn nicht noch ein größeres Wunder geschieht, zieht Oppositionsführer Keir Starmer am 5. Juli in die Downing Street ein, als erster Labour-Premier seit 14 Jahren - und 100 Jahre nach dem ersten sozialdemokratischen Regierungschef der britischen Geschichte.
Aufstieg der Labour Party: Das planen die Sozialdemokraten
Der Vorsprung von Labour ist vor allem dem gewaltigen Ärger über die Konservativen zu verdanken. Wofür die Partei steht, wissen viele Menschen bisher nicht. Erst vor kurzem stellte Starmer ein Sofortprogramm aus sechs Punkten vor. Er will für wirtschaftliche Stabilität sorgen, Wartezeiten beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS verkürzen, eine neue Kommandostruktur für den Grenzschutz schaffen, ein nationales Energieunternehmen gründen, gegen unsoziales Verhalten vorgehen und 6500 neue Lehrkräfte einstellen.
Einen Wandel verspricht Starmer den Briten. Viele Wähler setzen nach Ansicht von Kommentatoren vor allem darauf, dass mit Labour ein neuer Ton in die Regierung einzieht und das Chaos der vergangenen Jahre mit drei Premierministern, häufigen Skandalen und ständigen Ministerwechseln endlich ein Ende hat. (bg/dpa)