Urnengang am 4. Juli

Prognosen erwarten klares Ergebnis: Letzte Umfragen vor der Großbritannien-Wahl 2024

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Großbritannien wählt am 4. Juli ein neues Parlament. Seit 14 Jahren regieren die Konservativen. Umfragen und Prognosen sehen Labour klar vorne.

Update vom 4. Juli, 7.00 Uhr: Labour steht bei der Großbritannien-Wahl 2024 vor einem historischen Wahlerfolg. Allen Umfragen zufolge könnten die Sozialdemokraten sogar den Erdrutschsieg aus dem Jahr 1997 unter dem damaligen Parteichef Tony Blair noch einmal übertreffen. Nach Jahren geprägt von Brexit, Corona, Wirtschaftskrise und jeder Menge Skandale unter den Tories scheinen die Menschen im Vereinigten Königreich eine Veränderung herbeizusehnen.

Insgesamt zählt das britische Parlament 650 Abgeordnete. Wie könnte das Ergebnis am Ende also aussehen? Eine Prognose sagt einen Triumph für Labour und ein Debakel für die Tories voraus. Zudem wird klar, dass die Partei Reform UK des Brexit-Vorkämpfers Nigel Farage im britischen Mehrheitswahlrecht kaum Chancen auf Mandate hat:

ParteiPrognose Sitze (Spanne)
Labour429 (324 bis 516)
Tories110 (29 bis 209)
Liberal Democrats50 (17 bis 92)
Scottish National Party20 (0 bis 54)
Reform UK3 (0 bis 104)
Sonstige5 (0 bis 5)

(Quelle: The Economist, Stand: 4. Juli)

Labour ist Umfragen und Prognosen zufolge klarer Favorit bei der Großbritannien-Wahl 2024

Erstmeldung: London – Seit 2010 sind in Großbritannien die Tories an der Macht. Das könnte sich aber bald ändern. Ein Blick auf die aktuellen Umfragen zeigt jedenfalls, dass die Menschen im Vereinigten Königreich einen Wechsel herbeisehnen. Eine schwere Niederlage der Konservativen scheint unvermeidlich, der Partei von Premierminister Rishi Sunak droht bei der nächsten Wahl in Großbritannien am 4. Juli ein Debakel.

„Es ist jetzt die Zeit für Großbritannien gekommen, über seine Zukunft zu entscheiden“, kündigte Sunak am 23. Mai an. Der Wahltermin überrascht. Immerhin liegen die Tories in den Umfragen weit hinter der Labour-Partei zurück. Allerdings hätte ohnehin spätestens am 28. Januar 2025 gewählt werden müssen. Dann wäre das Unterhaus nach fünf Jahren automatisch aufgelöst worden. In Großbritannien ist es allerdings üblich, dass die britische Regierung schon vorher ein Datum festlegt.

Aktuelle Umfragen und Prognosen deuten auf klares Ergebnis bei Großbritannien-Wahl 2024 hin

Die aktuellen Umfragen in Großbritannien fallen für die amtierende Tory-Regierung in der Tat absolut verheerend aus. Schon seit geraumer Zeit liegt die sozialdemokratische Labour-Partei von Keir Starmer mit rund 20 Punkten in Führung. Alles deutet derzeit auf einen Erdrutschsieg für Labour hin.

In den aktuellen Umfragen liegen die Tories von Premierminister Rishi Sunak (links vorne) nur an zweiter Stelle. Für den Labour-Vorsitzenden Keir Starmer (rechts vorne) könnte die Großbritannien-Wahl 2024 hingegen zum Triumph werden.

Auch eine Trendwende zeichnet sich bisher nicht ab, ganz im Gegenteil. In den aktuellen Umfragen müssen die Tories inzwischen sogar um den zweiten Platz bei der Wahl in Großbritannien fürchten. Tatsächlich liegt die rechtsgerichtete Partei Reform UK den Tories im Nacken. „Die Tories implodieren, wir sind nun die Opposition“, frohlockte Mitte Juni Reform-Chef Nigel Farage, der den Brexit maßgeblich vorangetrieben hatte. Mit ihrem einwanderungsfeindlichen Kurs könnte Reform UK den Tories weitere Stimmen abjagen.

Labour dominiert die aktuellen Umfragen zur Großbritannien-Wahl 2024

ParteiErgebnis in Prozent
Labour39,1
Tories21,1
Reform UK16,6
Liberal Democrats10,8
Green Party6,5
Scottish National Party2,9

(Quelle: Sky News, gewichteter Durchschnitt der Umfragen, Stand 4. Juli)

Drehtür Downing Street: Großbritannien lässt Tory-Chaos hinter sich

David Cameron
Sechs Jahre lang führte David Cameron als Premierminister das politische Großbritannien. Vom 11. Mai 2010 an stand er zunächst an der Spitze einer Koalitionsregierung mit den Liberaldemokraten, ehe er seit 2015 mit absoluter Mehrheit seiner konservativen Partei im Unterhaus regierte. Doch die eigene Partei machte ihm oft das Leben schwer. Camerons Fraktion im Unterhaus verwehrte ihm mehrfach die Gefolgschaft, etwa bei der Homo-Ehe oder bei der Reform des Oberhauses. Der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson oder Ex-Parteichef Ian Duncan Smith warfen ihm wiederholt Führungsschwäche vor. © Stefan Rousseau/afp
David Cameron
Camerons größtes Problem war aber die Europapolitik. Eine Lösung dieser Frage, die die Tories seit Jahrzehnten spaltet, fand auch er nicht. Zunächst war er noch optimistisch. „Ich war immer der Meinung, dass man große Entscheidung angehen muss und nicht vor ihnen zurückschrecken“, sagte er rückblickend. Doch im Lauf der Zeit machte er dem eurokritischen Flügel seiner Partei immer mehr Zugeständnisse. So ereiferte er sich offen über die Europäische Union und stellte sich in Brüssel demonstrativ quer. Nützlich war das alles aber nicht.  © Stephane de Sakutin/afp
David Cameron
Am Ende sollte Cameron an Europa scheitern. 2016 setzte er mit dem Referendum über den Verbleib des Landes in der EU alles auf eine Karte – und mutierte plötzlich zum Verfechter der europäischen Idee. Seine Landsleute nahmen ihm das allerdings nicht ab. Schlimmer noch: Gegen seinen erklärten Willen entschieden sich die Menschen in Großbritannien für den Austritt aus der EU. Der Brexit wurde zu Camerons größter Niederlage. So blieb ihm nur übrig, seinen Rücktritt zu erklären. Als er an jenem 24. Juni 2016 vor der Downing Street Nummer 10 an der Seite seiner Ehefrau Samantha vor die Kameras trat, war er den Tränen nahe.  © Leon Neal/afp
Theresa May
Nach dem Brexit-Votum benötigte Großbritannien eine neue Führungsspitze. Hier kam Theresa May ins Spiel. Die Tochter eines Pfarrers trat am 13. Juli 2016 als Nachfolgerin von David Cameron ihr Amt an. Oft wurde sie mit der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher oder mit Angela Merkel verglichen. Doch diese Vergleiche hinkten alle. Sie war einfach ein ganz anderer Typ. Bezeichnend sind die drei Worte, die sie einmal wählte, um sich selbst zu beschreiben: Sie sei eine „bloody difficult woman“, eine verdammt schwierige Frau. © Dominic Lipinski/dpa
Theresa May
Als Regierungschefin agierte sie weitgehend glücklos. Nach dem Brexit-Votum hofften viele Menschen in Europa und in Großbritannien, dass sie doch noch einen Weg aus dem Schlamassel finden würde. Immerhin hatte sich May vor dem Referendum noch für den Verbleib in der EU ausgesprochen. Zu Kompromissen war sie anschließend allerdings nicht mehr bereit. Ihr Mantra lautete: „Brexit bedeutet Brexit.“ Und das hieß: Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und aus der Zollunion. Dabei hatte sich May vor dem Referendum noch für den Verbleib in der EU ausgesprochen.  © Stefan Rousseau/dpa
Theresa May
Da May für ihre Brexit-Pläne im Parlament keine Mehrheit sah, rief sie eine Neuwahl aus. Doch die vorgezogene Unterhauswahl im Juni 2017 wurde zum Desaster. Ihr einstudiertes Auftreten im Wahlkampf ließ sie kalt und steif erscheinen. Das Ergebnis fiel bitter aus: Vom erwarteten Erdrutschsieg gegen Labour-Chef Jeremy Corbyn war sie weit entfernt, die Tories verloren ihre absolute Mehrheit. Der offizielle Tories-Historiker Alistair Lexden stellte ihr in einem Artikel im Februar 2019 ein überaus schlechtes Zeugnis aus: Für ihn war May die „schlechteste Führerin der Tories“ überhaupt. Im Juli 2019 trat sie von ihrem Amt zurück. © Tolga Akmen/afp
Boris Johnson
Vom 24. Juli 2019 an versuchte Boris Johnson, Großbritannien aus dem Brexit-Schlamassel zu befreien. Hohe Ziele hatte er schon immer. In New York als Sohn eines Beraters für Umweltfragen geboren, wollte er laut Johnsons Schwester Rachel als Kind nichts weniger als der „König der Welt“ werden. Es reichte dann immerhin zum Premierminister. Johnsons Lebensweg war quasi vorgezeichnet. Er besuchte die Eliteschule Eton sowie die Universität Oxford, wo er Mitglied des berüchtigten Bullingdon Clubs war. Dabei handelt es sich um eine legendäre Tischgesellschaft, die für ihr Rowdytum und ihre Trinkgelage bekannt ist.  © Andrew Parsons/Imago
Boris Johnson
Nach seinem Studium arbeitete Johnson bei der Times, wurde aber nach nur einem Jahr wieder gefeuert – weil er Zitate gefälscht hatte. Das tat seiner Karriere aber keinen Abbruch. 1987 heuerte er beim Daily Telegraph an, deren Mitherausgeber er von 1994 bis 1999 war. Anschließend wechselte er zum konservativen Wochenblatt The Spectator, das er bis 2005 als Herausgeber leitete. In seiner Zeit als Bürgermeister von London (2008 bis 2016) veröffentlichte er zudem eine Biografie über sein Vorbild Winston Churchill. Bekannter als „Der Churchill-Faktor“ wurde aber der Verriss des Historikers Richard J. Evans.  © Imago
Boris Johnson
Bei Johnson ging es stets hoch her. Da baumelte er schon mal an einer Seilrutsche abwärts, versuchte sich im Tauziehen und walzte einen Jungen beim Rugby nieder. Nicht zu vergessen, dass er sich einmal in einem begehbaren Kühlschrank versteckte, um einem Interview zu entgehen. Seit seinem Amtsantritt jagte dann aber ein Skandal den nächsten. Johnson überstand zunächst alles, auch die „Partygate“-Affäre um illegale Lockdown-Feiern in der Downing Street. Eine Affäre um Johnsons Parteikollegen Chris Pincher brachte das Fass aber zum Überlaufen. Der Druck aus der Partei wurde zu groß, Johnson trat im Sommer 2022 zurück. © Andrew Parsons/Imago
Liz Truss
Am 6. September 2022 übernahm Liz Truss das Ruder in Großbritannien. 1975 in Oxford geboren, wuchs Truss im schottischen Paisley und im englischen Leeds auf. Ihr Vater war Mathematikprofessor, die Mutter Krankenschwester, beide beschrieb sie einst als „linksgerichtet“. Ihre Mutter nahm sie sogar auf Demonstrationen gegen Atomwaffen mit. Doch Truss begehrte auf gegen die politische Prägung ihres Elternhauses und schloss sich zunächst den Liberaldemokraten an, bevor sie zu den Konservativen wechselte. Das war nur konsequent, gilt doch Ex-Premierministerin Margaret Thatcher als ihr großes Vorbild.  © Victoria Jones/dpa
Liz Truss
Truss gilt als äußerst sprunghaft. Das zeigte sich auch beim Brexit-Referendum. Nachdem sie vorher noch für den Verbleib in der EU getrommelt hatte, galt sie hinterher als Bekehrte („born again Brexiteer“). Diesem Sinneswandel verdankte sie auch ihren Aufstieg bei den Tories bis hin zur Premierministerin. Wie keine andere Regierungschefin vor ihr versuchte Truss, die Brexit-Ideologie in die Tat umzusetzen. Sobald die Fesseln der EU abgeworfen und Steuern gesenkt seien, sollte ein beinahe märchenhaftes Wirtschaftswachstum ausgelöst werden, so die Theorie.  © Kristy O`Connor/afp
Liz Truss
Doch grau ist alle Theorie. Als die Regierung ein Mega-Paket an Steuererleichterungen ankündigte, rasselte der Kurs des Pfunds in den Keller. Die Renditen für Staatsanleihen schossen nach oben. Die Notenbank musste intervenieren, um Rentenfonds vor dem Kollaps zu bewahren. Zu diesem Zeitpunkt war Truss erst 17 Tage im Amt. Das Magazin Economist bescheinigte Truss daher die Haltbarkeitsdauer eines Salats. Die Boulevardzeitung Daily Star macht sich einen Spaß daraus und platzierte in einer Live-Übertragung einen Salatkopf neben dem Porträt der Premierministerin, um zu sehen, wer länger hält. Der Salat gewann. © Imago
Rishi Sunak
Nur 45 Tage lang blieb Liz Truss im Amt. Danach war Rishi Sunak an der Reihe. Seine Ernennung zum Premierminister galt aufgrund seiner Herkunft als Beweis für Toleranz im Vereinigten Königreich. Sunaks Großeltern stammen aus Indien und wanderten in den 1960er Jahren aus Ostafrika nach Großbritannien aus. Tatsächlich gab es 1980, als Sunak in Southampton zur Welt kam, keine einzige „Person of Colour“ im Parlament. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra zeigte sich im Guardian dennoch kritisch: „Seine übereilte Beförderung in die Downing Street 10 ermutigt jetzt unverschämte Rassisten, sich als Vertreter von ethnischer Vielfalt zu gerieren.“ © Geoff Caddick/afp
Rishi Sunak
In der Tat zeigt sich die britische Regierung ausgerechnet Minderheiten gegenüber wenig sensibel. Bestes Beispiel ist das Asylgesetz, das sie auf den Weg bringen will. Der Entwurf sieht vor, dass alle Personen, die irregulär nach Großbritannien kommen, ungeachtet ihrer Herkunft nach Ruanda abgeschoben werden. Der Ruanda-Plan war ein Steckenpferd der früheren Innenministerin Suella Braverman. Die Vertreterin des rechten Parteiflügels, die ebenfalls indische Wurzeln hat, erzählte im Herbst 2022 einmal sogar lächelnd, es sei ihr „Traum“, dass London vor Weihnachten Asylsuchende per Flugzeug nach Ruanda abschiebe.  © Bochasanwasi Akshar Purushottam Swaminarayan Sanstha (BAPS)/afp
Rishi Sunak
Für Misstrauen sorgt aber auch Sunaks persönlicher Hintergrund als ehemaliger Investmentbanker, dessen Ehefrau die Tochter eines der reichsten Menschen in Indien ist. Die Guardian-Kolumnistin Nesrine Malik twitterte sarkastisch, Sunaks Amtsantritt sende eine starke Botschaft an People of Colour: „Wenn Sie auf eine Privatschule gehen, ein Vermögen anhäufen, der reichste Abgeordnete im Parlament werden und mit Ihrer Frau ein gemeinsames Vermögen haben, das größer ist als das des Königs, können auch Sie Premierminister werden.“ © James Manning/afp
Rishi Sunak steht im Regen.
Nach 14 Jahren Tory-Regierung herrscht in Großbritannien vor allem Chaos. Monatelang drängte die Opposition den Premierminister, einen Termin für die nächste Parlamentswahl festzulegen. Am 22. Mai war es dann so weit: Sunak rief vor dem Regierungssitz 10 Downing Street die Wahl für den 4. Juli aus. Er tat dies im strömenden Regen – und wurde patschnass. Der Auftritt des bedröppelt wirkenden Premiers war symbolträchtig. Die Tories kassierten eine verheerende Niederlage. 14 Jahre Chaos sind damit zu Ende gegangen. © Henry Nicholls/afp

Prognosen erwarten nach Großbritannien-Wahl klare Labour-Mehrheit im Parlament

Die Umfragen müssen aber im Zusammenhang mit dem Wahlrecht im Vereinigten Königreich gesehen werden. Denn hier kommt die relative Mehrheitswahl zum Einsatz: Wer die meisten Stimmen auf sich vereinen kann, gewinnt den Wahlkreis. Alle anderen Stimmen verfallen. Eine absolute Mehrheit ist nicht nötig, deshalb gibt es keinen zweiten Wahlgang.

Aktuelle Umfragen und Prognosen in Großbritannien lassen Premier Sunak verzagen

Rishi Sunak setzt im Wahlkampf unterdessen vor allem auf Steuersenkungen von gut 20 Milliarden Euro, um das Ruder vor der Wahl in Großbritannien doch noch herumzureißen. Die aktuellen Umfragen und Prognosen sprechen allerdings nicht dafür, dass Sunak damit den gewaltigen Abstand auf die Labour-Partei in den verbleibenden Tagen verkürzen kann. (cs)

Rubriklistenbild: © Stefan Rousseau

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