Partei-Nachwuchs

Grüne suchen nach der Rebellion neuen Kurs

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Jette Nietzard will neue Co-Bundessprecherin der Grünen Jugend werden.
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Die bisherige Spitze der Grünen Jugend hat sich enttäuscht von der Partei abgewandt. Nun sucht der Grünen-Nachwuchs frische Köpfe.

Ein bisschen mehr Klassenkampf und zugleich auch wieder mehr Fridays for Future – so könnte die Strategie der Grünen Jugend künftig aussehen. Der Verband muss sich neu sortieren, weil der bisherige Bundesvorstand im September geschlossen zurücktrat, wegen inhaltlicher Differenzen zur Mutterpartei. Viele der Ausgetretenen überlegen, sich der Linkspartei anzuschließen.

Der frühere Bundessprecher der Grünen Jugend, Timon Dzienus, ist für seinen Verband trotzdem noch immer guter Dinge. „Wir werden den erfolgreichen Kurs der vergangenen Jahre fortsetzen“, sagte er der Frankfurter Rundschau am Donnerstag, kurz nach seiner Ankunft in Leipzig. Dort findet am Wochenende der Bundeskongress der Grünen Jugend statt, bei dem ein neuer Vorstand gewählt werden soll. Unter „erfolgreichem Kurs“ versteht Dzienus, der den Jugendverband von 2021 bis 2023 zusammen mit Sarah-Lee Heinrich leitete, eine Mischung aus beidem: Sozialem Engagement und Klimapolitik. „Die beiden Kandidaten für die Sprecherposten stehen quasi dafür, dass das keine Widersprüche sind, sondern zusammengehört“, so Dzienus.

Sozialexpertin und Klimaaktivist

Er meint damit Jette Nietzard und Jakob Blasel. Die 25-jährige Berlinerin ist eine ausgewiesene Sozialpolitikerin. Ihr Gebiet ist die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit. Sie engagierte sich beim Bündnis „Deutsche Wohnen und Co enteignen“ und für ukrainische Flüchtlinge. Der 24-jährige Kieler Blasel gehört zu den Gründungsmitgliedern von Fridays for Future in Deutschland. Beide haben bereits erfolglos für Mandate kandidiert: Nietzard stand 2021 zu weit hinten auf der Landesliste fürs Abgeordnetenhaus. Blasel wollte im gleichen Jahr in den Bundestag. Auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend wird es jetzt aber wohl mit dem Spitzenamt klappen.

Viel leichter wird es die neue Jugend-Führung der Mutterpartei vermutlich nicht machen. Beide Kandidierenden kündigten in ihren Vorstellungsschreiben an, die Partei nach links rücken zu wollen. In seiner Bewerbung als Sprecher schreibt Blasel: „Wer unsere Zukunftsangst ernst nimmt, darf sich nicht beim ersten Gegenwind zum Klimaschutz wegducken – sondern muss Lösungen finden, die sozial absichern und die Reichen zur Kasse bitten.“

Mögliche Zukunft von Ex-Grünen bei der Linken

Beide Kandidierenden wollten vor ihrer Wahl keine Interviews geben. Timon Dzienus ist auskunftsfreudiger. Der Verband sei von den Austritten überrascht worden und entsprechend irritiert gewesen: „Wir mussten uns erst mal ein bisschen sortieren.“ Das lag vermutlich auch daran, das nach dem Rücktritt der Bundes-Führung auch einige Landesvorstände geschlossen oder teilweise zurücktraten. Gemeldet wurde das etwa aus Bayern, Brandenburg, Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Als Grund für die Enttäuschung wird dabei immer wieder genannt, dass die Grünen in der Ampel zu sehr bereit seien, Kompromisse einzugehen, die den Überzeugungen der Partei entgegenstehen, etwa bei Restriktionen von Migration, Sozialpolitik oder dem Kampf gegen die Klimakrise. „Wir wollen nicht Teil einer Partei sein, die den gesellschaftlichen Rechtsruck mitträgt“, sagen die bisherigen Landessprecher:innen der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz, Paula Frings und Enrico Pereira.

Wurden die Vertreter:innen der Jungen in der Mutterpartei vielleicht zu lange institutionell übersehen? Das will Dzienus so nicht bestätigen. Es habe aber tatsächlich viel Unmut über den Anpassungskurs der Mutterpartei an die beiden anderen Koalitionsparteien SPD und FDP gegeben. Die Unzufriedenheit damit will man auch am kommenden Wochenende deutlich formulieren. Der Programmtitel für den Bundeskongress der Nachwuchsorganisation „Schluss mit Krise – Holen wir uns die Zukunft zurück!“ klingt entsprechend entschieden und selbstbewusst.

In den Bundestag hat es Fridays for Future-Aktivist Jakob Blasel 2021 von der Landesliste in Schleswig-Holstein nicht geschafft.

Welche Form indessen die Initiative der früheren Grünen annimmt, ist auch drei Wochen nach deren Ankündigung, „eine neue, linke Jugendorganisation gründen“ zu wollen, noch unklar. Möglich schien neben einer tatsächlichen Neugründung auch, mit der Linken zu kooperieren oder zu fusionieren. Dort zeigt man sich dafür zwar offen, große Priorität hat ein solches Vorhaben für die Linken angesichts von deren eigenen internen Problemen aber wohl vorerst nicht.

Ein Vorbild für ein solches Bündnis gäbe es aus Österreich, wo sich die dortigen Jungen Grünen dem Nachwuchs der KPÖ anschlossen und die Kommunisten einzelne gute Wahlergebnisse einfahren konnten. Bei den bundesweiten Wahlen Ende September konnte die KPÖ ihr Ergebnis zwar steigern, allerdings nur auf 2,4 Prozent. Knapp vor der Bier-Partei war sie damit nicht mehr als die größte Partei der „Sonstigen“ und schaffte es nicht ins Parlament.

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