Habeck kündigt die überarbeitete Wasserstoff-Strategie als „große nächste Geschichte“ an. Aus der Wissenschaft gibt es mehrere Punkte zu bemängeln.
Berlin – Um Klimaneutralität zu erreichen, setzt Wirtschaftsminister Robert Habeck auf Wasserstoff.Dazu hat die Bundesregierung eine neue Nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Vor allem grüner Wasserstoff soll gefördert werden. „Grundsätzlich stehe ich sehr positiv zu dem, was Habeck mit der Wasserstoffstrategie gemacht hat. Er ist immer noch weit weg von dem, was wir wirklich brauchen“, sagt Prof. Robert Schlögl, der in 2020 und 2021 Vize-Vorsitzender im Nationalen Wasserstoffrat (NWR) war, zu IPPEN.MEDIA. Denn aus Sicht der Wissenschaft hapert es noch an einigen Punkten, was die Pläne für grünen Wasserstoff betrifft.
Habeck stellt neue Wasserstoff-Strategie vor: Grüner Wasserstoff soll gefördert werden
Ziel ist laut Habeck, grünen Wasserstoff überall da einzusetzen, wo Elektroenergie nicht verwendet werden kann: also vor allem in der Industrie, im Verkehr und in Kraftwerken, sowie zunehmend im Luft- und Schiffsverkehr einzusetzen, ebenso in Gaskraftwerken und bei der Wärmeversorgung.
„Im Transportsektor wird Wasserstoff in Zügen und Nutzfahrzeugflotten Einzug halten. Batterieelektrische Lösungen schränkten bei großen Fahrzeugen die Nutzlast ein, und Flotten solcher Fahrzeuge kämen beim Laden an die Grenzen des lokalen Stromnetzes“, sagte Prof. Dr. Harry Hoster, wissenschaftliche Leiter des Hydrogen and fuel cell center ZBT GmbH in Duisburg, zu IPPEN.MEDIA.
Habeck will Produktion von grünem Wasserstoff ankurbeln – gelingt das?
In Deutschland sollen zahlreiche Elektrolyseanlagen gebaut werden, die vor allem grünen Wasserstoff produzieren. Laut Habeck soll ungefähr ein Drittel des benötigten Wasserstoffs in Deutschland erzeugt werden. Die Strategie sieht vor, die Produktion von Elektrolyse-Anlagen verdoppeln, auf 10 Gigawatt. Bis 2027 und 2028 soll eine erste Infrastruktur stehen und gefördert werden. Aber hat Deutschland überhaupt die Kapazitäten, die Produktion von grünem Wasserstoff anzukurbeln?
„Die reine Produktion aus Überstrom per Elektrolyse wird in absehbarer Zeit nicht ausreichen“, sagte Dr. Ing Andy Gradel, stellv. Institutsleiter des Institutes für Wasserstoff- und Energietechnik zu IPPEN.MEDIA. „Durch gleichzeitig steigenden Strombedarf für E-Mobilität und Wärmepumpen werden die erneuerbaren Energien nicht so schnell ausgebaut werden können, wie nötig.“
Geht es nach Gradel, müsste man auch auf andere Technologien setzen, die den Ausbau fördern könnten. „Andere Pfade wie die Erzeugung aus biogenen Reststoffen, die heute noch enorme Potenziale in Deutschland haben, sind elementar für einen schnellen Hochlauf und eine flächendeckende Anwendung. Diese werden in der Nationalen Wasserstoff-Strategie vollständig ignoriert, obwohl eigenen Forschungsnetzwerke des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) seit zwei Jahren auf Technologieoffenheit plädieren und das BMWK die Forschung und Entwicklung an diesen Technologien aufgrund ihrer immensen Produktions- und Klimaschutzpotenziale zurecht fördert.“
Deutschlands Beitrag bei Wasserstoff-Strategie ist „Weiterentwicklung“
Wissenschaftler appellieren, den Schwerpunkt auf die Importe zu setzen, als die Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland anzukurbeln. Bislang wird in der Strategie festgehalten, dass zwei Drittel des Bedarfs an grünem Wasserstoff importiert werden soll. Dieser soll hauptsächlich aus Afrika geliefert werden. „Die Erzeugung von grünem Wasserstoff in Deutschland wird einen Beitrag leisten, wir werden aber (wie bei Gas und Erdöl) Energieimporteur bleiben. Deutschlands Beitrag ist die Weiterentwicklung und der Export von Elektrolyseuren zur Herstellung von Wasserstoff aus grünem Strom. Anlagenbau können wir“, sagte Hoster.
Auch Schlögl sieht beim Import von Wasserstoff eine Schlüsselrolle. „Die Umstellung von fossiler auf erneuerbare Energie ist eine große Aufgabe, die wir niemals mit Energieressourcen aus dem eigenen Land lösen können“, betonte Schlögl. Die Bundesregierung habe sich bei den Plänen, die Produktion von grünem Wasserstoff in Deutschland anzukurbeln, „ganz sicher überschätzt.“
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Finanzierung bei Wasserstoff-Strategie: „Kann sich die Regierung nicht leisten“
Unklar ist, wie viel Staat und Unternehmen für die Umstellung auf Wasserstoff finanziell aufwenden müssen. Laut solarenergie hängen die Kosten für grünen Wasserstoff von der Herkunft des eingesetzten Stroms ab. Bei der Verwendung von Solarstrom belaufen sie sich auf knapp 6 €/kg Wasserstoff, bei Windenergie auf etwa 4 €/kg. Je nach Verfügbarkeit von grünem Strom können die Herstellungskosten regional auf bis zu 2,50 €/kg sinken. Experten rechnen mit einem Investitionsbedarf von vielen Milliarden Euro. Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger stellt 700 Millionen Euro bereit, um Wege zur Wasserstoff-Herstellung zu optimieren. Doch wird das reichen?
„Ein wesentlicher Fehler bei der Wasserstoffstrategie ist, dass die deutsche Regierung davon ausgeht, dass sie das im Wesentlichen finanzieren oder kofinanzieren, das werden sie garantiert, nicht tun.Das können Sie sich überhaupt nicht leisten“, hieß es von Schlögl. Für den Elektrolyseur, den Speicher und das Kraftwerk müsse man für jede Stunde zahlen, auch wenn sie nicht im Betrieb seien. „Deswegen entsteht ein irrsinniger Kostenüberhang.“ Grob gerechnet könne man sagen, dass die Kosten für die Erzeugung von erneuerbarer Energie doppelt so hoch, vielleicht wie die von Fossil.
Falscher Ansatz bei Wasserstoff-Strategie? „Habeck muss Spielregeln definieren“
„Herr Habeck soll sich um die Dinge kümmern, die er als Staat unbedingt regeln muss, und das Einzige, was er nicht unbedingt regeln muss, das ist das Subventionieren“, urteilt Schlögl. Stattdessen müsste der Staat „Spielregeln“ definieren und „Rahmenbedingungen“ zu schaffen. „Das Wichtigste wäre mal zu einer Übereinkunft zu kommen, wie man den Wert von Wasserstoff bestimmt. Man braucht eine juristische, international eindeutige Definition, was das ist. Sie ist aber Voraussetzung dafür, dass irgendjemand mal ein Geschäftsmodell machen kann.“
Diese Aufgabe sieht Schlögl allerdings nicht nur bei der Bundesregierung. „Es braucht mindestens die Idee von Olaf Scholz mit dem Klimaclub“, so der Experte. „Die könnten das definieren. Wenn zum Beispiel die G7-Staaten bestimmen, wie man einen Wasserstoffpreis festlegt, dann ist das allgemein gültig.“ Zudem müsse wissenschaftlich definiert werden, was grüner Wasserstoff eigentlich ist.
Habecks Wasserstoff-Strategie „ist langsam, geht aber in die richtige Richtung“
Grundsätzlich kommen die Wissenschaft zu dem Schluss, dass Habecks Strategie ein richtiger Ansatz ist. Zwar ist sie „langsam, geht aber in die richtige Richtung“, sagte Schlögl und lobt den Wirtschaftsminister, dass „überhaupt Initiative ergriffen wird“. Grundsätzlich erkennt die Wissenschaft an, dass Habecks Wasserstoff-Strategie ein richtiger Ansatz ist. Sie sei „langsam, geht aber in die richtige Richtung“, sagte Schlögl und lobte den Wirtschaftsminister, dass „überhaupt Initiative ergriffen wird“. „Habeck hat die erste Version der Wasserstoff-Strategie stark korrigiert“, so Schlögl.
Ob durch Habecks Wasserstoff-Strategie letztlich die angestrebte Klimaneutralität ab 2045 erreicht werden kann und ob die Energiewende gelingen wird, bleibt von einigen Faktoren abhängig. „Energiewende kann man nicht erzwingen. Diese Kommandostruktur ist nicht richtig und schadet den Grünen politisch sehr. Vielleicht diskutiert Habeck die Wasserstoff-Strategie erst mit den Vertretern“, sagte Schlögl.
„Solange das BMWK bzw. die Bundesregierung technologiespezifisch nach eigener Auswahl fördert und nicht gemessen an der Klimabilanz des Produktes, sehe ich die Ziele nicht erreichbar. Ich sehe hier sehr starke Parallelen zum umstrittenen Fokus auf Wärmepumpen im ausgebremsten GEG“, sagte Gradel.
Wasserstoff-Strategie wichtig für Klimaziele – in Deutschland fehlt jedoch Technologieoffenheit
Grüner Wasserstoff könnte künftig für das Erreichen Klimaziele unabdingbar werden. „Klimaneutralität kann ohne grünen Wasserstoff nicht erreicht werden“, sagte Hoster. Generell sei Wasserstoff als Energieträger der Zukunft unverzichtbar. Auf klimafreundlich hergestellten Wasserstoff zu setzen, hält auch Gradel für eine „kluge Entscheidung, wenn man die Einsatzbereiche weise wählt.“ „Neben einer schnellen Energiewende schafft die Wasserstoffbranche derzeit auch viele begehrte Arbeitsplätze, Deutschland ist in vielen Bereichen in dieser Branche führend“, sagte Gradel. (bohy)