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Von Nine Eleven bis zum Trojanischen Pferd: Staaten haben seit jeher einen blinden Fleck, der zum Einfallstor für Angreifer werden kann.
Tel Aviv – Der Moment, in dem Geschichte geschrieben wird, kündigt sich selten an. Die Menschen leben in ihrem Alltag; alles scheint zu funktionieren – oder die Tage vollziehen sich im gewohnten Chaos. In Israel war der 7. Oktober so ein Tag, an dem die Menschen das taten, was sie gewöhnlich eben so tun.
Sie kaufen ein, gehen zum Strand, tanzen auf einem Festival. Niemand ahnt, dass ein Bulldozer gerade dabei ist, den zwischen dem Gazastreifen und Israel befindlichen Grenzzaun einzureißen und so den Weg für einen tödlichen Angriff der Terrormiliz Hamas freizumachen.
Nur wenige Tage nach Ausbruch des Kriegs in Israel diskutiert das Land, wie das passieren konnte, da man doch einen der besten Geheimdienste der Welt habe. Doch der blinde Fleck in der Wahrnehmung, der den Angriff mit seinen verheerenden Folgen nicht erkennen ließ, ist ein Muster in der Weltgeschichte, das immer wiederkehrt.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




War Hamas-Anschlag der 11. September Israels?
Auch der 11. September 2001 war zunächst ein ganz normaler Tag. Der Himmel über New York tiefblau, keine Spur von den dunklen Wolken des herannahenden Terroranschlags. Doch während die Menschen in ihrer Alltäglichkeit versunken waren, machten sich die Terroristen bereits zielstrebig auf den Weg, einen der massivsten Terroranschläge der Geschichte vorzubereiten.
Als die Flugzeuge in das World Trade Center flogen und rund 2500 Todesopfer und viele Verletzte forderten, fühlten sich die USA und die westliche Welt im Schock, man sah sich vom Lauf der Geschichte überrumpelt. Feuerwehrleute fuhren in der Meinung zu einem Einsatz raus, es handele sich um ein Gasleck, um das sie sich kümmern müssten. Doch sie mussten mitansehen, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center hineinkrachte.
Wie konnte es sein, dass ein so massiver Angriffsplan nahezu unbemerkt umgesetzt werden konnte, den Augen der Öffentlichkeit bis zum letzten Moment verborgen? Henry Kissinger sagte damals, man müsse dem Geheimdienst nun wohl einige Fragen stellen. In der Tat hatte es wohl Hinweise gegeben, Umstände, Begebenheiten, die sich erst im Nachhinein rekonstruieren ließen; man hätte den mörderischen Plan Osama bin Ladens erkennen können.
Undenkbares wird plötzlich zur Realität: Angreifer nutzen blinden Fleck aus
Nine Eleven ist die Geschichte einer Überrumpelung, wie es sie schon in vielfältiger Form in der Historie gegeben hat. Plötzlich ist das zuvor Undenkbare Wirklichkeit geworden. Die alte Frage, ob Geschichte ein Bündel von Zufällen ist oder ob wir in ihr Gesetzmäßigkeiten erkennen können, neigt sich hier zum Ersteren. Die Menschen können nichts vorhersehen, die scheinbare Stabilität ist nur geborgt. Und selbst Großmächte haben in einem entscheidenden Moment den blinden Fleck, weshalb sie die ganze Wirklichkeit nicht erfassen und sich die Lücke auftut, in die dann das Unvorhergesehene einbricht.
Der blinde Fleck gegenüber der Gefahr ist seit alters her Teil der Mythologie. Schon Homer hat dies in seinem Schlachtenepos, der „Ilias“, besungen. Die Angreifer schienen ja weg zu sein, Troja sicher. Das hölzerne Pferd, welches man vorfand, zog man hinter die massiven Stadtmauern und führte so den eigenen Untergang herbei, da es voller Soldaten des Feindes, der Achaier, steckte. Man war auch hier auf die Gefahr hingewiesen worden, doch die Warnungen des Laokoon und der Kassandra blieben unbeachtet.
Wenn mächtige Staaten die drohende Gefahr übersehen
Auch viele Jahrhunderte später neigen Supermächte dazu, die nahende Gefahr zu übersehen. Nur so lässt es sich erklären, dass der Eiserne Vorhang plötzlich so löchrig wie ein Sieb erschien, als ein 18 Jahre alter Privatpilot am 28. Mai 1987 mit einer Cessna Hunderte von Kilometern von Helsinki aus über sowjetisches Territorium flog, um dann ungehindert auf dem Roten Platz zu landen. Zwar stiegen immer wieder Abfangjäger auf, um das auf dem Radar sichtbare unbekannte Flugobjekt zu stoppen. Doch durch eine gewisse Unentschlossenheit der Militärs war der Weg für Mathias Rust Richtung Moskau trotz der militärischen Abfangvorrichtungen der Supermacht frei.
Der verantwortliche Oberkommandierende der sowjetischen Luftwaffe, Alexander Koldunow, verlor seinen Job. Der Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, entließ weitere 300 hochrangige Militärs. Er konnte missliebige Gegner nun einfacher kaltstellen und seine Reformbemühungen vorantreiben. Die Annäherung an den Westen wurde intensiviert, der Abzug aus Afghanistan beschlossen.
Rust war nach eigenen Angaben unterwegs, um etwas für den Frieden zu tun. Und dabei legte er etwas offen, was in den Augen der Sowjets bis dahin für völlig unmöglich gehalten wurde. Ihm wurde der Prozess gemacht, die Staatsanwaltschaft wollte ihn für acht Jahre hinter Gittern sehen, aber weil er ja so jung und einsichtig sei, wurde die Strafe halbiert. Am Ende konnte er bereits im Sommer 1988 zurück in die Bundesrepublik.
Überrumpelungseffekt: Die Blindheit der Attackierten
Blind für die Gefahr war auch der sowjetische Führer Stalin. Trotz mehrfacher Warnungen glaubte er nicht an den Überfall der Truppen Nazi-Deutschlands auf sein Land. Doch Hitler hatte seine Armee sich monatelang auf diesen Moment vorbereiten lassen. Am 22. Juni 1941 fiel sie in die UdSSR ein.
Im Haus der Geschichte in Bonn kann man den Bericht eines Wehrmachtssoldaten hören, der den Überrumpelungseffekt gegenüber den sowjetischen Truppen so beschrieb: „Die kamen sogar noch in Nachthemden raus und haben dann geschossen. Die waren völlig überrascht.“ Der Angriff sollte sich als großer Fehler Hitlers herausstellen und führte letztlich zum Untergang der NS-Diktatur.
Der Überrumpelungseffekt geht in der Geschichte immer mit einer Blindheit der Angegriffenen einher. So war es schon bei Hannibal, der die Römer mit seinem Angriff überraschte, obwohl der Weg über die Alpen und die Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hatten. Der karthagische Feldherr musste sein Heer schließlich von Iberien über das südliche Gallien bis nach Italien führen. Die Römer sollten für die Fehleinschätzung der Lage teuer bezahlen. Im August 216 v. Chr. erlitten sie ihre wohl schlimmste Niederlage, als Hannibals Armee in Cannae 16 römische Legionen vernichtete. Hannibals Alpenüberquerung gilt als taktische Meisterleistung, die Schläfrigkeit der Römer als ihr wohl größtes Desaster.
Es ist nicht allein der Kampf gegen den Terror oder andere Mächte
Aber nicht allein Auseinandersetzungen mit Terroristen oder fremden Mächten führen solche Momente des Sich-Täuschens mit sich. Das gilt auch für die politische Stabilität im eigenen Land. Ein gutes Beispiel hierfür ist sicher die Revolution von 1848, die von den nach Veränderung drängenden Kräften wie den Liberalen nicht beabsichtigt war. Es waren Umstände und Zufälle, die dazu führten, dass Könige und Kanzler die Flucht ergriffen und den Revolutionären die Hauptstädte überließen. Der große deutsche Soziologe Max Weber sah für solche Ereignisse, die sich 1918 in ähnlicher Form wiederholen sollten, einen Erosionsprozess am Werk, der schon länger im Gang war.
1918 habe gezeigt, so Weber, „wie die Sprengung der Traditionsgebundenheit durch den Krieg einerseits und den Prestigeverlust durch die Niederlage andererseits in Verbindung mit der systematischen Gewöhnung an illegales Verhalten in gleichem Maß die Fügsamkeit in die Heeres- und Arbeitsdisziplin erschütterten und so den Umsturz der Herrschaft vorbereiteten“. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. musste schließlich abtreten und floh in die Niederlande. Der Abgang des einst so starken Herrscherhauses war so schmachvoll, dass selbst konservative Kreise das blanke Entsetzen überkam.
Ähnliches hatte auch der russische Zar Nikolaus II. zu spüren bekommen, als er 1917 von den Bolschewiki festgenommen wurde. Er und seine Familie wurden am Ende im Keller des Hauses, in dem sie festgehalten wurden, erschossen. Auch er hatte den Lauf der Geschichte ignoriert, vor dem ihn sein mysteriöser Berater Rasputin so sehr gewarnt hatte. Der Krieg gegen Deutschland werde ihn seinen Thron kosten, hatte ihm der Mönch mitgeteilt, als der russische Zar noch alle Optionen in der Hand hielt, den Waffengang zu vermeiden. Doch auch er wollte die Gefahr nicht sehen – und ging folglich unter.
Das Ende der DDR: Scheiterte der Staat am blinden Fleck?
Ein Zettel sorgte am frühen Abend des 9. November 1989 für eine gewaltige Veränderung in der deutschen Geschichte. Es wurde gerätselt, was auf diesem wohl stand, als der ostdeutsche Politiker Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz etwas ablas. Er trug den Ministerratsbeschluss über eine neue Reiseregelung vor. Auf die Frage eines Journalisten, wann denn dieser Beschluss in Kraft trete, entgegnete Schabowski: „Nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich ...“ Damit waren die Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten unwiderruflich geöffnet. Schabowski hatte sich schlicht vertan.
Vielleicht war es auch hier der blinde Fleck, weshalb er die wesentlichen Teile des Zettels übersehen hatte, bei denen es sich um eine „Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR“ handelte, was erst einen Tag später, womöglich aber gar nicht kundgetan werden sollte. Damit war die DDR quasi Geschichte. Angekündigt hatte sich auch dieser Moment nicht.

