Geiseln der Hamas

Nach dem Überfall der Hamas auf Israel: Auf der Suche nach Tamar

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In Tel Aviv bitten Angehörige von Vermissten und Entführten die Weltöffentlichkeit um Hilfe: Keren Shem (mit Bild) erzählt von ihrer Tochter Mia.
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Eine junge Frau geht auf einem Festival in Re‘im, in der Nähe von Gaza, tanzen. Seit einer Woche vermisst ihre Schwester Adva sie, Tamar ist eins der Opfer des Überfalls der Hamas auf Israel. Ist sie tot, oder in Händen der Terroristen?

Tel Aviv – Adva Gutman Tirosh schaut kein Fernsehen. „Ich ertrage es nicht“, sagt die 38-Jährige aus Beersheba in der Wüste Negev. Ihre jüngere Schwester Tamar ist seit dem Hamas-Überfall auf das „Supernova“-Musikfestival beim Kibbutz Re’im im Süden Israels vermisst. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt. Bis heute nicht. So verfolgt nun Advas Ehemann Gideon die Nachrichten über den Krieg, der noch keiner ist, sich aber längst so anfühlt. Gideon sieht sich auch von der Hamas in den sozialen Medien veröffentlichte Videos ihrer Gewalttaten an auf der Suche nach Tamar.

Die 27-Jährige war mit vielen anderen jungen Leuten am Samstag vor einer Woche feiern, keine zehn Kilometer entfernt von der angeblich undurchdringlichen Grenze zu Gaza. Handy-Aufnahmen zeigen, wie die Menschen von den ersten Raketen am Himmel sich noch gar nicht weiter stören ließen. Erst als die Terroristen auftauchten und zu schießen begannen flohen sie in panischer Angst. Fast 300 Menschen werden getötet. Ist Tamar untern ihnen? Oder wurde sie nach Gaza verschleppt?

Zwei der vier Freund:innen Tamars sind tot

Die junge Frau ging selten zu Partys – „wegen gesundheitlicher Probleme hat sie nicht oft die Möglichkeit dazu“, berichtet ihre Schwester Adva. Tamar leidet an der Darm-Krankheit Morbus Crohn. Begleitet wurde sie deshalb von vier engen Freund:innen. Zwei davon sind unter den identifizierten Toten von Re’im. Die anderen beiden verloren Tamar bei der Flucht aus den Augen. „Wir wissen gar nichts“, sagt Adva. Die israelischen Behörden haben auch noch nicht alle Leichen identifiziert, viele Angehörige von Vermissten leben daher noch in grausamer Ungewissheit.

So geht es auch Adva, die in einem Video-Telefonat nach etwas mehr als eine Woche Warten mit der FR spricht. Die Ärztin spricht Englisch, nur selten sucht sie nach der richtigen Entsprechung für ein hebräisches Wort. Advas Whatsapp-Profilbild zeigt sie in einem freudigen Moment mit ihrem Mann und zwei Töchtern; nun stehen ihr die Sorge, Wut und Trauer dieser Tage ins Gesicht geschrieben. Ihre Stimme bricht immer wieder, manchmal kämpft sie mit Tränen. „Die Pausen“, während derer ihr Gegenüber das Gesagte notiert, „sind gut“, sagt sie: „Dann habe ich einen Moment, mich zu fassen.“

Ein Raketenalarm unterbricht das Gespräch. Adva meldet sich kurz darauf aus dem Schutzraum ihres Hauses zurück. Und verlässt diesen einige Minuten später gleich wieder, damit ihre Töchter, vier und sieben Jahre alt, sie nicht weinen sehen. „Sie wissen schon zuviel von dem, was passiert ist“, sagt Adva.

„Es gibt keine guten Nachrichten“

Auch am Tag des Überfalls hatte es einen Raketenalarm gegeben, der die Familie um sechs Uhr früh weckte. Aus dem Schutzraum schrieb Adva dann Tamar Nachrichten, ihre Schwester habe zu dem Zeitpunkt noch nicht realisieren können, wie verheerend der Angriff der Hamas war und habe gehofft, dass das bei dem Festival anwesende Sicherheitspersonal alle werde schützen können. Die letzten Nachrichten von ihrer Schwester empfing Adva um 7.30 Uhr.

Seitdem sucht die Familie nach Tamar, „aber bisher gab es keine guten Nachrichten“, sagt Adva. Sie erinnert sich daran, dass Tamar nach den ersten Minuten des Überfalls fragte, wie es ihren Nichten geht, statt vor allem um sich selbst Angst zu haben: „Sie war so eine sorgsame Person.“ Manchmal spricht Adva in der Vergangenheitsform von ihrer Schwester, dann korrigiert sie sich schnell wieder: „Wir haben immer noch Hoffnung.“

Anlass dazu kann ihr aber niemand geben. Vor dem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau hat Adva bei Polizei und Armee nachgefragt, die ihr nichts Neues sagen konnten. Adva hat im Soroka-Krankenhaus in Sderot nach Tamar gesucht und mit Überlebenden des Angriffs gesprochen. Aber niemand von ihnen habe Tamar bei dem Festival oder danach gesehen. Stattdessen sind auch die Hilfskräfte tief erschüttert von dem, was sie dort fanden. „Hamas hat nicht nur Menschen erschossen“, gibt Adva wieder, was sie von den Helfenden gehört hat und was internationale Medien nach eigenem Augenschein immer wieder schockiert betätigen: „Sie haben sie auch enthauptet, verbrannt, Frauen vergewaltigt. Ich hoffe, dass niemand jemals wieder so etwas mitansehen muss.“ Sie sagt, sie sei sich angesichts der Brutalität nicht sicher, was sie für ihre jüngere Schwester hofft – „unter den Toten zu sein oder in den Händen der Hamas“. Wirklich sicher ist sie sich: „Wir müssen die Geiseln befreien und zurückbringen.“

Die Welt soll die Brutalität des Hamas-Überfalls verstehen

Auch deshalb sei es ihr wichtig, mit der Weltöffentlichkeit zu teilen, was sie in gerade durchlebt. „Wir wollen hören, dass die Welt diese Taten verurteilt, dass sie nicht stumm darüber bleibt. Die Welt muss den Grad der Brutalität verstehen. Eine moralische Welt muss die Hamas stoppen.“

Tamar und Adva sind die Enkelinnen von Holocaust-Überlebenden mit Wurzeln in Polen und Ungarn. „Ich bin so froh, dass sie nicht mehr miterleben, was jetzt passiert ist“, sagt Adva unter Tränen. Die Erinnerung an die Shoah dränge sich einfach auf, wenn sie sich vor Augen führt, was Israel jetzt bedroht. Die Terroristen hätten sich als „unmenschliche Personen“ gezeigt – „so, so viel schlimmer noch als der IS“.

Tamar Gutman ist eins der Opfer des Hamas-Überfalls auf ein Musikfestival in der Nähe des Gazastreifens

Tamar studiert Jura, wegen Morbus Crohn musste sie in den vergangenen Jahren immer wieder ins Krankenhaus, konnte ihr Studium nicht wie gewünscht verfolgen. Die Krankheit macht Tamars Familie noch zusätzlich Sorgen für den Fall, dass sie nach Gaza verschleppt wurde. Schon unter anderen Umständen als der aktuellen Blockade des Gebiets wären die Medikamente, auf die Tamar angewiesen ist, dort kaum verfügbar. Tamar sei immer für andere da, vor allem ihre Familie, aber auch für streunende und kranke Tiere, um die zu kümmern ihr eine Herzensangelegenheit sei, berichtet Adva. Tamar backe leidenschaftlich gern. Auch bei diesen Versuchen, ihre Schwester zu beschreiben, verfällt sie immer wieder in die Vergangenheitsform. Die Häuser von Tamar und Adva sind nur wenige Minuten entfernt, bis zu dem Anschlag haben sich die Schwestern und ihre Eltern täglich gesehen. Jetzt läuft Tamars Hund auf der Suche nach ihr zwischen den Häusern verloren hin und her.

„Wir können nicht mehr neben diesem Monster leben“

Adva versucht, neben ihrer Schwester auch die anderen Terroropfer wahrzunehmen. Sie sagt: „Wir können neben diesem Monster nicht mehr leben, so keine Kinder großziehen.“ Sie meint damit genauso die Israelis wie die palästinensische Zivilbevölkerung in Gaza: „Auch sie muss von Hamas befreit werden, auch sie wird von ihnen unterdrückt.“

Zum Schluss des Gesprächs sagt Adva: „Ich wünsche allen Familien, die Angehörige vermissen, dass diese schnell und gesund zurückkommen, den Verletzten dass sie sich erholen, und ich trauere mit denen, die geliebte Menschen verloren haben.“

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