Drei Wochen liegt der Terrorangriff der Hamas inzwischen zurück, der israelische Gegenangriff läuft, zwar noch weniger heftig als befürchtet, aber schon mit vielen zivilen Toten.
Köln – „Der Weg der Gewalt: Kann das Sterben in Nahost gestoppt werden?“ hieß es am Montagabend bei „Hart aber Fair“, wo sich im Gegensatz zu einem oft sehr einseitigen Diskurs, wie man ihn in den letzten Tagen vor allem bei konservativen Medien erleben konnte, eine Runde versammelt hatte, die es schaffte, die Komplexität der Situation zumindest in Ansätzen anzudeuten.
Was selbstverständlich in keiner Weise bedeutete, dass irgendjemand den Terror der Hamas zu verharmlosen versuchte. Der ehemalige Innenminister Gerhart Baum von der FDP zeigte sich entsetzt über den Hass, der in der muslimischen Welt entstanden ist, aber auch über den Antisemitismus in Deutschland, den er in dieser Intensität noch nie erlebt habe: „Dass die Palästinenser für ihre Ziele kämpfen können, ist klar, aber wer anfängt diese verbrecherische Gewalt zu rechtfertigen, der stellt sich außerhalb jeder Verhandlungslösung.“
Krieg in Israel bei „Hart aber fair“: Oberstes Ziel ist die Befreiung der Geiseln
Ob man mit Terroristen verhandeln soll, ist eine angesichts von über 200 Geiseln wichtige Frage, wie auch Shimon Stein, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, betonte. „Die Geiseln zu befreien, ist die höchste Priorität. Das Militär und die Politik haben versagt und müssen jetzt alles für die Geiseln zu tun“ führte Stein bei „Hart, aber fair“ in der ARD aus. In Israel gehe die Zustimmung zu einer Bodenoffensive zurück. Nur noch 50 % der israelischen Bevölkerung ist für eine sofortige Offensive und würde lieber erst alles versuchen, die Geiseln freizukommen, meinte Stein und hinterfragte auch das oft geäußerte Ziel, die Hamas müsse vernichtet werden. Wie solle das geschehen, fragte Stein, denn die Hamas ist auch eine Ideologie, eine Idee, die sich mit militärischen Mitteln nicht zerstören lassen wird.
Was eine Bodenoffensive überhaupt erreichen könnte, fragte Louis Klamroth Peter Neumann, Publizist und Professor für Sicherheitsstudien in London, der in Büchern wie „Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus“ und „Der Terror ist unter uns – Dschihadismus und Radikalisierung in Europa“ den Terrorismus und seine Bekämpfung analysiert hat. „Es muss darum gehen, die militärischen Fähigkeiten der Hamas zu vernichten, damit sie auf Jahre nicht in der Lage sind, so eine Aktion durchzuführen.“
Israel-Krieg: Die Vernichtung der Hamas ist eine Illusion
Das Ziel einer vollständigen Vernichtung der Hamas sah Neumann allerdings skeptisch. Er verwies auf ähnliche Ziele in Afghanistan, wo die Taliban zerstört werden sollten, was bekanntlich auch nach 20 Jahren Krieg nicht gelang, den Irak, wo Aufständische vernichtet werden sollten und der IS entstand oder Libyen, wo ein Diktator gestürzt wurde, aber vollständiges Chaos hinterlassen wurde.
Israel dürfe mit einer großen Bodenoffensive nicht in die Falle der Hamas tappen, meinte Neumann und führte aus: „Es wird nicht die eine Bodenoffensive geben, sondern gezielte Inkursionen, um die Tunnel der Hamas zu vernichten.“ Dass viele dieser Angriffe Nachts stattfinden, habe sicher auch damit zu tun, dass dadurch problematische Bilder verhindert werden könnten, die in der Weltöffentlichkeit für Entsetzen sorgen würden.
Dort ist die Stimmung ohnehin zunehmend gespalten, wie sich am letzten Freitag in der New York bei der UNO-Vollversammlungen zeigte. Diese hatte zu einer sofortigen, vollständigen Waffenruhe aufgerufen, allerdings ohne in der Resolution die Hamas auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Deutschland hatte sich bekanntermaßen der Stimme enthalten, was für viel Kritik von seinen Israels führte.
Lamya Kaddor von den Grünen, Bundestagsabgeordnete und Islamwissenschaftlerin, versuchte die Haltung ihrer Außenministerin zu verteidigen: „Man muss die Tür für Verhandlungen offenhalten“, meinte Kaddor, denn die arabischen Länder würden sehr genau hinsehen, welche Position einnimmt. Gerade die Nachbarn Israels müssten nun in die Pflicht genommen werden, ihren Einfluss zu nutzen, um auf eine Lösung hinzuwirken.
Dass der aktuelle Akt des seit Jahrzehnten andauernden Konfliktes durch die Hamas begann, daran ließ auch Kaddor keinen Zweifel. Sie sprach sich allerdings deutlich dafür aus, Empathie mit allen Toten zu haben, womit sie sowohl die Opfer des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober meinte, als auch die zivilen Opfer der israelischen Angriffe. Eine vorsichtige Aussage, die Komplexität des Konfliktes andeutete, aber auch, dass es problemlos möglich ist, solidarisch zu Israel zu sein, ohne gleich die Palästinenser zu vergessen.
„Es ist eine humanitäre Katastrophe“
Ähnliches versuchte auch Aref Hajjaj, Vorsitzender des Palästina-Forums Bonn, der bei Louis Klamroth in der ARD betonte, dass Krieg im Nahen Osten noch nie zum Frieden beigetragen hat. „Ich bin entsetzt über die Gräueltaten der Hamas, die nicht für die Palästinenser als Ganzes sprechen“, sagte Hajjaj, und weiter: „Als Deutsch-Palästinenser bin ich aber tief unglücklich über die Ereignisse in Gaza. Es ist eine humanitäre Katastrophe, die nicht dazu beitragen wird, die Hamas zu vernichten, zumal die Opfer in erster Linie Zivilisten und Kinder sind.“
Hajjaj war es auch, der die Diskussion auf eine entscheidende Frage brachte: Was kommt nach der Hamas, wer füllt das Machtvakuum in Gaza, das nach einer militärischen Niederlage der Hamas entstehen würde. Eine bemerkenswerte nachdenkliche, differenzierte Position nahm hier der Israeli Shimon Stein ein, der zunächst betonte, dass die „Hamas der Feind aller Palästinenser ist, die eine Zweistaaten Lösung wollen.“ Und weiter „Wir Israelis werden Abschied nehmen müssen von der Annahme, dass wir eine Normalisierung mit den arabischen Ländern bekommen können, ohne dass die Palästinenserfrage geklärt ist. Israel hat diese Frage verdrängt.“
Angesichts der aktuellen israelischen Regierung und des nun durch die Hamas provozierten Krieges scheint die Haltung, die Stein ausdrückte, nicht unbedingt dem israelischen Mainstream zu entsprechen. Hat man in den letzten Tagen jedoch nicht nur konservative deutsche Medien oder gar die sozialen Meiden verfolgt, sondern auch einmal internationale Zeitungen, vielleicht sogar die israelische Zeitung Haaretz, konnte man Positionen wahrnehmen, die Hoffnung machen, dass sich irgendwann vielleicht doch ein Ausgleich zwischen den beiden Völkern finden lassen wird. (Michael Meyns)