VonJana Stäbenerschließen
Wer kümmert sich um die Menschen, die unter den Spätfolgen einer Corona-Infektion leiden? Kaum jemand. Die Gründe dafür liegen auf der Hand.
„Manchmal will ich nur noch hinschmeißen und heulen“, sagt Conny Werner BuzzFeed News Deutschland, einem Portal von IPPEN.MEDIA. Die Allgemeinmedizinerin aus der Nähe von Ulm sieht müde aus. Sie ist eine der wenigen Hausärztinnen mit Kassenzulassung, die Patienten mit dem Post-Covid-Syndrom behandeln.
Auch Jahre nach Ende der Corona-Pandemie gibt es noch immer keine spezifische Behandlung für das Krankheitsbild ME/CFS aufgrund von Long Covid. Ärzte und Ärztinnen stehen deshalb vor Hürden, die Behandlung abzurechnen. Für jeden Patienten braucht sie „locker 1,5 Stunden Vorbereitungszeit“, die sie von den Krankenkassen nicht bezahlt bekommt. Das einzige, was sie abrechnen könne, seien Gespräche, sagt Werner.
Long Covid, Post-Covid-Syndrom, Post-Vac-Syndrom und ME/CFS
Long Covid ist der Überbegriff für Beschwerden nach einer Corona-Infektion, die mehr als vier Wochen nach der Ansteckung noch auftreten. Als Post-Covid-Syndrom werden Beschwerden bezeichnet, die noch mehr als zwölf Wochen nach Beginn der SARS-CoV-2-Infektion vorhanden sind und nicht anderweitig erklärt werden können. Als Post-Vac-Syndrom werden Spätfolgen nach einer Corona-Impfung bezeichnet. Sie treten jedoch wesentlich seltener auf als Long Covid.
Bei einem Teil der Betroffenen entwickelt sich infolge einer Corona-Infektion ein Krankheitsbild, das Ähnlichkeit mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom (ME/CFS) aufweist. Bislang ist unklar, wie groß der Anteil von Menschen mit ME/CFS nach einer SARS-CoV-2-Infektion ist. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist mit dem Fortschreiten der Pandemie jedoch in den nächsten Jahren von einer Zunahme an ME/CFS-Fällen auszugehen.
Schon 2022 warnte die Initiative Long Covid Deutschland, „Post Covid nicht als Kollateralschaden zu ignorieren“.
Long Covid: Hausärzteverband fordert „deutliche Aufwertung von Gesprächsleistungen“
„Die Diagnostik von Long Covid ist komplex“, sagt der Hausärzteverband (HAEV) BuzzFeed News Deutschland. „Die Differenzialdiagnose erfordert daher umfassende Gespräche, die natürlich entsprechend Zeit brauchen.“ Dass es für diese Gespräche kaum Geld von den Krankenkassen gebe, sei nicht hinnehmbar. „Es braucht eine deutliche Aufwertung von Gesprächsleistungen. Das ist eine Forderung, die wir schon sehr lange erheben und die im Rahmen von Long Covid Erkrankungen natürlich eine besondere Rolle spielt“, so der HAEV.
Die Long-Covid-Patienten, die zu Werner in die Praxis kommen, werden nicht weniger. Nach der Deltawelle 2022 seien allein unter ihren Bestandspatienten drei bis vier neue Fälle pro Tag hinzugekommen, erzählt sie. „Seither sind es auf stabilem Niveau etwas weniger. Aber der Zustrom nimmt nicht ab. Unsere Warteliste ist eine DIN A4 Seite lang“, sagt die Internistin. Verlässliche Daten zu Long-Covid-Fällen gibt es laut RKI nicht. Verschiedene Studien gehen jedoch davon aus, dass sechs bis 13 Prozent der Bevölkerung betroffen sind.
„Die kann ich doch nicht allein lassen“, sagt Werner. Sie behandelt neben ihren eigenen Patienten auch Long-Covid-Betroffenen, die von ihrem Arzt nicht ernst genommen werden. Aufnehmen kann sie diese jedoch nur als Selbstzahler, da sie ihre Praxis sonst nicht mehr wirtschaftlich führen könnte.
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Hausärztin: „Eine Off-Label-Liste wäre eine massive Verbesserung“
Die neue LongCOV-Richtlinie, die im Mai 2024 in Kraft getreten ist, soll Abhilfe schaffen. Sie sieht den Hausarzt als „Koordinator und ersten Ansprechpartner“ vor und will eine „berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung für gesetzliche Versicherte“ ermöglichen.
Das Problem: Momentan werden die Vergütungsregelungen noch vom Bewertungsausschuss bearbeitet. Das Ergebnis wird im November 2024 erwartet. Was die Richtlinie nicht regeln kann, ist der Umgang mit Off-Label-Medikamenten, also Arzneien, die eigentlich für andere Krankheiten vorgesehen sind, von Ärzten aber im Rahmen der Therapiefreiheit auch bei anderen Beschwerden eingesetzt werden dürfen.
Für die erarbeitet das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) gerade mithilfe einer Expertengruppe eine Liste, auf der Off-Label-Medikamente gegen Long Covid stehen. Sie sollen auch außerhalb der Zulassung verordnet und von den Kassen bezahlt werden, entschied Karl Lauterbach bei einem runden Tisch zu Long Covid im September 2023. „Eine massive Verbesserung“, findet Werner. Auch die KBV und der Hausärzteverband befürworten solch eine Liste.
Dies ist ein Artikel von BuzzFeed News Deutschland. Wir sind ein Teil des IPPEN.MEDIA-Netzwerkes. Hier gibt es alle Beiträge von BuzzFeed News Deutschland.
Versorgung von Long Covid Betroffenen – „fürchterlicher Zustand“
Werner sieht das anders. Schließlich setzten Hausärzte im Alltag ständig Off-Label-Medikamente ein, auch bei anderen Krankheiten. Damit nicht weiterhin so viele wertvolle Daten verloren gingen, wäre es ihrer Meinung nach sinnvoller, die Evidenz von Off-Label-Medikamenten in der Praxis zu testen. „Die Patienten wollen das unbedingt! Die werden ausführlich aufgeklärt, es werden bekannte Wirkstoffe in minimaler Dosis eingesetzt und wir kennen die überschaubaren Nebenwirkungen. Da empfinde ich es als unethischer, den Patienten eine Besserung der Lebensqualität vorzuenthalten“, sagt sie.
Vor allem, weil der bisherige Einsatz von Off-Label-Medikamente die Patienten und Patientinnen in zwei Klassen einteile. „Long-Covid-Patienten mit genug Geld haben eine deutliche größere Chance, sich zu stabilisieren“, sagt Werner. Da gebe es zum Beispiel ein vielversprechendes anti-virales Medikament, da koste ein Päckchen für fünf Tage über 1200 Euro. Bei 15 Tagen Einnahme könne man sich ja ausrechnen, was es koste. Die meisten Patienten könnten sich ein solches Medikament schlicht nicht leisten. Oder müssten es absetzen, weil sie es nicht mehr bezahlen können. „Ein fürchterlicher Zustand“, sagt die Internistin.
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