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Wladimir Putin ist fit, redet mehr denn je, sein Wahlsieg am Sonntag gilt als sicher. Trotzdem wirkt der einstige Draufgänger der Nation zusehends als Ballast der eigenen Wahlkampagne. Eine Analyse von Stefan Scholl.
Er sei schon auch in Kampfjets geflogen, habe sie aber nicht gesteuert. Nur einmal hätte ihm der Pilot eines Suchoi-Su-27-Düsenjägers vorgeschlagen, ein „Fass“ zu fliegen, eine 360-Grad-Rolle. „Das habe ich selbst gemacht“, wiederholte Wladimir dreimal, als er das schwindelerregende Manöver kürzlich jungen Pilotinnen der russischen Luftstreitkräfte schilderte.
Von Freitag bis Sonntag wählt Russland Wladimir Putin zum fünften Mal zum Präsidenten. Ein Ergebnis von mindestens 80 Prozent gilt als sicher. Aber die öffentliche Begeisterung um seine Person wirkt künstlicher als früher. Der einstige Offizier des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes KGB, der an diesem Mittwoch, 13. März, vor 70 Jahren gegründet wurde, verkauft sich nur noch mühsam als Russlands James Bond, als Draufgänger und Glückspilz der Nation. Putin, einst die Lokomotive der eigenen Propaganda, droht zur zusehends sperrigeren Fracht zu geraten.
Die Farce für 112 Millonen
Die russischen Präsidentschaftswahlen sind schon im Gang. Seit Ende Februar bis zum vergangenen Montag stimmten bei Vorwahlen in insgesamt 42 meist schwer zugänglichen Regionen knapp 1,5 Millionen Menschen ab.
Auch in den Teilen der ukrainischen Regionen Cherson, Donezk, Lugansk und Saporischschja sind mobile Wahlbusse im Einsatz. Die Abstimmung dort könnte die Anerkennung des Gesamtergebnisses durch das Ausland beeinträchtigen: Im Oktober 2022 hatten die UN die Annexion der besetzten Gebiete als Verletzung der territorialen Unversehrtheit der Ukraine verurteilt.
Insgesamt sind in 89 Gebieten Russlands 112,3 Millionen Wahlberechtigte zu den Urnen gerufen; dazu kommen noch knapp 1,9 Millionen im Ausland.
Bei den achten Wahlen zum Staatsoberhaupt seit 1991 hat Putin es nur mit drei Gegenkandidaten zu tun; damit wurde der Minusrekord von 2008 eingestellt. Alle Mitbewerber sind Abgeordnete der linientreuen Staatsduma, alle lobten Putin im Wahlkampf. Opposition gibt es nicht, die Liberalen Jekaterina Dunzowa und Boris Nadeschdin wurden disqualifiziert. Nun ruft das Exil dazu auf, am Sonntag um 12 Uhr mittags mit Schlangen vor den Wahllokalen wenigstens optisch zu protestieren.
Seit einigen Tagen nehmen Angriffe aus der Ukraine im russischen Grenzgebiet zu. Am Donnerstag wurden Kämpfe zwischen russischen und pro-ukrainischen Truppen aus der Region Kursk gemeldet. Bereits am Dienstag hatten Kämpfer von drei verschiedenen Milizen aus der Ukraine erklärt, nach Russland eingedrungen zu sein; sie setzen sich vorwiegend aus russischen Freiwilligen und Ex-Soldaten zusammen, die einen Systemwechsel in ihrer Heimat wollen. Putin sagte, die Angriffe seien ein Versuch, die anstehenden Wahlen zu stören.
Aus dem grenznahen Belgorod wurden am Donnerstag ukrainische Drohnenangriffe mit zwei Todesopfern gemeldet. Neun Menschen wurden nach Angaben von Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow verletzt. 14 Drohnen wurden angeblich zerstört. ssl/afp
Pünktlich zum Wahlkampffinale lief Mitte Februar die TV-Serie „DDR“ an, in der ein junger KGB-Major 1989 die Machenschaften von CIA und BND durchkreuzt, 1989 war auch der junge Putin als KGB-Major in der kollabierenden DDR unterwegs. Und die sich grausam prügelnden, aber im Grunde herzensguten Sowjet-Teenager in der Erfolgsserie „Wort des Burschen“ verbinden viele Beobachter mit Putins eigenen Narrativ von seiner Jugend als Leningrader Hinterhofhaudrauf.
Die Propaganda müht sich, eine Putin-Legende ins Unterbewusstsein des TV- und Internetpublikums zu manövrieren, gerne auch über Abertausende von Posts und Videos, in denen wie zufällig sein Name, sein Gesicht oder bloß die Wendung „Russland hat nur einen Präsidenten“ auftaucht. Auch das im November als nationale Leistungsschau in Moskau eröffnete „Forum Russland“, das schon acht Millionen Menschen besucht haben, wird immer unverhohlener eine Putin-Wahlveranstaltung. Ein „Ural“-Motorradgespann, auf dem er durch die Krim kurvte, krönt als historische Errungenschaft den Stand der Schwarzmeerhalbinsel. Und Putin-Worte wie „die Grenzen Russlands enden nirgendwo“ flammen als Großbuchstaben auf nachtgrauen Videobildschirmen.
Putin selbst wollte erklärtermaßen schon als Schüler zum KGB. Obwohl die Nachfolgeorganisation von Stalins NKWD vielen in der Sowjetunion unheimlich war. „Er wurde dort von Ausbildern geschult, die unter Stalin selbst aktiv am Massenterror beteiligt waren“, sagt der Historiker Wladimir Ryschkow. Jedenfalls bot die Organisation ihren Angestellten Sicherheit und Macht über das übrige Sowjetvolk. Als Schule für politische Publikumslieblinge war sie freilich nicht gedacht. Die Wahlkampagne, die Putin 1996 als Vizebürgermeister in Petersburg für seinen damaligen Chef Anatolij Sobtschak organisierte, endete mit einer krachenden Niederlage. Putins Aufstieg zum Präsidenten war eher eine dem Klüngel um den greisen Boris Jelzin geschuldete Zufälligkeit.
Aber als Staatschef entwickelte Putin schnell Selbstvertrauen und Redegewandtheit, hatte mit oft derben Witze die russischen Lacher auf seiner Seite.
Putin wirkt körperlich immer noch sehr fit, aber kommunikativ setzt er auf immer längere Predigten zu immer engeren Themen. Schon berüchtigt ist seine mindestens halbstündige Geschichtsvorlesung über die historische Nichtexistenz der Ukraine, mit der er das vermeintliche Sensationsinterview für den vormaligen Fox-Propagandisten Tucker Carlson schon zu Beginn tot redete. Auch seine Scherze wiederholt er. Im Dezember ließ er sich fragen, ob ihm Heringssalat oder Salat Olivier besser schmecke, im März, ob Gurken oder Tomaten. Und antwortete jedesmal grinsend: „Kommt drauf, was man vorher getrunken hat.“
Seit Februar 2022 lacht die Mehrheit sowieso nur noch ungern. Ihre Laune ist schwer messbar, aber der Bedarf an Antidepressiva stieg seitdem um mindestens 70 Prozent. Über 1000 politische Häftlinge – mehr als in der späten Sowjetunion – und der Tod Alexej Nawalnys verstärken die unguten Gefühle. Die unabhängige Meinungsforschungsgruppe Russian Field prophezeit Putin einen 81-Prozent-Wahlsieg. Aber sie fragt auch, wie gestimmt würde, wenn ein respektabler und politisch attraktiver Gegenkandidat auftauchte. Antwort: 47 Prozent wollen auch dann Putin, 41 jedoch die Alternative. Das hieße Stichwahl – und für den Kreml eine Katastrophe.
Aber es gibt keine echten Gegenkandidaten oder -kandidatinnen, keine Konkurrenz, auch keine ebenbürtigen Gesprächspartner mehr. Putin monologisiert immer häufiger, begeistert sich an den eigenen Worten. Er agiert als letzte geistige Instanz Russlands, weiß die Antwort auf jede historische oder moralische Frage, teilt alle möglichen Lebensweisheiten mit seinem Publikum. Putin bluffte immer gern, schwindelte, wenn er es für nötig hielt. Jetzt glaubt er es wohl selbst, wenn er sagt, der russische Mensch denke mehr an „das Ewige“ denn die Pragmatiker im Westen.
Den jungen Militärpilotinnen empfahl Putin Sport und Heißkaltduschen zur Abhärtung. Außerdem zitierte er den Feldmarschall von des Zaren Gnaden Burkhard von Münnich: „Russland wird von Gott direkt regiert.“ Mit der Aussage sei er einverstanden, sagte Putin. Klingt nicht so, als betrachte er die nächsten sechs Jahre im Kreml als das letzte Kapitel seiner Regentschaft.
