„Jedes kleine Mädchen bat um Brot“

Humanitäre Hilfe im Gazastreifen: Verwalter des Elends

+
Ein UNRWA-Mitarbeiter bei der Arbeit im Gazastreifen.
  • schließen

Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge stößt in Gaza längst an seine Grenzen. Ihrem Hilfsauftrag kann die Organisation kaum mehr gerecht werden.

Gaza – Die Vereinten Nationen setzten ihre blau-weißen Flaggen auf Halbmast. UN-Mitarbeitende auf der ganzen Welt gedachten ihrer Kolleg:innen im Gazastreifen. Mehr als 100 Mitarbeitende des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) sind bis vergangenen Montag im Nahost-Krieg gestorben. Nie zuvor verloren die UN in einem Konflikt so viele Helfer:innen. Die Situation sei „unglaublich schmerzlich für uns alle“, klagte UNRWA-Generalkommissar Philippe Lazzarini. Die Menschen im umkämpften Gazastreifen erlebten „die Hölle“.

Ohne die UNRWA wäre die humanitäre Lage in Gaza noch schlimmer. „Dank sei Gott haben wir UNRWA“, lobt deshalb der Chef der gesamten UN-Nothilfe, Martin Griffiths. Israel aber betrachtet den größten Anbieter sozialer Leistungen für Palästinenser:innen mit Misstrauen. Das Hilfswerk verwende in seinen Schulen sogar antisemitisch getränkte Bücher, die Terrorakte glorifizierten. Auf Anfrage dieser Zeitung wies UNRWA diese Beschuldigungen zurück.

UN kann Hilfsauftrag in Gaza im Chaos des Israel-Kriegs kaum gerecht werden

Bildung ist die wichtigste Aufgabe der UNRWA, die in Gaza, im Westjordanland, Ost-Jerusalem, Jordanien, Libanon und Syrien operiert. Im Nahen Osten unterhält die UNRWA mehr als 700 Bildungseinrichtungen mit fast 550.000 Schüler:innen. Das 1949 von der UN-Vollversammlung gegründete Hilfswerk betreibt auch medizinische Einrichtungen, hilft beim Aufbau kleiner Firmen und regelt sogar die Müllabfuhr.

Doch im Chaos des Krieges kann die UNRWA ihren Hilfsauftrag im Gazastreifen kaum mehr gerecht werden. Die meisten der 13.000 UNRWA-Mitarbeitenden in dem Territorium mussten selbst flüchten. Insgesamt harren rund 813.000 Binnenvertriebene in 154 UNRWA-Einrichtungen aus, meistens in Schulen. Dutzende der Gebäude gerieten unter Beschuss. „Jedes kleine Mädchen und jeder Junge, den ich in einer UNRWA-Unterkunft traf, bat mich um Brot und Wasser“, berichtet UNRWA-Chef Lazzarini, ein Schweizer UN-Diplomat.

Im Gazastreifen fehlt es an allem – Nach Ausbruch des Kriegs kam Hilfe schleppend

Ohnehin verwaltet die UNRWA im Gazastreifen nur noch das Elend. Es fehlt an allem, zumal der Treibstoff zur Stromerzeugung und zum Betrieb von Fahrzeugen zur Neige geht. Nach Ausbruch des Kriegs erreichte tagelang gar keine Hilfe das Gebiet. Nun rollen einige Konvois mit Lebensmitteln, Wasser und Medizin heran - aber zu wenige.

Zudem leidet die UNWRA, die 2019 von einem Nepotismus-Skandal erschüttert wurde, unter Geldmangel: Bis zum 13. November erhielt die Organisation deutlich weniger als ein Drittel der benötigten 481 Millionen US-Dollar, um die schlimmste Not in Gaza zu lindern.

Schon vor Beginn des Kriegs durch den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober monierten UNRWA-Offizielle die Unterfinanzierung des Hilfswerks, das von freiwilligen Zuwendungen abhängt. Die meisten Mittel für den 1,6 Milliarden US-Dollar-Haushalt stammen von den USA, der EU und Deutschland.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Um die jährlichen Betteltouren der UNRWA-Chefs bei Geberländern zu vermeiden, fordern Fachleute eine langfristige Finanzierung. „Eine Mischung aus traditionellen und neuen Gebern, darunter China und reiche Golfstaaten“ sollte für Stabilität sorgen, empfiehlt die „International Crisis Group“.

Kommentare, Meinung und aktuelle Politik-Nachrichten - jetzt im FR.de-Newsletter.

Kommentare