VonJan Dirk Herbermannschließen
Das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge stößt in Gaza längst an seine Grenzen. Ihrem Hilfsauftrag kann die Organisation kaum mehr gerecht werden.
Gaza – Die Vereinten Nationen setzten ihre blau-weißen Flaggen auf Halbmast. UN-Mitarbeitende auf der ganzen Welt gedachten ihrer Kolleg:innen im Gazastreifen. Mehr als 100 Mitarbeitende des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) sind bis vergangenen Montag im Nahost-Krieg gestorben. Nie zuvor verloren die UN in einem Konflikt so viele Helfer:innen. Die Situation sei „unglaublich schmerzlich für uns alle“, klagte UNRWA-Generalkommissar Philippe Lazzarini. Die Menschen im umkämpften Gazastreifen erlebten „die Hölle“.
Ohne die UNRWA wäre die humanitäre Lage in Gaza noch schlimmer. „Dank sei Gott haben wir UNRWA“, lobt deshalb der Chef der gesamten UN-Nothilfe, Martin Griffiths. Israel aber betrachtet den größten Anbieter sozialer Leistungen für Palästinenser:innen mit Misstrauen. Das Hilfswerk verwende in seinen Schulen sogar antisemitisch getränkte Bücher, die Terrorakte glorifizierten. Auf Anfrage dieser Zeitung wies UNRWA diese Beschuldigungen zurück.
UN kann Hilfsauftrag in Gaza im Chaos des Israel-Kriegs kaum gerecht werden
Bildung ist die wichtigste Aufgabe der UNRWA, die in Gaza, im Westjordanland, Ost-Jerusalem, Jordanien, Libanon und Syrien operiert. Im Nahen Osten unterhält die UNRWA mehr als 700 Bildungseinrichtungen mit fast 550.000 Schüler:innen. Das 1949 von der UN-Vollversammlung gegründete Hilfswerk betreibt auch medizinische Einrichtungen, hilft beim Aufbau kleiner Firmen und regelt sogar die Müllabfuhr.
Doch im Chaos des Krieges kann die UNRWA ihren Hilfsauftrag im Gazastreifen kaum mehr gerecht werden. Die meisten der 13.000 UNRWA-Mitarbeitenden in dem Territorium mussten selbst flüchten. Insgesamt harren rund 813.000 Binnenvertriebene in 154 UNRWA-Einrichtungen aus, meistens in Schulen. Dutzende der Gebäude gerieten unter Beschuss. „Jedes kleine Mädchen und jeder Junge, den ich in einer UNRWA-Unterkunft traf, bat mich um Brot und Wasser“, berichtet UNRWA-Chef Lazzarini, ein Schweizer UN-Diplomat.
Im Gazastreifen fehlt es an allem – Nach Ausbruch des Kriegs kam Hilfe schleppend
Ohnehin verwaltet die UNRWA im Gazastreifen nur noch das Elend. Es fehlt an allem, zumal der Treibstoff zur Stromerzeugung und zum Betrieb von Fahrzeugen zur Neige geht. Nach Ausbruch des Kriegs erreichte tagelang gar keine Hilfe das Gebiet. Nun rollen einige Konvois mit Lebensmitteln, Wasser und Medizin heran - aber zu wenige.
Zudem leidet die UNWRA, die 2019 von einem Nepotismus-Skandal erschüttert wurde, unter Geldmangel: Bis zum 13. November erhielt die Organisation deutlich weniger als ein Drittel der benötigten 481 Millionen US-Dollar, um die schlimmste Not in Gaza zu lindern.
Schon vor Beginn des Kriegs durch den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober monierten UNRWA-Offizielle die Unterfinanzierung des Hilfswerks, das von freiwilligen Zuwendungen abhängt. Die meisten Mittel für den 1,6 Milliarden US-Dollar-Haushalt stammen von den USA, der EU und Deutschland.
Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert




Um die jährlichen Betteltouren der UNRWA-Chefs bei Geberländern zu vermeiden, fordern Fachleute eine langfristige Finanzierung. „Eine Mischung aus traditionellen und neuen Gebern, darunter China und reiche Golfstaaten“ sollte für Stabilität sorgen, empfiehlt die „International Crisis Group“.
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