VonMartin Benninghoffschließen
Diplomat, Realpolitiker, Machtmensch: Henry Kissinger feiert seinen 100. Geburtstag.
Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2022 in New York der Henry-A.-Kissinger-Preis verliehen wurde, war der Namensgeber wegen einer Corona-Infektion nur per Video zugeschaltet. Doch selbst diese Erkrankung überstand der Hochbetagte, der in seinem Leben fast alles weggesteckt und zudem eine Grundimmunität gegen Kritik im Allgemeinen entwickelt hat. Henry Kissinger, eine lebende Legende der Realpolitik.
Allerdings auch ein lebendes Denkmal, das seit Jahrzehnten angefeindet wird, ja die Kritik geradezu herausfordert. Was alle nur eint, Bewunderer und Kritikerinnen, Kritiker und Bewunderinnen: Kissinger hat einen enormen Einfluss auf die internationale Politik ausgeübt, ob zum Nutzen oder Schaden, darin sind sich längst nicht alle einig. Für die einen ist er der scharfsinnige Analyst und Friedensnobelpreisträger. Für die anderen schlichtweg nur ein schlauer, aber skrupelloser Fuchs, der das US-Hegemonialstreben in praktische und gelegentlich grausame Alltagspolitik übersetzt hat. Ein genialer Machiavellist, wie er im Buche steht. Für andere sogar ein „Kriegsverbrecher“. Ein Begriff, der Kissinger schmerzt, wenn er darauf angesprochen wird.
Als geflüchteter Jude kämpfte Kissinger in Deutschland einst gegen Hitlers Truppen
In der Politik, ob in den USA oder Deutschland, muss man einen wie Kissinger jedenfalls lange suchen. Kein Emigrant aus dem deutschsprachigen Raum hat es im Land der fast unbegrenzten politischen Möglichkeiten so weit geschafft wie der 1923 im fränkischen Fürth als Sohn einer jüdischen Lehrerfamilie geborene Heinz Alfred Kissinger. Mit Ausnahme vielleicht eines berühmten österreichischen Bodybuilders. Wie Arnold Schwarzenegger, der Kalifornien als Gouverneur regierte, hört man auch Kissingers Englisch die Herkunft an, in seinem Falle die fränkische. Damit enden die Gemeinsamkeiten: Kissingers Amerikanisierung nahm im deutsch-europäischen Grauen der Judenverfolgung ihren Anfang. 1938, ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, flohen die Kissingers in die USA, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. 1943 wurde Heinz, der sich nun Henry nannte, eingebürgert. Als junger US-Soldat kehrte er nach Europa zurück, kämpfte gegen Adolf Hitlers fehlgeschlagene Ardennenoffensive und spürte später Gestapo-Beamte und andere NS-Schergen auf.
Nach dem Krieg und seinem Studium lehrte er als Politikwissenschaftler an der Universität Harvard – und machte mit seinen geschliffenen und scharfen Analysen zu Verteidigung und Atompolitik das politische Washington auf sich aufmerksam. Als der Republikaner Richard Nixon 1969 als Präsident ins Weiße Haus zog, machte er Kissinger zu seinem Nationalen Sicherheitsberater, 1973 dann zum Außenminister. Als Chefdiplomat bemühte sich Kissinger um eine vorsichtige Annäherung an die verfeindete Sowjetunion und auch China – und bereitete Nixons berühmten Händedruck mit Mao Zedong vor. Mit Maos Ministerpräsident Zhou Enlai fand Kissinger trotz aller ideologischen Unterschiede eine fruchtbare Basis, die des realpolitischen Pragmatikers. Ein Bild, das Kissinger mit Mao zeigt, steht heute in seinem New Yorker Büro, in dem er – wie er in dieser Woche in der „Zeit“ zu Protokoll gab – noch immer „15 Stunden“ am Tage arbeite.
Der „amoralische“ Henry Kissinger: Der Vietnamkrieg haftet noch immer an ihm
Realpolitik, der Begriff kommt so nüchtern daher, vor Kritik schützt er nicht. Für sein Verhalten im Vietnamkrieg muss sich Kissinger seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit verantworten, vor allem für die Bombardierung der Nachbarn in Laos und Kambodscha. Die unrühmliche Rolle der USA beim Putsch Augusto Pinochets in Chile 1973 hat auch mit Kissingers Unterstützung zu tun. Er stärkte dem rechtsgerichteten Diktator öffentlich, wenn auch mit bemühter Distanz, den Rücken. Auch im Umgang mit anderen Diktatoren und Autokraten ließ der Realpolitiker Milde walten, wenn ihm diese opportun erschien.
Sein Biograf Walter Isaacson beschrieb ihn als „amoralischen“ Politiker, angesprochen werden möchte der außenpolitische Patriarch auf solche Kontroversen nicht mehr. Seinen realpolitischen Ansatz beschrieb er in der Zeit ausführlich und verschlungen, aber eindrucksvoll so: „Das Dilemma eines jeden Staatsmannes ist es, dass er in einer begrenzten Zeitspanne an langfristigen Lösungen arbeiten muss.“ Bestehe er „in jedem Moment auf absoluten Prinzipien“, werde er die „Möglichkeiten einer Gesellschaft überfordern und sie radikalisieren. Ist er nicht bereit, die Gesellschaft zu fordern, wird er nicht in der Lage sein, sie auf die Zukunft vorzubereiten“. Interessant ist es, diese Bemerkung nicht nur im außenpolitischen Kontext zu lesen, sondern sie auf die aktuelle Klima-Debatte um die „Letzte Generation“ zu übertragen.
Es ist ein Beispiel dafür, wie Kissinger aus dem Besonderen des politischen Alltags strukturelle Aussagen mit gewissem Ewigkeitswert generiert. Das macht wahrscheinlich seinen Mythos als Analysten aus.
Kissinger äußert sich stets zu aktuellen Themen – dem Westen empfiehlt er einen Nato-Beitritt der Ukraine
In Interviews beharrt er schon mal darauf, zu aktuellen Themen befragt zu werden – und nicht zu den längst geschlagenen Schlachten. Derzeit arbeitet er an einem Buch zur künstlichen Intelligenz, ein Zukunftsthema, für das sich nur wenige Hundertjährige noch derart engagiert interessieren dürften. Ausreichend Gelegenheit zu Stellungnahmen hatte er viele Jahre auch als offizieller Ruheständler – als einflussreicher Berater und Analyst, Freund und Kollege internationaler Staatsleute wie Altkanzler Helmut Schmidt sowie deutscher Intellektueller wie Marion Gräfin Dönhoff. Ihn als „Transatlantiker“ alter Schule zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung: Kissinger ist mit seiner europäischen Heimat noch immer eng verbunden, obwohl er auch ein vielbeachtetes Buch über China geschrieben hat.
Und so hat Henry Kissinger natürlich auch zum Ukraine-Krieg seine eigene Meinung: In der Zeitschrift The Economist riet er kürzlich dem Westen, das angegriffene Land nicht nur mit Waffen zu versorgen, sondern ihm zugleich eine ernsthafte Perspektive auf einen Nato-Beitritt zu bieten. Und das, obwohl er früher, vor 2014, vor einer Nato-Mitgliedschaft der Ukraine gewarnt hatte, um Russland nicht zu provozieren. Alles andere als ein baldiger Nato-Beitritt sei angesichts der russischen Aggression „gefährlich“, und auch Russland sei so sicherer, argumentierte er, wie üblich durchaus originell. „Ich würde Putin sagen, dass auch er sicherer ist, wenn die Ukraine in der Nato ist.“ Was bei anderen bloßes Wortgeplänkel wäre: Zuzutrauen würde man es ihm, zumal er Putin schon getroffen hat, als der noch ein St. Petersburger Regionalpolitiker war.
Weitgehende Pläne hat Kissinger auch noch als Hundertjähriger: Im Juni 2024 will er nach Europa reisen, nach Großbritannien, aber auch in die Heimatstadt Fürth, um das Grab seines Großvaters zu besuchen. Den dortigen Fußball in der Zweiten Bundesliga verfolgt er ohnehin unerschütterlich. Die Kritik an seinem Lebenswerk wird bleiben, die Bewunderung aber auch. (Martin Benninghoff)

