„Erst im Herbst 2026 spürbar“

„Herbst der Reformen“: Merz weckt offenbar Zweifel in der Union

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Vor allem Friedrich Merz bemüht das Motto „Herbst der Reformen“ für seine Regierung. In der Union winken führende Politiker anscheinend längst ab.

Berlin – Der Herbst ist da und hat schon in seinen ersten Tagen fast alles im Gepäck, was er seit eh und je verspricht: viel Regen, dicke Wolken, kaum Sonnenschein und dürftige Temperaturen. Fehlen nur noch die seit vielen Wochen so vollmundig angekündigten Reformen der Bundesregierung. Kanzler Friedrich Merz hatte von einem wahren „Herbst der Reformen“ gesprochen und zuletzt im Bundestag betont, dieser sei „längst eingeleitet“.

Beim „Herbst der Reformen“ offenbar uneinig: Während Bundeskanzler Friedrich Merz (l.) das Motto propagiert, soll CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn die Ankündigungen kritisch sehen.

Ein Bericht der Bild erweckt nun aber vielmehr den Anschein, der „Herbst der Reformen“ würde ins Wasser fallen. Nicht nur wachse in der Union der Unmut über die Dauer-Ankündigungen des Regierungschefs, heißt es. Sondern auch: Jens Spahn als Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion habe intern bereits die Losung ausgegeben, die Erwartungen herunterzuschrauben. Öffentlich solle nicht mehr vom „Herbst der Reformen“ gesprochen werden.

„Herbst der Reformen“ von Merz: CDU erwartet kaum Fortschritte bis Jahresende

Innerhalb der Union werde nicht mit großen Reformfortschritten bis Jahresende gerechnet. Ergebnisse der in die Spur geschickten Kommissionen wären frühestens für die ersten Monate 2026 zu erwarten. Ein führender CDU-Abgeordneter, dessen Name nicht genannt wird, sagte demnach sogar: „Spürbare Reformen – gerade im Sozialstaat – werden wir eher im Herbst 2026 sehen.“

Erst vor wenigen Tagen hatte auch SPD-Co-Chef Lars Klingbeil unterstrichen, dass seine Partei bereit für tiefgreifende Veränderungen sei. „Diese Regierung muss mutig vorangehen, und das werden wir auch. Der Reformwille auf unserer Seite ist da“, betonte der Vizekanzler und Finanzminister im Interview mit dem Handelsblatt und kündigte „ein gerechtes Gesamtkonzept“ an.

Bereit für Reformen: SPD-Chef Lars Klingbeil will mit der Bundesregierung „mutig vorangehen“.

Zugleich deutete Klingbeil an, dass das Motto „Herbst der Reformen“ etwas zu kurz gegriffen sei: „Wir müssen viel länger reformieren als nur einen Herbst lang. Aber ich will, dass dieses Jahr noch richtig was passiert.“ Das klang nicht so forsch wie Merz, aber deutlich optimistischer als der nicht näher benannte CDU-Politiker.

Opposition wettert über „Herbst der Reformen“: Reichinnek erwartet „soziale Grausamkeiten“

Der Kanzler hatte im Bundestag auch gesagt: „Es geht darum, dass wir die Lasten so verteilen, dass unser Sozialstaat auch künftig funktioniert. Reformen sind unumgänglich.“ In jener Generaldebatte wetterte Heidi Reichinnek, Co-Fraktionschefin der Linken: „Was bei Ihnen ansteht, ist nichts anderes als ein Herbst der sozialen Grausamkeiten. Das werden wir nicht hinnehmen.“

Die Grünen kritisierten derweil, Merz habe zwar soziale Reformen angekündigt, doch es fehle an Vorschlägen zum Bürgergeld und zur Zukunft der Rente. Die Co-Fraktionsvorsitzende Britta Haßelmann sprach daher davon, auf den „Herbst der Reformen“ werde der „Winter der Enttäuschung“ folgen.

Minister unter Merz: Komplette Liste des Kabinetts – von Klingbeil bis zu „neuen Gesichtern“

17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands.
17 Ministerinnen und Minister, dazu ein Bundeskanzler namens Friedrich Merz: Sie bilden das Kabinett der Koalition aus CDU, CSU und SPD und damit die 25. Bundesregierung Deutschlands. © dpa
Fritze Merz Kabinett CDU CSU Minister
Der neue Kanzler (offiziell ab dem 6. Mai): Friedrich Merz hat sein Kabinett zusammengestellt. Der 69-Jährige hat vertraute und neue Gesichter auserkoren. In dieser Fotostrecke finden Sie alle von der CDU bestimmten Minister, auch die von der CSU und SPD sind hier zu finden.  © IMAGO/Uwe Koch
Thorsten Frei Kanzleramtsminister Merz Kabinett
Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes: Thorsten Frei (51) ist einer der engsten Vertrauten von Friedrich Merz und in der CDU angesehen.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Johann Wadephul Außenminister Merz Kabinett
Bundesminister für Auswärtiges: Johann Wadephul (CDU) heißt der neue Außenminister.  © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Katherina Reiche Wirtschaftsministerin Merz Kabinett
Bundesministerin für Wirtschaft und Energie aus der CDU: Katherina Reiche ist 51 Jahre alt und wird die Nachfolge von Robert Habeck antreten. © IMAGO
Karin Prien Bildungsministerin FAmilie merz Kabinett
Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Karin Prien von der CDU wird Bildungs- und Familienministerin, sie ist 59 Jahre alt. © IMAGO/Jens Schicke
Nina Warken Gesundheitsministerin Kabinett Merz
Bundesministerin für Gesundheit: CDU-Ministerin Nina Warken (45) soll die Nachfolge von Karl Lauterbach antreten.  © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Karsten Wildberger Digitalminister Merz Kabinett
Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung: Karsten Wildberger ist die wohl größte Überraschung, der ehemalige MediaMarkt-Chef ist 56 Jahre alt.  © AnikkaxBauer
Wolfram Weimer Minister für Kultur
Kulturstaatsminister: Wolfram Weimer, der 60-Jährige pflegt gute Kontakte in einige Verlage.  © IMAGO/Thomas Bartilla
Schnieder Vekehrsminister CDU Kabinett Merz
Bundesminister für Verkehr: Patrick Schnieder von der CDU soll Verkehrsminister werden. © IMAGO
Dobrindt Innenminister CSU Kabinett Merz Liste
Bundesminister des Innern und für Heimat: Alexander Dobrindt. Der 54-jährige CSU-Mann ist schon zum zweiten Mal Minister. Unter Angela Merkel war er von 2013 bis 2017 Verkehrsminister © IMAGO/ESDES.Pictures, Bernd Elmenthaler
Alois Rainer LAndwirtschaft Merz Kabinett
Landwirtschaftsminister soll der CSU-Politiker Alois Rainer werden. Der 60-Jährige ist durchaus ein überraschender Name, den Söder hier aus den CSU-Kreisen ausgewählt hat.  © IMAGO/Christian Spicker
Bär Ministerin Söder Merz KAbinett
Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt: Dorothee Bär (47) übernimmt das neu zusammengestellte Ministeramt. Die CSU-Politikerin galt von vorneherein als Favoritin aus Bayern.  © IMAGO/Heiko Becker
Klingbeil Kabinett Vizekanzler Finanzminister
Lars Klingbeil wird Vizekanzler und Finanzminister. Der 47-Jährige spricht über die SPD-Minister mit den Worten: „Generationswechsel“ und „neue Gesichter und erfahrene Persönlichkeiten“. Nachfolgend sind alle SPD-Ministerinnen und SPD-Minister aufgelistet.  © IMAGO/FRANK TURETZEK
Boris Pistorius Verteidigunsminister SPD Merz Klingbgeil
Verteidigungsminister bleibt Boris Pistorius, 65 Jahre alt. Er ist eines der prominentesten SPD-Mitglieder des Kabinetts. © IMAGO/Noah Wedel
Der bisherige Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) gilt im Merz-Kabinett als gesetzt, wenn es mit schwarz-rot klappt. Er könnte allerdings das Ministerium wechseln und sogar Vizekanzler werden.
Pistorius ist der einzige Minister der einstigen Ampel-Koalition unter Olaf Scholz, der auch unter dessen Nachfolger Friedrich Merz einen Platz im Kabinett gefunden hat. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bas Ministerin Arbeit Kabinett
Bärbel Bas, die 57-Jährige wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Von 2021 bis 2025 war die SPD-Politikerin Präsidentin des Deutschen Bundestags.  © IMAGO
Hubig, Justiz 56 SPD MErz Kabinett
Dr. Stefanie Hubig ist 56 Jahre alt. Sie wird Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. DIe SPD-Politikerin ist schon in Rheinland-Pfalz Ministerin für Bildung gewesen.  © IMAGO/Jürgen Heinrich
Reem Alabali-Radovan Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Die jüngste Person aus der SPD-Riege. Reem Alabali-Radovan ist 35 Jahre alt und kümmert sich um „Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“. © IMAGO/Jürgen Heinrich
Hubertz wohnen, Bauministerin SPD KAbinett Merz Klingbeiil
Auch nicht viel älter, auch von der SPD: Verena Hubertz, 37 Jahre, Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.  © IMAGO
Carsten Schneider SPD Umweltminister Merz Klingbeil Kabinett
Carsten Schneider von der SPD (49), nicht zu verwechseln mit Patrick Schnieder, wird Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD
Saskia Esken, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, galt lange Zeit als aussichtsreiche Kandidatin für einen Kabinettsposten in der Regierung von Friedrich Merz. © Christophe Gateau/dpa
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 werden ihm Außenseiter-Chancen auf ein Amt unter Merz ausgerechnet.
Armin Laschet (CDU) wollte 2021 selbst Kanzler werden und scheiterte. Nach der Bundestagswahl 2025 galt er zumindest als Außenseiter-Kandidat für einen Posten im Kabinett von Friedrich Merz. Daraus wurde letztlich nichts. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Kultursenator Joe Chialo
Kultursenator Joe Chialo war für die Berliner CDU bei den Koalitionsverhandlungen dabei (Archivbild). Fachleute spekulierten daraufhin Chialo könnte von Friedrich Merz als Kultusminister in sein Kabinett berufen werden. Doch der Posten ging letztlich an den Merz-Vertrauten Wolfram Weimer. © Jörg Carstensen/dpa
Jens Spahn als neuer und alter Minister? Dahinter steht ein Fragezeichen, auch wenn Spahn gewiss Ambitionen hat. Der frühere Gesundheitsminister stand wegen der Maskenaffäre in der Kritik. Andererseits verfügt er über große Regierungserfahrung, die Merz selbst bekanntermaßen fehlt.
Auch Jens Spahn hatte sich Hoffnungen auf einen Kabinettsposten unter Kanzler Friedrich Merz gemacht. Der ehemalige Gesundheitsminister ging in Sachen Kabinett zwar leer aus, kann sich aber dennoch über eine Beförderung im neuen Bundestag freuen: Spahn wird die CDU-Abgeordneten im Bundestag künftig als Fraktionsvorsitzender anführen. © IMAGO/Jens Schicke

Zugleich rief die Ökopartei zu einem „Herbst des Klimawiderstands“ auf. Haßelmanns Kollegin Katharina Dröge warf Wirtschaftsministerin Katherina Reiche vor, erneuerbare Energien, besonders Solaranlagen, zu blockieren. „Wir als Grüne (…) schauen mit Sicherheit nicht zu, wie hier in Deutschland Klimaschutz abgewickelt wird“, stellte sie klar.

FDP fordert Reformen: Parteichef Dürr spricht von „Winter der Enttäuschung“

Einen „Winter der Enttäuschung“ befürchtet auch Christian Dürr. Der Parteichef der nicht mehr im Bundestag vertretenen FDP spielt dabei aber auf „den medialen Kampf zwischen Wirtschafts- und Klimaministerium“ an.

Er moniert: „Schon jetzt verschwinden Industriearbeitsplätze und zahlreiche weitere sind bedroht, denn die hohen Energiekosten sind wahres Gift für private Investitionen. Wir brauchen dringend radikale Reformen statt immer weiterer Subventionen.“ Sein Vorschlag lautet: erneuerbare Energien vollständig in den Wettbewerb zu überführen – „denn so erreichen wir bezahlbare Strompreise und eine sichere Energieversorgung“.

Hat die Bundesregierung genau im Auge: AfD-Chefin Alice Weidel hält das Motto „Herbst der Reformen“ nur für eine „Durchhalteparole“.

Was wird aus „Herbst der Reformen“? Weidel hält Schwarz-Rot für „handlungsunfähig“

Für AfD-Co-Chefin Alice Weidel handelt es sich beim Motto „Herbst der Reformen“ nur um eine „Durchhalteparole“. Dies sei „der nächste vergebliche Versuch des Friedrich Merz, politisches Scheitern mit leeren Schlagworten zu kaschieren und so einen Stimmungsumschwung herbeizureden“, schimpfte sie schon Ende August.

Weidel hält die „schwarz-rote Zweckehe“ für „handlungsunfähig“. Die SPD wolle Steuern erhöhen, die Union breche ihre Entlastungsversprechen. „Gemeinsam blockieren sie jede echte Reform“, hält sie fest.

Die Oppositionsparteien skizzieren also trübe Aussichten. Aber selbst Schwarz und Rot lassen anscheinend zum Herbstbeginn durchblicken, dass der geplante Umschwung erst zu spüren sein wird, wenn es auch mit den Temperaturen wieder bergauf geht und der Blick in Richtung Himmel wieder mit mehr Freude verbunden ist. (Quellen: Bild, Handelsblatt, Bundestag, CDU, FDP, AfD; mg)

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