Katastrophe

Erdbeben mit Tausenden Toten in der Türkei: Opposition geht von 280.000 Opfern aus

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Die AKP-Regierung spricht von rund 32.000 Toten nach dem Erdbeben in der Türkei. Die Opposition geht von sehr viel mehr Toten aus und nennt eine deutlich höhere Zahl.

Ankara – Über das Ausmaß der Zerstörung durch das Erdbeben mehren sich Zweifel. Besonders bei der türkischen Opposition glaubt man immer weniger den Angaben der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. So liegt die Zahl der durch das Erdbeben in der Türkei Getöteten nach offiziellen Angaben zufolge bei 31.648. Der Oppositions-Abgeordneten Servet Ünsal (CHP), der in den vergangenen Tagen immer wieder im Katastrophengebiet war, erklärt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA, dass er von weit höheren Zahlen ausgeht: Ünsal spricht von mindestens 280.000 Toten.

„Im Katastrophengebiet wurden etwa 50.000 Gebäude, zum Teil stark beschädigt. Mindestens 10.000 Wohngebäude wurden in den Städten komplett zerstört. Manche dieser Häuser haben zehn bis 15 Stockwerke. Gehen wir aber davon aus, dass der Durchschnitt der vollständig zerstörten Wohnhäuser 7 Stockwerke hat. Auch wenn pro Stockwerk nur eine Wohnung sein sollte, sind das 70.000 komplett zerstörte Wohnung. Geht man davon aus, dass 4 Personen pro Wohnung umgekommen sind, so sind das 280.000 Personen, die tot unter den Trümmern liegen“, sagt der CHP-Abgeordnete im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.

Erdbeben in der Türkei: Opposition traut Daten der Erdogan-Regierung nicht

Die staatlichen Zahlen seien falsch, betont er. „Den Angaben der AKP-Regierung kann man nicht glauben. Das sieht man auch an den Wirtschaftszahlen. Das staatliche Statistikbehörde TÜIK gibt die Inflation mit 57 Prozent an. Dabei liegt die Realinflation bei über 120 Prozent“, so Ünsal. Während TÜIK die Inflationszahlen für Januar mit 57,68 Prozent angab, berechnete das Wirtschaftsforschungsinstitut „Ena Grup“ die Inflation mit 121,62 Prozent. Auch in den vergangenen Jahren hatte es eine starke Abweichung bei den Wirtschaftszahlen von TÜIK und unabhängigen Wirtschaftsforschern gegeben.

Überlebende aus Hatay weit um Ehemann und Enkelkinder.

Erdbeben in der Türkei: Durch „Baufrieden“ wurden fehlerhafte Gebäude legalisiert

Der Grund dafür sei politische Kalkül, betont der CHP-Abgeordnete im Gespräch. Erdogan wolle einen Aufstand verhindern und seine Wiederwahl sichern. Dadurch werde das tatsächliche Ausmaß des Erdbebens von den Behörden nicht bekannt gegeben, da diese auch nicht unabhängig seien. „Die Türkei ist ein Ein-Mann-Regime. Alles wird von Erdogan kontrolliert und er ist der Hauptschuldige an dem Tod dieser Menschen“, empört sich der Oppositionspolitiker. Durch den sogenannten Baufrieden hatte Erdogan in den vergangenen Jahren fehlerhafte Gebäude nachträglich genehmigt. Gerade in Erdbebengebieten ist das besonders gefährlich. Die Folgen sieht man deutlich: Während manche Gebäude komplett in sich eingestürzt sind, stehen nebenan Gebäude, die nur beschädigt wurden.

Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Bilder zeigen Ausmaß der Zerstörung

Erdbeben erschüttern Türkei und Syrien
Zivilschutzmitarbeiter und Anwohner durchsuchen die Trümmer eingestürzter Gebäude nach Überlebenden. © Ghaith Alsayed/AP/dpa
Erdbeben
Die Moschee in Malatya (Türkei) wurde durch das Erdbeben zerstört. © Uncredited/DIA Images/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Frauen weinen, während sie zusehen, wie die Rettungskräfte in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana nach Menschen suchen. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbeben
Menschen und Rettungskräfte bergen eine Person auf einer Bahre aus einem eingestürzten Gebäude in Adana. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Rettungskräfte suchen nach Menschen in den Überresten der zerstörten Häuser. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien
Ein Mann sucht nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes. © Khalil Hamra/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Bild der Verwüstung: Eingestürzte Gebäude in Aleppo in Syrien. © -/SANA/dpa
Erdbeben
Die Zahl der Opfer des Erdbebens steigt am Dienstagmorgen auf fast 5000. © Elifaysenurbay/IHA/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe
Zivilisten und Mitglieder des syrischen Zivilschutzes bergen in Harem in der Region Idlib ein Erdbebenopfer. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe
Dichter schwarzer Rauch steigt auf aus brennenden Containern im Hafen von Iskenderun in der Türkei. © Serdar Ozsoy/Depo Photos/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Gaziantep
Rettungskräfte suchen nach Überlebenden in den Trümmern von Gebäuden in Gaziantep. © Muhammad Ata/IMAGESLIVE/ZUMA/dpa
Erdbebenkatastrophe
Notfallteams suchen nach Menschen in den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in Adana. © Hussein Malla/AP/dpa
Erdbebenkatastrophe - Idlib
Idlib in Syrien: Mit allen Mitteln versuchen Rettungskräfte die unter den Trümmern eingeschlossenen Menschen zu retten. © Anas Alkharboutli/dpa
Erdbebenkatastrophe - Adana
Zwei Männer tragen eine Leiche aus einem zerstörten Gebäude. © Hussein Malla/AP/dpa

Menschen in Iskenderun nach Erdbeben alleine gelassen

Während Präsident Erdogan und seine Minister immer wieder aus den Katastrophengebieten vor den Kameras sagen, die Situation sei unter Kontrolle, erklären Oppositionelle das Gegenteil. Besonders schlimm scheint die Lage besonders in der Provinz Hatay zu sein. Die HDP-Abgeordnete Tülay Hatimogullar ruft in einem Video aus Iskenderun zu Solidarität mit den Überlebenden auf. „Wir wurden hier von den staatlichen Behörden alleine gelassen“, sagt die Parlamentarierin. Den Menschen fehle es an allem, Zelte, Kleidung, Hygieneartikel, Generatoren und mehr. (Erkan Pehlivan)

Rubriklistenbild: © Murat Kocabas/IMAGO

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