VonFlorian Naumannschließen
Der Werner-Holzer-Preis geht 2025 an vier herausragende Auslandsjournalistinnen. Eindrücke und Zitate von der Preisverleihung:
Frankfurt – Große Sorgen um Demokratie und Freiheit, aber auch Lichtblicke – nicht zuletzt durch engagierten, ausgewogenen und tiefgründigen Auslandsjournalismus, in Person von vier ausgezeichneten Journalistinnen: Das beschrieben die prominenten Festredner am Freitagabend bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises im Kaisersaal des Frankfurter Römer. Hinzu kamen Momente der Rührung. Bei den drei Holzer-Preisträgerinnen. Insbesondere aber bei den Eltern der Anfang 2025 verstorbenen Welt-Korrespondentin Christine Kensche. Kensche erhielt posthum einen Sonderpreis der Jury.
Der Werner-Holzer-Preis wird seit 2022 jährlich in Frankfurt vergeben, er trägt den Namen des langjährigen Auslandskorrespondenten und Frankfurter Rundschau-Chefredakteurs Werner Holzer (1926-2016). Die mit insgesamt 20.000 Euro dotierten Auszeichnungen würdigen herausragende Leistungen auf dem Gebiet des Auslandsjournalismus. „Innerhalb weniger Jahre“ sei der Holzer-Preis zu einer „besonders renommierten“ Auszeichnung geworden, sagte Festredner Boris Pistorius (SPD). Der Verteidigungsminister warnte in Frankfurt aber ebenso wie Michel Friedman, der Vorstandsvorsitzende des Werner-Holzer-Instituts, vor massiven Herausforderungen für die Demokratie.
Werner-Holzer-Preis an vier Auslandsjournalistinnen – Pistorius und Friedman mahnen
Mit dem ersten Preis zeichnete die Jury des Werner-Holzer-Instituts Juliane Schäuble, USA-Korrespondentin der Zeit, aus. Einen gleichberechtigten zweiten Preis erhielten Susanne Koelbl, die für den Spiegel seit Langem aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet und Katharina Willinger, die für die ARD etwa in der Türkei und dem Iran arbeitet. Kensche war Reporterin unter anderem in Israel, befasste sich mit der Hamas und berichtete unmittelbar nach dem 7. Oktober über die Massaker an israelischen Zivilisten.
Pistorius warnte in seiner Festrede, in aller Welt – auch in Deutschland – seien selbst in den Parlamenten Menschen zu sehen, „die sich nicht scheuen, die Würde des Menschen jeden Tag in den Schmutz zu ziehen“. Gerade in Deutschland gebe es im Wissen um den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust aber „keine Ausreden“. „Wir wissen, was passieren kann. Und die Weimarer Republik ist nicht zugrunde gegangen an der übermächtigen Stärke ihrer Gegner, sondern an Schwäche, Feigheit und Müdigkeit.“ Die Ausgezeichneten machten indes sichtbar, was in Kriegs- und Krisengebieten geschieht, oft unter schwierigsten Bedingungen: „Sie geben Menschen dort eine Stimme, die sonst unmöglich gehört würden.“
Werner-Holzer-Preis 2025 – die Fotos von der Preisverleihung in Frankfurt




Kurz zuvor hatte Friedman in seinem Grußwort eindringlich Kampf um Demokratie und Freiheit angemahnt. Manipulationspotenziale von Künstlicher Intelligenz, TikTok als primärer Informationsquelle vieler junger Menschen und Autokraten, die zur Unmündigkeit erziehen wollten, seien Gefahren für die Demokratie. Er betonte zugleich: „Wir sind nicht hilflos.“ Er lobte verantwortungsvollen Journalismus, der durch „Erzählen, Einordnen und Kommentieren“ die Chance gebe, „die Welt zu betrachten, wie sie vor Ort ist“.
Friedman dankte ausdrücklich den Angehörigen Werner Holzers; dessen Frau Monika und den Kindern Philip und Katharina. Sie haben zusammen mit Ex-FR-Chefredakteur Thomas Kaspar den Werner-Holzer-Preis ins Leben gerufen. „Was für ein Mäzenatentum, was für eine Bescheidenheit!“, lobte Friedman. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) betonte, der Preis zeige seit seiner ersten Ausgabe, „wie unterschiedlich gute Auslandsberichterstattung sein kann und zugleich, was sie verbindet“: Die Berichte reichten von den Frontlinien des Krieges bis zu den feinen politischen und gesellschaftlichen Verschiedenheiten in den jeweiligen Ländern.
Erster Preis des Werner-Holzer-Preises 2025: Juliane Schäuble (Die Zeit)
- Schäuble ist seit August 2025 US-Korrespondentin für die Zeit, zuvor war sie für den Tagesspiegel in Washington tätig. Die Jury erklärte, Schäubles Blick auf die USA sei „genau”, „scharf” und „tief”.
- Laudatorin Jennifer Wilton lobte, „Juliane Schäuble kennt die USA so gut, wie vermutlich wenige Deutsche.” Sie steche durch ihre Leidenschaft und akribische Recherche hervor – und sie könne „Amerika erklären“: „Dass das wichtiger ist denn je, muss ich vermutlich nicht unterstreichen.“ Schäubles Arbeit umfasse ein breites Spektrum – von den Verbindungen zwischen einer deutschen Influencerin und Elon Musk bis zu neuen transatlantischen Banden zwischen Washington und Budapest.
- Preisträgerin Juliane Schäuble scherzte, sie habe beim Anruf des Juryvorsitzenden Thomas Kaspar zunächst an eine Verwechslung geglaubt: „Beim Blick auf die Preisträgerinnen und Preisträger der vergangenen Jahre fällt auf, dass viele in Kriegsgebieten arbeiten, Zeugen unvorstellbarer Grausamkeiten werden.“ Das tue man in den USA üblicherweise nicht. Das Interesse aber sei in Deutschland riesig. „Da hat man die Verantwortung, aus dieser wahnsinnigen Menge an Informationen, das herauszusuchen, was relevant ist.“ Manchmal müsse man etwa mit Blick auf die Zukunft Donald Trumps auch einräumen: „Wir wissen es einfach nicht.“
Zweiter Preis des Werner-Holzer-Preises 2025 (geteilt): Susanne Koelbl (Der Spiegel)
- Susanne Koelbl ist Auslandsreporterin des Spiegel. Sie berichtet aus Kriegs- und Krisenregionen wie dem Balkan, Zentralasien und dem Mittleren Osten, darunter Afghanistan, Iran, Nordkorea, Syrien und Saudi-Arabien. Koelbl berichte „auch aus den Ländern, in denen Frauen keinen leichten Zugang zu Gesprächspartnern haben“, erklärte die Jury: „Unerschrocken, hervorragend vernetzt und kenntnisreich“.
- Laudatorin Antje Pieper bedankte sich „im Namen der Demokratie“ für Koelbls Einsatz: „Für ein einmaliges Können, uns Menschen nahezubringen und gleichzeitig Distanz zu wahren“. Journalismus dieser Art werde „keine Künstliche Intelligenz liefern können“.
- Preisträgerin Susanne Koelbl zeigte sich „bewegt, von dieser ganzen unglaublichen Veranstaltung, in diesem Saal sind lauter Leute, die wirklich verstehen, was auf dem Spiel steht“. Sie betonte den Wert von Recherche vor Ort: In einigen Ländern sei sie „30, 40 Mal gewesen“ – „aber jedes Mal kommt ein neues Stückchen hinzu, ein kleines Puzzlestück, eine kleine Beobachtung“.
Zweiter Preis des Werner-Holzer-Preises 2025 (geteilt): Katharina Willinger (ARD)
- Katharina Willinger berichtet seit 2017 unter anderem aus der Türkei und dem Iran, sie leitet mittlerweile das ARD-Studio Istanbul. Willinger überzeuge „mit klaren Worten und Bildern in unklaren Situationen, mit sachlichen Einordnungen kaum zugänglicher Regionen“, begründete die Jury die Preisvergabe.
- Laudator Ulf Röller lobte Willingers Einsatz unter anderem in der Türkei, in der die Demokratie „vor unser aller Augen“ im Niedergang sei. „Gerade war der Bundeskanzler da, man sieht, welche schwierige Beurteilungen wir treffen müssen.“ Willinger aber sei „sehr unbestechlich“ in ihrem Urteil. Unter Lebensgefahr aus dem Iran zu berichten, verdeutliche zugleich herausragenden Mut und Willen. Im Zentrum von Willingers Beiträgen stünden stets die Menschen – und das stets würdevoll in Szene gesetzt.
- Preisträgerin Katharina Willinger betonte, viele Geschehnisse in der Türkei – wo der gewählte Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu in Haft und von 2400 Jahren Haft bedroht sei – oder im Iran gerieten in der Nachrichtenflut in den Hintergrund. Auch für einen kurzen „Tagesschau“-Beitrag riskierten Gesprächspartner und ihr Team indes oftmals ihre Freiheit. „Ich bin sehr stolz und demütig, mit diesem Team zusammenzuarbeiten.“
Sonderpreis des Werner-Holzer-Preises 2025 (posthum): Christine Kensche
- Kensche war seit 2020 Reporterin in Israel und verstarb Anfang 2025. Sie war nach dem 7. Oktober eine der ersten Korrespondentinnen im Kibbuz Re‘im, wo sie die unmittelbaren Spuren des Hamas-Massakers erlebte. Exklusive Recherchen zu Finanzströmen der Hamas und ein penibel recherchierter Report über die sexuelle Gewalt der Terroristen wurden von zahlreichen internationalen Medien zitiert.
- Laudatorin Jennifer Wilton erklärte, „Unbedingtheit und Leidenschaft, Präzision und Leidenschaft“ hätten Kensche zu einer Ausnahmerscheinung gemacht. Sie sei stets „überall rein und überall hin“ gegangen. „Ich muss die Augen nicht schließen, um ihre Stimme zu hören“, sagte Kensches berufliche Weggefährtin.
- Den Preis nahmen stellvertretend Christine Kensches Eltern entgegen, der vollbesetzte Saal erhob sich für den Applaus. „Es ist ein überwältigender Augenblick“, sagte Kensches Vater Karl-Heinz: „Es ist aufregend und bewegend, wir sind stolz auf sie, aber natürlich voller Trauer, denn wie schön wäre es gewesen, wenn sie jetzt hier an dieser Stelle gestanden wäre.“ Es sei überwältigend, „welche Anerkennung, welcher Respekt, welche Wertschätzung“ Christine Kensche entgegengebracht werde.
Der Werner-Holzer-Preis wurde 2022 von der Familie des verstorbenen Journalisten Werner Holzer (1926-2016) ins Leben gerufen. Werner Holzer war von 1973 bis 1991 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und zuvor langjähriger Auslandskorrespondent. Der Werner-Holzer-Preis ehrt außergewöhnliche Leistungen im Auslandsjournalismus. Die Jury unter dem Vorsitz von Thomas Kaspar besteht aus den Journalistinnen Dr. Melanie Amann, Antje Pieper und Jennifer Wilton. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Werner-Holzer-Instituts. (Aus Frankfurt berichtet Florian Naumann)
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