VonFlorian Naumannschließen
Bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises richtet Boris Pistorius einen flammenden Appell an den Saal: Er rügt „Müdigkeit“ unter Demokraten.
Frankfurt – Vier Auslandsjournalistinnen haben am Freitag (14. November) den Werner-Holzer-Preis erhalten – ein Moment der Freude und Anerkennung für die Ausgezeichneten. Bei der Zeremonie im prachtvollen Kaisersaal des Frankfurter Römer sparten die prominenten Festredner aber auch nicht mit eindringlichen Mahnungen. Insbesondere Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Michel Friedman, Vorstandsvorsitzender des Werner-Holzer-Institutes, stellten klar: Es sei an der Zeit, um Demokratie und Freiheit zu kämpfen.
Pistorius eröffnete seine Rede mit einem Scherz: Er sei „verliebt“, sagte der vom Ringen um die Wehrpflicht geplagte Minister. In seine Frau, natürlich – aber auch in das Grundgesetz. Das solle man gerne mal lesen, auf dem Sofa, unter anderem Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ „Ja, das sollte sie sein“, rief der SPD-Politiker – „aber wer heute in die Welt guckt, in Deutschland, selbst in die Parlamente, der sieht demokratisch gewählte Mandatsträger und Funktionsinhaber, die sich nicht scheuen, die Würde des Menschen jeden Tag einmal in den Schmutz zu ziehen!“ Pistorius nannte keine Namen. Aber es scheint nicht gewagt anzunehmen, dass er unter anderem auf die AfD anspielte.
Pistorius und Friedman appellieren eindringlich: „Diese Ausrede hat hier keiner“
Dabei habe insbesondere in Deutschland niemand mehr eine Ausrede, wegzusehen, betonte Pistorius. Die Großeltern-Generation habe womöglich nicht gewusst, was mit dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nationalsozialisten bevorstehe, „wenn man nicht aufpasst“. „Diese Ausrede, meine Damen und Herren, hat keiner von uns hier im Saal“, sagte er. Zugleich sei klar: Die Weimarer Republik sei nicht „zugrunde gegangen an der übermächtigen Stärke ihrer Gegner, sondern an der Schwäche, der Feigheit, der Müdigkeit ihrer Anhänger“.
Das Stichwort hatte einige Minuten zuvor Friedman in seinem Grußwort gegeben. „Es ist die ernsthafteste Phase, in der wir momentan leben – das ist meine Überzeugung – nach 1945“, sagte er. Niemand könne garantieren, „dass wir in den nächsten Jahren in einem demokratischen, freien Deutschland leben“, „dass wir in den nächsten Jahren in einem friedlichen Deutschland leben.“ Sogar in der EU hätten sich demokratische Staaten bereits in autokratische Staaten verwandelt. Vielleicht müsse man daran erinnern, dass die schlechteste Demokratie besser sei als die beste Diktatur. Denn sie sei „immer noch dem Menschen verpflichtet“.
Werner-Holzer-Preis 2025 – die Fotos von der Preisverleihung in Frankfurt




„Allen Nörgelnden in diesem Land kann ich gerne empfehlen, morgen in der Diktatur aufzuwachen“, fügte Friedman hinzu, „um weiter zu nörgeln. Wachen sie in Peking oder Russland auf, dann werden sie wahrscheinlich auf dem Friedhof oder im Gefängnis enden.“ Alle sich gen Autoritarismus anschickenden Bewegungen – „leider auch die USA“ – setzten auf „Lügen statt Wahrheit, Lügen statt Realität, Lügen statt Tatsachen, Lügen statt Wissen und Wissenschaft“, betonte Friedman.
Auch Pistorius setzte einen kaum verhohlenen Seitenhieb gen Washington. Die große Gefahr sei, desinteressiert und unempathisch auf diese Welt zu schauen – das erlebe man gerade „bei einem der großen Alliierten jenseits des Atlantiks“.
Friedman und Pistorius warnen: „Wir tun so, als hätten wir Zeit“ – Warnung vor AfD und Trump
Lob gab es hingegen für die Preisträgerinnen des Abends: Juliane Schäuble, USA-Korrespondentin der Zeit, Susanne Koelbl (Der Spiegel), Katharina Willinger und die posthum geehrte Welt-Korrespondentin Christine Kensche. Der Werner-Holzer-Preis erinnere daran, „dass Auslandsjournalismus mehr ist, als das Sammeln von Nachrichten in der Ferne. Er ist ein Fenster zur Welt“, sagte Pistorius. Friedman lobte die „hervorragend ausgebildeten Journalisten“, die eine Chance böten, „die Welt zu betrachten, wie sie ist“. Sie seien „unsere Augen, unsere Ohren“, gerade in einer Zeit der „Hassmedien“; Friedmans Wort für die sozialen Medien.
Friedman betonte indes, man sei „nicht hilflos“. „Wir sind in keiner dieser Fragen hilflos. Aber wir tun so, als ob wir Zeit hätten.“ Er verwies wie auch Pistorius auf den Ukraine-Krieg. „Ich kann nur allen danken, die berichten und die immer noch darauf bestehen: Russland hat einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen“, betonte er. Pistorius sagte, ihn schaudere angesichts des Zynismus mancherorts. Russland beantworte Verhandlungsbemühungen mit einer erneuten Angriffswelle, die bald zu „80 Prozent zivile Ziele“ treffe.
„Es ist kein Konflikt, es ist ein Angriffskrieg“, erklärte er. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass es Menschen gibt, die sich nicht nur für die Zukunft der Welt, sondern auch die Zukunft unseres Landes interessieren.“ (Aus Frankfurt berichtet Florian Naumann)
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