Werner-Holzer-Preis 2025

„Ziehen jeden Tag die Würde in den Schmutz“: Pistorius wird bei Preisverleihung deutlich – zu AfD und Trump

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Bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises richtet Boris Pistorius einen flammenden Appell an den Saal: Er rügt „Müdigkeit“ unter Demokraten.

Frankfurt – Vier Auslandsjournalistinnen haben am Freitag (14. November) den Werner-Holzer-Preis erhalten – ein Moment der Freude und Anerkennung für die Ausgezeichneten. Bei der Zeremonie im prachtvollen Kaisersaal des Frankfurter Römer sparten die prominenten Festredner aber auch nicht mit eindringlichen Mahnungen. Insbesondere Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Michel Friedman, Vorstandsvorsitzender des Werner-Holzer-Institutes, stellten klar: Es sei an der Zeit, um Demokratie und Freiheit zu kämpfen.

Boris Pistorius mit Michel Friedman (li.) und Holzer-Preis-Mitbegründer Philip Holzer auf dem Weg in den Kaisersaal.

Pistorius eröffnete seine Rede mit einem Scherz: Er sei „verliebt“, sagte der vom Ringen um die Wehrpflicht geplagte Minister. In seine Frau, natürlich – aber auch in das Grundgesetz. Das solle man gerne mal lesen, auf dem Sofa, unter anderem Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ „Ja, das sollte sie sein“, rief der SPD-Politiker – „aber wer heute in die Welt guckt, in Deutschland, selbst in die Parlamente, der sieht demokratisch gewählte Mandatsträger und Funktionsinhaber, die sich nicht scheuen, die Würde des Menschen jeden Tag einmal in den Schmutz zu ziehen!“ Pistorius nannte keine Namen. Aber es scheint nicht gewagt anzunehmen, dass er unter anderem auf die AfD anspielte.

Pistorius und Friedman appellieren eindringlich: „Diese Ausrede hat hier keiner“

Dabei habe insbesondere in Deutschland niemand mehr eine Ausrede, wegzusehen, betonte Pistorius. Die Großeltern-Generation habe womöglich nicht gewusst, was mit dem Zweiten Weltkrieg und den Verbrechen der Nationalsozialisten bevorstehe, „wenn man nicht aufpasst“. „Diese Ausrede, meine Damen und Herren, hat keiner von uns hier im Saal“, sagte er. Zugleich sei klar: Die Weimarer Republik sei nicht „zugrunde gegangen an der übermächtigen Stärke ihrer Gegner, sondern an der Schwäche, der Feigheit, der Müdigkeit ihrer Anhänger“.

Das Stichwort hatte einige Minuten zuvor Friedman in seinem Grußwort gegeben. „Es ist die ernsthafteste Phase, in der wir momentan leben – das ist meine Überzeugung – nach 1945“, sagte er. Niemand könne garantieren, „dass wir in den nächsten Jahren in einem demokratischen, freien Deutschland leben“, „dass wir in den nächsten Jahren in einem friedlichen Deutschland leben.“ Sogar in der EU hätten sich demokratische Staaten bereits in autokratische Staaten verwandelt. Vielleicht müsse man daran erinnern, dass die schlechteste Demokratie besser sei als die beste Diktatur. Denn sie sei „immer noch dem Menschen verpflichtet“.

Werner-Holzer-Preis 2025 – die Fotos von der Preisverleihung in Frankfurt

Michel Friedman, Frankfurts OB Mike Josef, Katharina Holzer, Verteidigungsminister Boris Pistorius, Philip Holzer und Thomas Kaspar (v.li.) vor Beginn der Preisverleihung
Michel Friedman, Frankfurts OB Mike Josef, Katharina Holzer, Verteidigungsminister Boris Pistorius, Philip Holzer und Thomas Kaspar (v.li.) vor Beginn der Preisverleihung © SVEN MOSCHITZ
Michel Friedman, Boris Pistorius und Philip Holzer auf dem Weg in den Kaisersaal.
Michel Friedman, Boris Pistorius und Philip Holzer auf dem Weg in den Kaisersaal. © SVEN MOSCHITZ
Vollbesetzte Reihen beim Werner-Holzer-Preis im Römer.
Vollbesetzte Reihen beim Werner-Holzer-Preis im Römer. © SVEN MOSCHITZ
Thomas Kaspar, Philip Holzer, Jury-Mitglied Jennifer Wilton und Susanne Koelbl während der Zeremonie.
Thomas Kaspar, Philip Holzer, Jury-Mitglied Jennifer Wilton und Juliane Schäuble während der Zeremonie. © SVEN MOSCHITZ
Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) bei seiner Rede.
Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) bei seiner Rede. © SVEN MOSCHITZ
Michel Friedman warnte in seinem Grußwort eindringlich vor Gefahren für die Demokratie.
Michel Friedman warnte in seinem Grußwort eindringlich vor Gefahren für die Demokratie. © SVEN MOSCHITZ
Auch Boris Pistorius gab – neben Lob für differenzierten Auslandsjournalismus – mahnende Worte auf den Weg.
Auch Boris Pistorius gab – neben Lob für differenzierten Auslandsjournalismus – mahnende Worte auf den Weg. © SVEN MOSCHITZ
Boris Pistorius und die Zuhörenden im vollbesetzten Kaisersaal.
Boris Pistorius und die Zuhörenden im vollbesetzten Kaisersaal. © SVEN MOSCHITZ
Preismitbegründer Philip Holzer – Sohn von Werner Holzer – und Boris Pistorius schütteln sich die Hände.
Preismitbegründer Philip Holzer – Sohn von Werner Holzer – und Boris Pistorius schütteln sich die Hände. © SVEN MOSCHITZ
Applaus im Römer.
Applaus im Römer. © SVEN MOSCHITZ
Verleihung Werner-Holzer-Preis für Auslandsjournalismus
Juliane Schäuble (Die Zeit) nimmt beim Werner-Holzer-Preis für Auslandsjournalismus die Glückwünsche von Philip Holzer (li.) und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius entgegen. © Arne Dedert/dpa
Susanne Koelbl freut sich über die Ehrung – im Hintergrund Laudatorin und Jury-Mitglied Antje Pieper.
Susanne Koelbl freut sich über die Ehrung – im Hintergrund Laudatorin und Jury-Mitglied Antje Pieper. © Arne Dedert/dpa
Katharina Willinger mit Jury-Chef Thomas Kaspar.
Katharina Willinger mit Jury-Chef Thomas Kaspar. © Arne Dedert/dpa
Die Jury – samt Antje Pieper (Mitte hinten) – Boris Pistorius (li.) und Michel Friedman flankieren die Preisträgerinnen und die Eltern von Christine Kensche.
Die Jury – samt Antje Pieper (Mitte hinten) – Boris Pistorius (li.) und Michel Friedman flankieren die Preisträgerinnen und die Eltern von Christine Kensche. © SVEN MOSCHITZ
Die drei Trägerinnen der ersten und zweiten Preise des Werner-Holzer-Preis 2025: Katharina Willinger, Juliane Schäuble und Susanne Koelbl (v.li.)
Die drei Trägerinnen der ersten und zweiten Preise des Werner-Holzer-Preis 2025: Katharina Willinger, Juliane Schäuble und Susanne Koelbl (v.li.) © SVEN MOSCHITZ
Die Eltern von Christine Kensche, Gudrun und Karl-Heinz Kensche, mit der Preis-Urkunde.
Die Eltern der posthum geehrten Christine Kensche, Gudrun und Karl-Heinz Kensche, mit der Preis-Urkunde.  © SVEN MOSCHITZ
Die Eltern der Anfang 2025 verstorbenen Journalistin Christine Kensche, Gudrun und Karl-Heinz Kensche, mit Laudatorin Jennifer Wilton (re.).
Die Eltern der Anfang 2025 verstorbenen Journalistin Christine Kensche, Gudrun und Karl-Heinz Kensche, mit Laudatorin Jennifer Wilton (re.). © Arne Dedert/dpa
Auch die musikalische Begleitung bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises wurde von den Gästen ausgiebig beklatscht.
Auch die musikalische Begleitung bei der Verleihung des Werner-Holzer-Preises wurde von den Gästen ausgiebig beklatscht. © SVEN MOSCHITZ

„Allen Nörgelnden in diesem Land kann ich gerne empfehlen, morgen in der Diktatur aufzuwachen“, fügte Friedman hinzu, „um weiter zu nörgeln. Wachen sie in Peking oder Russland auf, dann werden sie wahrscheinlich auf dem Friedhof oder im Gefängnis enden.“ Alle sich gen Autoritarismus anschickenden Bewegungen – „leider auch die USA“ – setzten auf „Lügen statt Wahrheit, Lügen statt Realität, Lügen statt Tatsachen, Lügen statt Wissen und Wissenschaft“, betonte Friedman.

Auch Pistorius setzte einen kaum verhohlenen Seitenhieb gen Washington. Die große Gefahr sei, desinteressiert und unempathisch auf diese Welt zu schauen – das erlebe man gerade „bei einem der großen Alliierten jenseits des Atlantiks“.

Friedman und Pistorius warnen: „Wir tun so, als hätten wir Zeit“ – Warnung vor AfD und Trump

Lob gab es hingegen für die Preisträgerinnen des Abends: Juliane Schäuble, USA-Korrespondentin der Zeit, Susanne Koelbl (Der Spiegel), Katharina Willinger und die posthum geehrte Welt-Korrespondentin Christine Kensche. Der Werner-Holzer-Preis erinnere daran, „dass Auslandsjournalismus mehr ist, als das Sammeln von Nachrichten in der Ferne. Er ist ein Fenster zur Welt“, sagte Pistorius. Friedman lobte die „hervorragend ausgebildeten Journalisten“, die eine Chance böten, „die Welt zu betrachten, wie sie ist“. Sie seien „unsere Augen, unsere Ohren“, gerade in einer Zeit der „Hassmedien“; Friedmans Wort für die sozialen Medien.

Friedman betonte indes, man sei „nicht hilflos“. „Wir sind in keiner dieser Fragen hilflos. Aber wir tun so, als ob wir Zeit hätten.“ Er verwies wie auch Pistorius auf den Ukraine-Krieg. „Ich kann nur allen danken, die berichten und die immer noch darauf bestehen: Russland hat einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen“, betonte er. Pistorius sagte, ihn schaudere angesichts des Zynismus mancherorts. Russland beantworte Verhandlungsbemühungen mit einer erneuten Angriffswelle, die bald zu „80 Prozent zivile Ziele“ treffe.

„Es ist kein Konflikt, es ist ein Angriffskrieg“, erklärte er. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass es Menschen gibt, die sich nicht nur für die Zukunft der Welt, sondern auch die Zukunft unseres Landes interessieren.“ (Aus Frankfurt berichtet Florian Naumann)

Rubriklistenbild: © Sven Moschitz

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