„Hohe Verluste“ drohen: Putin stellt Kursk hinten an – Rückeroberung wird schwierig
VonFlorian Naumann
schließen
Die Ukraine hat ihre Verhandlungsposition mit dem Vorstoß in Kursk gestärkt. Einem Experten zufolge zeigt Putin vorerst „kein Interesse“ an einem Konter.
Fast vier Wochen nach dem Grenzübertritt hält sich die ukrainische Armee in der russischen Oblast Kursk. Ein erzwungenes Ende dieser Operation scheint nach Meinung des Militärexperten Nico Lange nicht in Sicht. Russland habe im Ukraine-Krieg aktuell anscheinend „gar kein Interesse“, das Gebiet zurückzuerobern.
In Kursk würden Russland „hohe Verlust drohen“ – Putin hat vorerst andere Pläne
Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz, vermutet dahinter eine strategische Entscheidung: Russland greife weiter an vielen Frontabschnitten in der Ukraine an. Seine These: „Ich habe ein bisschen den Eindruck, Russland will erst in der Ukraine noch so weit wie möglich vordringen und sich erst danach mit Kursk beschäftigen.“
Lange beobachtet dementsprechend aktuell einen „Dualismus“: Die Ukraine sei zwar in Kursk erfolgreich, die Situation im Donbass für die ukrainische Armee aber „schwierig“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte erst am Montag (2. September) erklärt, er hoffe, dass der Einmarsch in Kursk helfen werde, Druck von der Stadt Prokrowsk zu nehmen. Danach sieht es offenbar nicht aus.
Ein militärischer Gegenangriff in der Oblast Kursk – wann auch immer – wäre für Russland aber keine einfache Aufgabe (mehr). „Die Ukraine ist nicht nur weit vorgedrungen, sondern hat sich dort auch stabilisieren können. Das heißt etwa: die Flanken sichern, Brücken zerstören“, sagt Lange. Sollte Russland versuchen, das Gebiet zurückzuerobern, „wäre das sehr aufwändig und auch mit hohen Verlusten verbunden“. Schon jetzt erleben Putins Truppen in der Oblast offenbar Fehlschläge.
Sorge um AKW Kursk? „Russland hat Interesse an Diskurs über das Schlagwort ‚nuklear‘“
Lange sieht durch die Aktion in Kursk Vorteile für die Ukraine. Durch den Überraschungseffekt, die Kämpfe auf russischem Boden und die Kriegsgefangenen – viele davon Wehrpflichtige – habe die Ukraine ihre Verhandlungsposition gestärkt. „Nun glaube ich nicht, dass man Land für Land tauschen kann, aber wenn es jetzt zu Gesprächen kommt, hat die Ukraine auf jeden Fall eine bessere Verhandlungsposition und etwas, das sie einbringen kann“, lautet seine Einschätzung.
Russland feuert Raketen auf Kinderkrankenhaus in Kiew: Fotos zeigen erschütternde Szenen
Russische Warnungen vor einer Eskalation am Atomkraftwerk Kursk betrachtet Lange nüchtern. Ein Vorstoß zum AKW sei für die Ukraine „gar nicht machbar“, erklärte er. Das Kraftwerk liege 70 Kilometer im Landesinneren: „Man kann da ja nicht einfach mit dem Auto hinfahren, man müsste auf breiter Front dahin vordringen. Das halte ich für nicht realistisch.“
Der Militärexperte glaubt eher, dass dieses Szenario eine „Erfindung“ von Beobachtern ist. Der Kreml habe ein Interesse daran, „immer wieder Themen in den Diskurs einzubringen, die irgendetwas mit Schlagwort ‚nuklear‘ zu tun haben“, so Lange. „Weil man weiß, dass die Medien, aber auch die politisch Handelnden bei uns immer sehr sensibel auf die Wort ‚Atom-‚ oder ‚Nuklear-‘‚ reagieren.“ Allerdings warnte auch der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, vor Gefahren. Ein Grund dafür ist die Bauweise des AKW. (fn)