Andere Strategie im Ukraine-Krieg

„Hohe Verluste“ drohen: Putin stellt Kursk hinten an – Rückeroberung wird schwierig

  • schließen

Die Ukraine hat ihre Verhandlungsposition mit dem Vorstoß in Kursk gestärkt. Einem Experten zufolge zeigt Putin vorerst „kein Interesse“ an einem Konter.

Fast vier Wochen nach dem Grenzübertritt hält sich die ukrainische Armee in der russischen Oblast Kursk. Ein erzwungenes Ende dieser Operation scheint nach Meinung des Militärexperten Nico Lange nicht in Sicht. Russland habe im Ukraine-Krieg aktuell anscheinend „gar kein Interesse“, das Gebiet zurückzuerobern.

In Kursk würden Russland „hohe Verlust drohen“ – Putin hat vorerst andere Pläne

Lange, Senior Fellow der Münchner Sicherheitskonferenz, vermutet dahinter eine strategische Entscheidung: Russland greife weiter an vielen Frontabschnitten in der Ukraine an. Seine These: „Ich habe ein bisschen den Eindruck, Russland will erst in der Ukraine noch so weit wie möglich vordringen und sich erst danach mit Kursk beschäftigen.“

Ein zerstörtes Lenin-Denkmal in der Region Kursk – Wladimir Putins Armee wird bei der Rückeroberung vor Problemen stehen. (Montage)

Lange beobachtet dementsprechend aktuell einen „Dualismus“: Die Ukraine sei zwar in Kursk erfolgreich, die Situation im Donbass für die ukrainische Armee aber „schwierig“. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte erst am Montag (2. September) erklärt, er hoffe, dass der Einmarsch in Kursk helfen werde, Druck von der Stadt Prokrowsk zu nehmen. Danach sieht es offenbar nicht aus.

Ein militärischer Gegenangriff in der Oblast Kursk – wann auch immer – wäre für Russland aber keine einfache Aufgabe (mehr). „Die Ukraine ist nicht nur weit vorgedrungen, sondern hat sich dort auch stabilisieren können. Das heißt etwa: die Flanken sichern, Brücken zerstören“, sagt Lange. Sollte Russland versuchen, das Gebiet zurückzuerobern, „wäre das sehr aufwändig und auch mit hohen Verlusten verbunden“. Schon jetzt erleben Putins Truppen in der Oblast offenbar Fehlschläge.

Sorge um AKW Kursk? „Russland hat Interesse an Diskurs über das Schlagwort ‚nuklear‘“

Lange sieht durch die Aktion in Kursk Vorteile für die Ukraine. Durch den Überraschungseffekt, die Kämpfe auf russischem Boden und die Kriegsgefangenen – viele davon Wehrpflichtige – habe die Ukraine ihre Verhandlungsposition gestärkt. „Nun glaube ich nicht, dass man Land für Land tauschen kann, aber wenn es jetzt zu Gesprächen kommt, hat die Ukraine auf jeden Fall eine bessere Verhandlungsposition und etwas, das sie einbringen kann“, lautet seine Einschätzung.

Russland feuert Raketen auf Kinderkrankenhaus in Kiew: Fotos zeigen erschütternde Szenen

Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen.
Rauch über Kiew. Die ukrainische Hauptstadt wurde am Montag von mehreren russischen Raketen getroffen. © Evgeniy Maloletka / dpa
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk.
Die Schäden nach dem russischen Angriff auf Kiew sind beachtlich, wie hier zu sehen im Lukianivska Bezirk. © Andreas Stroh / dpa
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen.
Das Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew wurde durch die russischen Raketen schwer getroffen. Rettungskräfte und Zivilisten suchen nach möglichen Verschütteten. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew.
Ein augenscheinlich verletzter Mann telefoniert nach dem schweren Angriff auf Kiew. © dpa/AP | Efrem Lukatsky
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew.
Eine Frau kümmert sich um ein Kind vor dem von russischen Raketen getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus zeigt, wie schwer die Raketen aus Russland die Klinik in der Ukraine verwüstet haben. © Evgeniy Maloletka / dpa
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew.
Mit blutigem Gewand steht ein Krankenhaus-Mitarbeiter vor den Trümmern nach dem russischen Raketenangriff auf Kiew. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik.
Rettungskräfte räumen die Trümmer nach dem schweren russischen Angriff auf Kiew vor der Kinderklinik. © Evgeniy Maloletka / dpa
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone.
In der nähe des von einer Rakete getroffenen Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses trägt ein Mann ein Kind aus der Gefahrenzone. © Evgeniy Maloletka / dpa
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden verletzte abtransportiert.
Nach dem schweren russischen Angriff auf die ukrainische Hauptstadt werden Verletzte abtransportiert. © IMAGO/Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde.
Kinder warten in der Nähe des Okhmatdyt-Kinderkrankenhauses, das von russischen Raketen getroffen wurde. © Evgeniy Maloletka / dpa
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg.
Vereinte Kräfte bei den Bergungsarbeiten: Retter tragen ein Stück des Daches am Okhmatdyt-Kinderkrankenhaus in Kiew weg. © Evgeniy Maloletka / dpa
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt.
Ein Feuerwehrmann sitzt bei Rettungsarbeiten in Kiew nach dem schweren russischen Angriff im Schutt. © Aleksandr Gusev / dpa
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter.
Auch am Tag nach dem russischen Raketenangriff auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew gehen die Aufräumarbeiten weiter. © IMAGO/Maxym MarusenkoNurPhoto
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden.
Nach dem russischen Angriff auf das Kinderkrankenhaus mussten die schwer kranken Kinder draußen vor der Klinik behandelt werden. © IMAGO/Maxym Marusenko/NurPhoto
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können.
In Kiew stehen Krankenhaus-Betten auf der Straße, um nach dem Angriff auf die Kinderklinik die Patienten weiter betreuen zu können. © IMAGO/Bahmut Pavlo/Ukrinform/Abaca
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben.
Ein Blick in das Kinderkrankenhaus in Kiew zeigt, wie schwer die russischen Raketen die Klinik zerstört haben. © IMAGO/Ruslan Kaniuka/Ukrinform/ABACA
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern.
Medizinisches Personal und Freiwillige räumen Trümmer, suchen unter dem Schutt des Kinderkrankenhauses nach Opfern. © Anton Shtuka / dpa
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern.
Verzweiflung herrscht in Kiew. Nach dem Angriff auf die Kinderklinik suchen Erwachsene und Kinder Schutz in Kellern. © Anton Shtuka / dpa

Russische Warnungen vor einer Eskalation am Atomkraftwerk Kursk betrachtet Lange nüchtern. Ein Vorstoß zum AKW sei für die Ukraine „gar nicht machbar“, erklärte er. Das Kraftwerk liege 70 Kilometer im Landesinneren: „Man kann da ja nicht einfach mit dem Auto hinfahren, man müsste auf breiter Front dahin vordringen. Das halte ich für nicht realistisch.“

Der Militärexperte glaubt eher, dass dieses Szenario eine „Erfindung“ von Beobachtern ist. Der Kreml habe ein Interesse daran, „immer wieder Themen in den Diskurs einzubringen, die irgendetwas mit Schlagwort ‚nuklear‘ zu tun haben“, so Lange. „Weil man weiß, dass die Medien, aber auch die politisch Handelnden bei uns immer sehr sensibel auf die Wort ‚Atom-‚ oder ‚Nuklear-‘‚ reagieren.“ Allerdings warnte auch der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, vor Gefahren. Ein Grund dafür ist die Bauweise des AKW. (fn)

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa/Ukrainian Defence Ministry Press Office/AP

Kommentare