Angst vor verstrahlten Fischen

Japan will kontaminiertes Wasser aus Fukushima ins Meer einleiten – und bringt seine Nachbarn gegen sich auf

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Wir wollen keinen verstrahlten Fisch! Protest in Seoul gegen die Verklappung leicht radioaktiven Wassers aus dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima im benachbarten Japan.
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Japan will schwach radioaktives Wasser aus dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima in den Pazifik einleiten. Die Menschen in den Nachbarstaaten sind empört und fürchten verseuchte Fische.

Fukushima/Frankfurt – In Fernost geht die Angst vor verstrahlten Fischen um. Denn Japan will leicht kontaminiertes Wasser aus dem 2011 durch ein Erbeben mit anschließender Flutwelle zerstörten Atomkraftwerk Fukushima in den freien Pazifik einleiten, an der Ostküste des Inselstaates. Das ist zwar relativ weit weg von den Nachbarn Südkorea, China, Taiwan oder Hongkong. Doch das Gebiet gehört für sie alle zu den umgebenden Gewässern und den wichtigen Fischgründen.

Und selbst wenn die Staaten dort nicht alle selbst fischen: Japan exportiert eine Menge Fisch nach China und Hongkong. Fisch, der nun, wie Anwohnende der Nachbarstaaten befürchten, radioaktiv verseucht werden könnte. In Südkorea gingen empörte Menschen gegen die Pläne auf die Straße. Laut Umfragen lehnen acht von zehn Südkoreaner:innen die Verklappung vehement ab. In China gibt es solche Umfragen nicht, daher ist die Stimmung schwer zu messen.

Japan muss das Wasser aus den zerstörten Reaktorblöcken von Fukushima loswerden

Worum geht es genau? Der Betreiber des zerstörten Atomkraftwerks Fukushima will ab diesem Sommer über 30 Jahre schrittweise Wasser im Pazifik verklappen, das leicht mit dem strahlenden Wasserstoffisotop Tritium belastet ist, das in geringer Konzentration auch in der Natur vorkommt. Dieser Plan wurde Anfang Juli final genehmigt. Zur Kühlung strahlender Trümmer in den Reaktorblöcken des Atomkraftwerks ist bis heute Wasser nötig. Doch dieses ist nach dem Kühlungsvorgang kontaminiert und wird gereinigt in einem Prozess, der laut Betreiber bis auf Tritium alle radioaktiven Elemente herausfiltern kann. Danach wird es bisher in geschlossenen Tanks auf dem Gelände gelagert, deren Zahl inzwischen bei rund 1.000 liegt.

2024 wird die maximale Kapazität für die Wasserlagerung nach Angaben des Betreibers erreicht sein. Zugleich muss weiter gekühlt werden. Auch wird das Gelände, auf dem die Tanks stehen, für Zwischenlager gebraucht. Dort werden strahlende Teile der zerstörten Reaktorblöcke untergebracht, wenn der sachgerechte Abbau beginnt. Dieser wird 30 bis 40 Jahre dauern. Erst dann ist das AKW von der Landkarte verschwunden.

Japan: Eingeleitetes Wasser aus Fukushima-Ruine ist sicher

Japanische Wissenschaftler versichern, dass das eingeleitete Wasser aufgrund der niedrigen Tritium-Konzentration ungefährlich sein werde. Direkt vor der Einleitung werde es noch mit Ozeanwasser vermischt, sodass die Tritium-Konzentration weit unterhalb der WHO-Empfehlung für Trinkwasser liegen werde. Es sind bereits aufwändige Anlagen für die Verklappung entstanden, einschließlich eines Tunnels, der das Wasser einen Kilometer vor der Küste freigeben soll. Auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) teilte vergangene Woche mit, ihre zweijährige Prüfung habe ergeben, dass Japans geplante Freisetzung des Wassers internationalen Sicherheitsstandards entspreche.

Doch der Fall zeigt einmal mehr, wie sensibel Menschen in aller Welt auf mögliche Gefahren radioaktiver Strahlung reagieren. Das Misstrauen ist groß. Fischereigenossenschaften in den drei benachbarten Präfekturen Fukushima, Miyagi und Iwate reichten eine Petition gegen die Pläne ein. UN-Menschenrechtler kritisierten das Vorhaben bereits 2021, als es erstmals bekannt wurde. Auch Umweltschützer protestierten. Das Citizens‘ Nuclear Information Center in Tokio betonte kürzlich, das in den Tanks gelagerte Wasser sei „kein normales Kühlwasser aus einem funktionierenden Kernkraftwerk“. Die Gesundheitsrisiken einer Strahlenbelastung seien nie gleich null.

Reaktionen aus den Nachbarstaaten an Japans Fukushima-Plänen: Kritik aus China, Akzeptanz aus Südkorea

Während nun Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol den IAEO-Bericht „respektiert“, ging China auf die Barrikaden. Außenamtssprecher Wang Wenbin warf Japan im Juni vor, das Meer als seine „private Kloake“ zu behandeln. Japan habe eindeutig andere Möglichkeiten, vorgeschlagen etwa vom eigenen japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie. Den IAEO-Bericht kritisierte Peking als „einseitig.“

Hongkongs Pekingtreuer Regierungschef John Lee stieß ins gleiche Horn. Er drohte am Dienstag mit einem weitreichenden Einfuhrstopp für allen japanischen Fisch, sobald Japan mit der Einleitung radioaktiven Wassers in den Pazifik beginne. Er glaube, dass „es zum jetzigen Zeitpunkt nicht genügend Beweise für die Zuverlässigkeit und Rechtmäßigkeit der Einleitung dieses kontaminierten Wassers ins Meer gibt“, sagte Lee. Auch er zog damit indirekt den IAEO-Bericht in Zweifel.

Der Ärger auf dem Festland könnte zum Problem werden für Japan, denn China und Hongkong sind die größten Abnehmer für japanische Lebensmittel. China verbietet ohnehin seit dem Reaktorunglück den Import aller Lebensmittel aus den umgebenden Präfekturen, und auch Südkorea stoppte 2013 Einfuhren von Fisch und Meeresfrüchten aus der Region. Beide kündigten an, diese Importrestriktionen beizubehalten. Eine Ausweitung, wie von Lee angedroht, würde Japans Fischerei massiv schaden.

Die jeweiligen Reaktionen reflektieren derweil die schwierigen Beziehungen Japans zu den Nachbarländern. Tokio sorgt sich zunehmend wegen Chinas forschen Auftretens in der Region, während Peking verärgert ist über Aufrüstung und wachsende Annäherung Japans an die USA. Hongkong wiederum driftet unter John Lee immer stärker in den Orbit der Kommunistischen Partei Chinas. Südkorea bemüht sich derweil gerade um eine Annäherung an Tokio, um das durch Japans Besatzung im Zweiten Weltkrieg historisch belastete Verhältnis zu entspannen. Vor allem wegen seiner Gräueltaten im Krieg ist Japan bis heute unbeliebt bei vielen Südkoreanern.

Südkorea: Der Präsident zeigt Verständnis, die Menschen sind voller Wut

Die Lage zwingt Südkoreas Präsidenten Yoon daher zu einem Balanceakt. Sein Büro forderte laut Nikkei Asia Japan auf, Überwachungsinformationen zu der Verklappung in Echtzeit weiterzugeben und südkoreanischen Experten die Teilnahme an Sicherheitsprüfungen zu ermöglichen. Am Rande des Nato-Gipfels in Vilnius kam Yoon mit dem japanischen Premierminister Fumio Kishida zusammen. Dieser gelobte, dass die geplante Freisetzung des radioaktiven Wassers sicher sei. Kishida versprach, im Falle einer Überschreitung der Sicherheitsschwelle sofort Maßnahmen zu ergreifen, bis hin zum sofortigen Stopp der Verklappung.

Das Gelände der Atomruine Fukushima aus der Luft: Am oberen Rand des Bildes sind die seit 2011 entstandenen Wassertanks zu sehen. Dort war vorher Wald gewesen.

Die Wut in Südkorea dürfte das kaum bremsen. Erst kürzlich veranstalteten alle 167 Abgeordneten der oppositionellen Demokratischen Partei Koreas einen 17-stündigen Sitzstreik im Parlament. So lange hatte es 2011 gedauert, bis die Kernreaktoren von Fukushima nach dem Aufprall des Tsunamis zum Schmelzen kamen. Die Riesenwelle hatte die Stromzufuhr für das Kühlwasser mehrerer Reaktoren zerstört. Elf der Oppositions-Abgeordneten flogen Anfang der Woche zudem mit mehreren Aktivisten nach Tokio, um sich dort an einer Demonstration japanischer Gegner der Verklappung zu beteiligen. „Die Verschmutzung des Ozeans stellt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar“, sagte der koreanische Fischer Lee Taeyong zu Journalisten. An Japans Plänen dürfte all das wenig ändern.

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