VonStefan Schollschließen
Der indische Premier besucht Putin. Dabei geht es vor allem ums Geschäft: Zu haben sind Brennstoffe zu Discountpreisen.
Es gäbe keine Entscheidung mittels Krieg. „Bomben, Raketen und Gewehre können keinen Frieden schaffen. Deshalb setzen wir den Akzent auf Dialog.“ Das wolle Narendra Modi Wladimir Putin als Freund sagen. Und er sei zu jeder Unterstützung eines Friedensprozesses bereit. Aber es ist ungewiss, ob der indische Premier diesem sanften Hinweis bei der Eröffnungszeremonie seines Treffens mit Putin später, bei den eigentlichen Verhandlungen, klarere Worte zur Ukraine folgen ließ. Pressesprecher Dmitrij Peskow erklärte nach dem 150-Minuten-Gespräch, es hätte „neue Ideen“ zu einer Friedenslösung gegeben, Modi aber wolle keine Vermittlungsrolle übernehmen. Über den Inhalt der „neuen Ideen“ kann man nur mutmaßen, eine Pressekonferenz war nicht vorgesehen.
Beide Seiten mühten sich nicht nur verbal um Harmonie. Schon am Montagabend empfing Putin Modi in seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo bei Moskau. Der Inder erklärte, sein Land sei die größte Demokratie der Welt, „die Mutter der Demokratie“, Putin lauschte artig. Tatsächlich regiert Modi eine funktionierende Demokratie, erst im Juni verlor seine Partei bei den Parlamentswahlen ihre absolute Mehrheit.
Aber das hinderte ihn nicht, die rechte Hand seines „Freundes“ Putin gleich mit beiden Händen zu ergreifen, die Kremlfotograf:innen ließen sich die Hoffärtigkeit nicht entgehen. Und später gratulierte Modi Putin noch einmal ausdrücklich zu seinem „glänzenden Sieg“ bei den russischen Präsidentschaftswahlen im März. Bei denen Oppositionskandidaten schlicht gefehlt hatten. Am Montag aß man gemeinsam zu Abend, Dienstag Vormittag führte Putin Modi zuerst in eine Leistungsshow der russischen Atomindustrie, dann ging es in den Kreml.
Bei den eigentlichen Verhandlungen redeten beide Politiker wohl vor allem übers Geschäft. Seit Februar 2022 ist Indien neben China zum Hauptabnehmer russischen Öls geworden, es wird vom Westen sanktioniert und ist deshalb billig zu haben. Laut dem Wirtschaftsportal RBK erreichten Russlands Öllieferungen nach Indien im Juni 2,13 Millionen Barrel täglich und stellten damit praktisch den 2,15 Millionen-Rekord vom Mai 2023 ein.
Indien spart Milliarden
Laut Reuters sparte sich die indische Volkswirtschaft dabei 2,7 Milliarden Dollar allein in den ersten neun Monaten 2023. Wobei die Delegationen hinter den Kremlkulissen vor allem daran gearbeitet haben sollen, wie man die technischen Probleme im Zahlungsverkehr nach dem sanktionsbedingten Wegfall der Swift-Transfers lösen kann.
Modi machte in Moskau Energie-Realpolitik wie einst Angela Merkel. Putin profitierte davon auch propagandistisch: Seit dem Schweizer Friedensgipfel, wo der Gegner Ukraine eine Solidaritätsfront von 80 Ländern mobilisierte, trifft sich Putin reihenweise mit solchen Staatsführern, die ihm noch die Hand geben. Ob das der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un ist, Chinas Präsident Xi Jinping, Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei oder der Ungar Viktor Orbán. Putin zelebriert Nichtisoliertheit, die Partner kassieren Brennstoffe zu Discountpreisen.
Eines der peinlichsten Themen des Treffens hatte man schon am Vorabend, beim Abendessen in Nowo-Ogorjowa erledigt: Seit Februar 2022 waren laut Moscow Times mehrere Dutzend bis über hundert junge Inder von russischen Werber:innen mit der Aussicht auf gut bezahlte Jobs und Studienplätze nach Russland gelockt worden. Dann landeten sie als „Freiwillige“ im ukrainischen Kriegsgebiet. Mindestens zwei von ihnen kamen dort um. Modi bat den „Freund“, alle wieder freizugeben, der stimmte glatt zu. Vielleicht war damit für den indischen Premier das Thema Ukraine im Grunde schon erledigt.
