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Im AKW Saporischschja trat angeblich radioaktives Kühlmittel aus. Die Atomaufsichtsbehörde der Ukraine warnt – auch vor russischer „Inkompetenz“.
Kiew – Im Block 5 des ukrainischen Kernkraftwerks Saporischschja (ZNPP) hat sich nach ukrainischen Angaben ein Zwischenfall ereignet. Es seien Reagenzien aus dem Primärkreislauf des Reaktors in den zweiten Kreislauf ausgelaufen, berichtet die ukrainische Zeitung Ukrainska Pravda unter Berufung auf das ukrainische Staatsunternehmen Energoatom. Die Störung sei noch nicht behoben, hieß es am Freitagvormittag (17. November).
Russland hatte das Gebiet um Saporischschja inklusive des Kraftwerks im Zuge der völkerrechtswidrigen Annexion der Süd- und Ostukraine im Ukraine-Krieg als russisches Staatsgebiet deklariert. Am 9. Juli wurde der letzte noch betriebene Block abgeschaltet, da der Wasserstand des Kachowka-Stausees nach der Sprengung des gleichnamigen Staudamms nicht mehr ausreicht, um das Kraftwerk zu kühlen. Eine Wiederaufnahme des Betriebs gilt vorerst als ausgeschlossen.
Energoatom machte „Inkompetenz“ des russischen Personals, insbesondere des Schichtleiters der Chemiewerkstatt, für die Probleme verantwortlich. Letzterer habe die Kontrolle über die Sättigung der speziellen Wasserreinigungsfilter verloren. Das mit einer Borsäurelösung versetzte Wasser des Primärkreislaufs sei daraufhin in den Entlüfter der Turbinenhalle und von dort in alle Dampferzeuger gelangt „Das Vorgehen der Russen ist völlig inkompetent“, rügte der Energoatom-Präsident Petro Kotin.
Russlands Vorgehen am AKW Saporischschja alarmiert Behörde - Zunahme gefährlicher Ausfälle
Der Vorfall sei Folge der Handlungen der russischen Besatzer nach Versetzung des Blocks Nr. 5 des AKW Saporischschja in den Zustand der Heißabschaltung. Das Vorgehen entspreche nicht den Vorschriften für den sicheren Betrieb des Kraftwerksblocks. „Mit ihren Aktionen gefährden die Eindringlinge einmal mehr die Sicherheit des Kraftwerksbetriebs und erzeugen eine ständige Verschlechterung der Ausrüstung und eine Zunahme gefährlicher Ausfälle. Und das kann jederzeit zu einem Notfall führen“, warnte Kotin.
Ähnliche Maßnahmen würden an Block Nr. 3 des Kraftwerks durchgeführt. Insbesondere werde versucht, den Block aus der Reparatur zu nehmen und in einen Zustand der Warmabschaltung zu bringen sowie Block 5 in eine Kaltabschaltung.
Welche Zustände gibt es bei Kernkraftwerken während des Abschaltprozesses?
Kalte Abschaltung:
Die kalte Abschaltung erfolgt, wenn das Kernkraftwerk außer Betrieb genommen wird, wenn der Reaktor nicht aktiv ist, also kein Kernspaltungsprozess stattfindet. Das kann während der regulären Wartung und Inspektion oder bei einem planmäßigen Abschalten des Reaktors geschehen. Während der kalten Abschaltung ist der Reaktor vollständig heruntergefahren, und es gibt keine nennenswerte Wärmeproduktion durch Kernspaltung. Das bedeutet, dass der Reaktorkern auf Umgebungstemperatur abgekühlt ist und sich nicht in einem aktiven Betriebszustand befindet.
Warme Abschaltung:
Im Gegensatz dazu bezeichnet die warme Abschaltung den Zustand, in dem der Reaktor heruntergefahren ist, aber noch Restwärme erzeugt. Obwohl der Kern keine Kettenreaktionen mehr unterhält, bleibt noch eine beträchtliche Menge an Restwärme im Reaktorkern zurück, die weiterhin abgeführt werden muss. Diese Restwärme entsteht durch die Zerfallsprozesse der radioaktiven Elemente im Kern und muss durch das Kühlsystem des Reaktors abgeführt werden, um eine Überhitzung zu verhindern. Die warme Abschaltung erfordert weiterhin die Überwachung und Kühlung des Reaktors, bis die Restwärme auf ein sicheres Niveau abgeklungen ist.
Russische Besatzer verstießen gegen Auflagen - „potenzielle Gefahr“ für Personal und Umwelt
Energoatom betonte auch im Kurznachrichtendienst X (früher: Twitter), dass es im AKW Saporischschja aufgrund von russischen Verstößen gegen die Genehmigungsbedingungen bereits eine Reihe von Notfällen gegeben habe; zuletzt besagten am Dienstag (14. November). Die „unsinnige Entscheidung der derzeitigen Manager“ des Kraftwerks, es in einen „heißen“ Zustand zu versetzen, habe zu einem erheblichen Anstieg der flüssigen radioaktiven Abfälle auf dem Kraftwerksgelände geführt, was eine „potenzielle Gefahr für das Personal, die Öffentlichkeit und die Umwelt darstellt“, hieß es.
Am Dienstag sei es zu einem teilweisen Stromausfall im Kernkraftwerk gekommen, in dessen Folge Dieselgeneratoren und Sicherheitssysteme in Betrieb genommen wurden. Zuvor sei eine Bedrohung im Kraftwerksblock Nr. 4 festgestellt worden. Bei der Erwärmung des Reaktorblocks sei dann radioaktives Kühlmittel aus dem ersten in den zweiten Kreislauf ausgetreten. Das stelle eine Verletzung einer der Barrieren gegen die Ausbreitung radioaktiver Kontamination dar.
Verstoß gegen die Lizenzbedingungen der staatlichen Atomregulierung
Unter Berufung auf Oleh Korikow, den Leiter der staatlichen Atomaufsichtsbehörde der Ukraine, war berichtet worden, dass die Russen beabsichtigen, den dritten Block des Kernkraftwerks Saporischschja abzuschalten. Korikow zufolge ist die Änderung des Zustands der Reaktoranlagen, sowohl des Blocks Nr. 3 als auch der früheren Blöcke 4 und 5, äußerst gefährlich.
Korikow betonte, dass „gemäß den Genehmigungsanforderungen ausnahmslos alle sechs Blöcke des KKW Saporischschja kalt abgeschaltet sein sollten“. „Die Eindringlinge haben die Kraftwerksblöcke Nr. 4 und 5 unter Verstoß gegen die Lizenzbedingungen der staatlichen Atomregulierung heiß abgeschaltet, das heißt auf Nennwerte aufgewärmt.“ (tpn)
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