VonPeter Siebenschließen
Im Ruhrgebiet hatten brutale Massenschlägereien für Aufregung gesorgt. „Das ist erst der Anfang“, sagt ein Kenner der Clan-Szene.
Düsseldorf/Essen – Die Szenen sind unwirklich: Videos, die in sozialen Medien kursierten, zeigen den Salzmarkt, im Herzen der Stadt Essen in NRW – dann bricht die Hölle los. Eben noch sitze Menschen an den Tischen der zahlreichen Cafés und Restaurants beim Essen, als plötzlich gut 100 Menschen aufmarschieren und mit Eisenstangen und Messern aufeinander einprügeln. Passiert ist die Massenschlägerei in Essen Mitte Juni, kurz zuvor hatte es eine ähnliche Auseinandersetzung in Castrop-Rauxel, ebenfalls in Nordrhein-Westfalen, gegeben. Das NRW-Innenministerium hatte im Anschluss Bezüge zum Clan-Milieu hergestellt.
Clan-Schlägerei in NRW: „Das ist nur ein Anfang“
„Das ist nur ein Anfang, es wird noch oft passieren, gerade in NRW“, sagt Mahmoud Jaraba. Der Politikwissenschaftler am Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) war am Montag zu Gast bei einem Kongress zur Bekämpfung der Clankriminalität im NRW-Innenministerium, und er sagt: „Die Gefahr von Straßenkriegen mit Toten ist sehr hoch.“
Konflikte zwischen Libanesen und Syrern
Hintergrund sind nicht allein Konflikte zwischen einzelnen Familien, die teilweise dem sogenannten Clan-Milieu zugerechnet werden. Es gehe auch um Streitigkeiten zwischen Libanesen und Syrern, die weit über NRW und Deutschland hinausreichen und zum Teil hier ausgetragen würden. Ein Aspekt: Die Regierung im Libanon war zuletzt hart gegen syrische Flüchtlinge vorgegangen. Das hatte für Empörung auch in der Community hierzulande gesorgt – und oftmals auch zu Streitigkeiten zwischen den Anhängern beider Parteien. „Der nächste Konflikt kommt“, ist sich Jaraba, der im Rahmen seiner Forschungen zu Clanstrukturen viele Interviews mit Angehörigen und Betroffenen geführt hat, sicher.
Clankriminalität
► Wenn die Rede von kriminellen Clans ist, sind in Deutschland meist bestimmte Mitglieder von Großfamilien mit türkisch-arabischen Wurzeln gemeint. In Deutschland gehören nach Schätzungen des Bundeskriminalamts (BKA) rund 200.000 Menschen zu solchen Großfamilien. Die meisten von ihnen sind nicht kriminell. Einige wenige aber haben sich zu Gruppierungen zusammengeschlossen, die Straftaten im Bereich der organisierten Kriminalität begehen.
► Viele gehören den sogenannten Mhallami an, einer arabischstämmigen Volksgruppe, manche entstammen anderen Volksgruppen. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ersten Weltkrieg aus der Türkei vertrieben, kamen dann in den Libanon. Als dort Bürgerkrieg ausbrach (1975 bis 1990), flohen viele der Familien nach Deutschland. Oft wird in dem Zusammenhang auch von „Libanesen-Clans“ gesprochen.
► Als Geflüchtete wurden sie in verschiedenen Bundesländer untergebracht, vor allem nach Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Als Staatenlose erhielten sie den Duldungsstatus. Menschen mit Duldungsstatus haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer: Eine selbständige Tätigkeit ist ihnen untersagt, eine Beschäftigung als Arbeitnehmer nur auf Antrag möglich. Experten sehen in der Perspektivlosigkeit einen Grund dafür, dass kriminelle Netzwerke innerhalb der Familien gebildet haben.
► Die kriminellen Clan-Mitglieder begehen schwere Straftaten, wie Menschenhandel, Betrug, Erpressung und Raub.
► Der Begriff Clankriminalität meint auch Gruppen wie die Mafia, etwa die vor allem in Italien aktive Ndrangheta, oder kriminelle Familienstrukturen mit anderen kulturellen oder ethnischen Wurzeln.
Auseinandersetzungen zwischen Clans: Schnelle Mobilmachung via Social Media
Vor allem die schnelle Mobilmachung bereite ihm Sorge. Über Aufrufe bei Social Media würden manche Gruppierungen auch kleinere Konflikte schnell zur Eskalation bringen. „Wenn in Essen etwas passiert, sind Menschen aus Gelsenkirchen oder Duisburg schnell vor Ort und mischen mit“, so Jaraba. Dahinter stecke oft auch ein fragwürdiger Verhaltenskodex: Die Ehre der Familie müsse verteidigt werden, notfalls auch mit Gewalt.
Nach den Massenschlägereien soll es Schlichtungen sogenannter Friedensrichter gegeben haben, die Polizei sprach in dem Zusammenhang von „Paralleljustiz“. Das gebe es tatsächlich, sagt Jaraba und er macht deutlich: „Diese Konflikte sind nur aufgehoben. Das schwelt weiter und solche Eskalationen werden uns in Zukunft immer wieder begegnen.“ (pen)
Rubriklistenbild: © Markus Gayk/dpa


