VonJana Stäbenerschließen
Dass mal „die Hand ausrutscht“ finden laut einer Umfrage 33 Prozent aller 18- bis 35-Jährigen in Ordnung. Kann diese Zahl stimmen?
Wer in den vergangenen Tagen im Internet unterwegs war, stolperte mit Sicherheit über eine Schlagzeile mit Gänsehautpotenzial. Etwa ein Drittel aller jungen Männer finden Gewalt gegen Frauen laut einer Studie „akzeptabel“. Neben den Medien der Funke-Gruppe berichteten auch das ZDF, die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) oder der Focus über diese erschreckende Zahl. Doch an der gibt es nun Kritik.
Studie über Gewalt gegen Frauen bekommt Kritik
33 Prozent der befragten Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren gaben an, es sei „akzeptabel“, wenn ihnen im Streit mit der Partnerin gelegentlich „die Hand ausrutscht“. 34 Prozent seien gegenüber Frauen schon mal handgreiflich geworden, um ihnen Respekt einzuflößen. Das zeigt eine laut ZDF „repräsentative“ Umfrage von Plan International, über die der Sender am 11. Juni 2023 berichtete.
Der Journalist und CEO einer Digitalagentur, Martin Hoffmann, findet es „kompletten Wahnsinn“, dass viele Medien die Ergebnisse dieser Umfrage zum Männlichkeitsbegriff einfach so übernehmen. In einem langen Thread erklärt er, warum er daran Kritik übt.
Es ist kompletter Wahnsinn, dass zahlreiche deutsche Medien heute einfach nahezu ohne kritische Einordnung die Ergebnisse einer angeblich repräsentativen Befragung zum Männlichkeitsbegriff in Deutschland abgebildet haben. pic.twitter.com/HWdOdAUno5
— Martin Hoffmann (@martinhoffmann) June 11, 2023
Die Anzahl der Befragten sei mit Antworten von 947 Männern sei zwar hoch genug, um repräsentativ zu sein. Ob sie jedoch ausgewogen ausgewählt wurden, bezweifelt er. „Es bleibt unklar, wie genau das Panel rekrutiert wurde und ob es hier einen Bias gab – was bei derartigen Panels nicht ungewöhnlich wäre.“ Sein zentraler Kritikpunkt sei, dass viele Medien die Umstände des Umfrage-Panels nicht „entsprechend einordneten“, so Hoffmann.
[Anm. der Red.: Von einem „Bias“ (engl.) ist in der Forschung dann die Rede, wenn das Ergebnis einer repräsentativen Befragung verzerrt ist, weil fehlerhafte oder zu einseitige Daten erhoben wurden.]
Warum sind die Studienergebnisse problematisch?
Die Umfrage von Plan International sei seines Wissens über Myiyo durchgeführt worden, ein Online-Umfrage-Tool, bei dem Teilnehmer Geld bekommen. Das sei nicht verwerflich, trotzdem müsse man „entsprechend gegensteuern“, denn sonst riskiere man zu viele Antworten einer ähnlichen soziodemografischen Gruppe. Offen sei zudem, ob man auch Direkt-Links zu einzelnen Umfragen mit seinen Freunden teilen könne. Auch dies sei problematisch, weil es einen Bias begünstige, so Hoffmann.
Selbst die Studienautor:innen schreiben: „Erfahrungsgemäß befinden sich in Online-Panels eher Personen mit etwas höherer Bildung, einer gewissen Computer-Affinität und einer natürlichen Neugierde und Mitteilungsbereitschaft“, gegen die man „durch die Bildungsquote ohne Schulabschluss / Hauptschulabschluss / mittlerer Schulabschluss gegengesteuert habe.
Aus Hoffmanns Sicht scheint dies nicht gelungen zu sein. Dass die Teilnehmer den frauenfeindlichen Influencer Andrew Tate am dritthäufigsten als prominente Vorbilder genannt haben, sei für ihn ein Hinweis auf einen Bias bei der Teilnehmer-Auswahl. „Wie man es auch dreht und wendet: Aus meiner Sicht spricht viel dafür, dass die Ergebnisse der Befragung nicht repräsentativ sind – sondern eher einen Einblick in eine sehr online-affine Zielgruppe liefern, deren zum Teil toxische Haltung seit #GamerGate öffentlich diskutiert wird.“
Was die Debatte um Rammstein mit der Berichterstattung zu tun hat
Auch die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Kühn nimmt sich dem Thema an. In einem Thread erklärt sie, wie es die Umfrageergebnisse so schnell in unterschiedliche Medien schaffen konnte. Gerade am Wochenende platzierten Medien eigene Themen und teasten diese an, so Kühn auf Twitter. „Greifen dann die ersten Redaktionen zu, wächst der Druck, dass andere es auch machen.“
An nachrichtenärmeren Tagen bleibe solch eine Meldung dann auch lange an Platz eins, „In diesem Fall spielte sicherlich eine große Rolle, dass wir gerade die Debatte über Rammstein haben, sodass das Thema, Gewalt und Männlichkeit, eintrudelnd über Agenturen, den Nachrichtenfaktor bediente.“ Wer sich damit auseinandersetzen wolle, wie Sozialforschung wirke und was Panels repräsentativ mache, den verweist Kühn auf einen Podcast.
Heute ist ein geeigneter Tag, um auf das Thema: Wie es gelingt, ein Thema in der journalistischen Berichterstattung zu platzieren und auf den Umgang dann da mit Studien zu schauen. Anlass: Die von Plan International beauftragte Umfrage zu "Spannungsfeld Männlichkeit". 🧵
— Kathrin Kühn (@kathrinkuehnk) June 11, 2023
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