Ukraine gegen Russland: Wie ist ein Bruderkrieg zu befrieden?
VonPitt von Bebenburg
schließen
Das Verhältnis zwischen Ukrainern und Russen ist vergiftet. Für eine friedliche Koexistenz werde es Jahrzehnte brauchen, sagt die Historikerin Ricarda Vulpius.
Frau Vulpius, Russland teilt mit dem angegriffenen Nachbarland Ukraine einen großen Teil seiner Geschichte. Wie ist ein solcher Bruderkrieg zu befrieden?
Der Begriff ist nicht ganz treffend, denn bei Brüdern denkt man ja an einen älteren und einen jüngeren Bruder. Die Russen und die Ukrainer stammen beide von den Ostslawen ab. Da gibt es keinen älteren und keinen jüngeren.
Also wären es eher Zwillinge.
Das wäre richtig. Aber genau das gestehen die Russen mehrheitlich den Ukrainern nicht zu. Aus historischer Perspektive ist die Metapher von den Brüdern aber insofern angebracht, als sehr viele Merkmale von naher Verwandtschaft vorliegen. Da ist einmal die Sprache – beides sind ostslawische Sprachen. Sie haben die Herkunft gemeinsam – die mittelalterliche Kiewer Rus. Sie haben die Religion gemeinsam, bei den Ukrainerinnen und Ukrainern zumindest mehrheitlich, und damit teilen sie die orthodoxe Kultur. Und sie haben seit dem 19. und 20. Jahrhundert größtenteils eine gemeinsame Geschichte, erst im Zarenreich und dann in der Sowjetunion.
Außerdem gibt es viele verwandtschaftliche Beziehungen.
Da haben Sie völlig recht. Es gibt insbesondere seit der Sowjetunion unzählige Mischehen. Es sind unzählige dieser Ehen zerbrochen, weil erschreckenderweise alte Feindbilder aufgetaucht sind. Insbesondere von russischer Seite, wo der Ukraine-Krieg als notwendig dargestellt wird. Das ist auf der menschlichen Ebene kaum zu ertragen.
Autorin und Serie
Die Autorin: Ricarda Vulpius ist Professorin für Geschichte Osteuropas und Ostmitteleuropas an der Universität Münster. Vulpius gehört zu den Gründungsmitgliedern der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission.
Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.
Wir haben vielfach gehört, dass Russinnen und Russen der eigenen Propaganda von den angeblichen „Nazis“ in Kiew mehr Glauben schenken als den Berichten der eigenen Verwandten in der Ukraine über russischen Bombenterror. Woran liegt das?
Das kann man nur erklären durch die jahrzehntelange Propaganda. Dieses Feindbild von den Ukrainern als Verrätern aus der Sicht dieser russischen Propaganda ist ein sehr alter Topos. Der geht schon auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Nach 1945 galten „die Ukrainer“ allgemein als Kollaborateure der Nazis. Dass es sich hierbei nur um einen Bruchteil der ukrainischen Bevölkerung gehandelt hatte und dass es auch auf der russischen Seite Nazi-Kollaborateure gegeben hatte, bleibt außen vor.
Ist das Verhältnis durch den Ukraine-Krieg auf Dauer vergiftet?
Auf alle Fälle auf lange Zeit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es im nächsten halben Jahrhundert zu einer friedlichen, wohlwollenden Koexistenz der beiden Nationen kommt. Es kann zwar zu einem Waffenstillstand kommen. Aber es wird eine lange Zeit brauchen, um Feindbilder abzubauen, insbesondere auf ukrainischer Seite, denn das Leid tragen primär die Ukrainerinnen und Ukrainer.
Wie sollte Deutschland mit seiner Gewaltgeschichte gegenüber der Ukraine und gegenüber Russland sich verhalten?
Ich bin überzeugt, dass Deutschland eine besondere Verantwortung hat. Wir sind im Ersten Weltkrieg in der Ukraine gewesen und haben die Ukraine wie eine Kolonie behandelt. Im Zweiten Weltkrieg natürlich erst recht, durch die entsetzlichen Zerstörungen, durch die Ermordung von Jüdinnen und Juden und der anderen ostslawischen (belarusischen und ukrainischen) Bevölkerung, durch Verschleppung und Zwangsarbeit. Wir stehen in der Pflicht, den Nachkommen dieser Menschen zur Seite zu stehen. Wir müssen uns aber auch selbst schützen, damit Russlands Aggression nicht über unsere Nachbarn und über uns selbst kommt.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Wir sollten in der Waffenhilfe an vorderster Linie stehen und alles dafür tun, dass eine hoffentlich irgendwann anstehende Verhandlung zu einem Frieden führt, der nicht die Vernichtung der ukrainischen Nation bedeutet. Wenn wir eine unbegrenzte militärische Westausdehnung Russlands zuließen, dann würde das nicht nur die Kapitulation der Ukraine, sondern auch Moldawiens bedeuten. Das hätte eine Kettenreaktion zur Folge, die auch Georgien erreichen würde, mit katastrophalen Folgen für die Weltfriedensordnung insgesamt.
Welchen Weg könnte die internationale Gemeinschaft gehen, um Friedensverhandlungen zu ermöglichen?
Es wäre wichtig, dass man bei Verhandlungen erreicht, eine Verwaltung, am besten durch die Vereinten Nationen herzustellen, die einen Waffenstillstand überwacht. Um eine Gesichtswahrung für Russland hinzubekommen, die einen Frieden aus russischer Führungsperspektive möglich macht, müssen Zugeständnisse angedacht werden. So etwas wäre denkbar zum Beispiel für die Region im Donbass oder auf der Krim, mit Volksabstimmungen unter demokratischen Bedingungen. Das müsste unter einer internationalen Verwaltung stattfinden, die möglichst stabile Garantien dafür gibt, dass es nicht zu Verfälschungen oder zu Vertreibungen einzelner Bevölkerungsgruppen kommt. Abstimmungsberechtigt müssten natürlich alle Bewohnerinnen und Bewohner sein, die vor dem 1. März 2014 auf der Krim lebten, also auch die inzwischen vertriebenen oder eingesperrten Krimtataren. (Das Interview führte Pitt von Bebenburg)