Krieg auch im Libanon?

„Angst und Paranoia“: Expertin wähnt Hisbollah nach „gezielten Tötungen“ durch Israel in Panik

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Israel setzt der Hisbollah mit gezielten Angriffen im Libanon zu. Während Annalena Baerbock in Beirut verhandelt, eskaliert der Konflikt zunehmend.

Beirut - Es brodelt gewaltig im Nahen Osten: Israel greift im Krieg gegen die radikalen Islamisten längst nicht mehr „nur“ die Hamas im Gazastreifen an, sondern macht regelrecht Jagd auf hochrangige Vertreter der Palästinenserorganisation sowie der schiitischen Hisbollah im Libanon und im angrenzenden Syrien.

Naher Osten: Provoziert Israel im Libanon einen Mehrfrontenkrieg?

Damit nicht genug: Während Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) Gespräche zur möglichen Deeskalation des Konflikts in Beirut führt, haben die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen einen ihrer bisher größten Angriffe auf den Schiffsverkehr im Roten Meer unternommen. Das autoritäre Regime in Iran unterstützt sowohl die Hisbollah als auch die Huthi mit Raketen und Angriffsdrohnen.

Wird ein Mehrfrontenkrieg für Israel damit ein realistischeres Szenario? Weil Tel Aviv das vielleicht bewusst provoziert? Droht gar ein größerer Krieg im Libanon? Weil Teheran das will? Die Situation rund um den Krieg in Israel ist so kompliziert wie brisant zugleich.

Die israelischen Streitkräfte veröffentlichten am 9. Januar 2024 Bilder von einem Raketenschlag gegen die Stadt Kfarkela im Süden des Libanon.

Krieg in Israel: Schiitische Hisbollah laut Expertin in „Angst und Paranoia“

Eine Expertin für den Nahen Osten wähnt die Hisbollah nach „gezielten Tötungen“ in „Angst und Paranoia“ und glaubt nicht, dass die radikalen Schiiten ein Interesse an einem konventionellen Krieg im von ihnen kontrollierten Süden des Libanon haben. Israel soll zuletzt mutmaßlich den iranischen General Sejed-Rasi Mussawi bei einem Luftangriff in Syrien sowie am 2. Januar den hochrangigen Hamas-Kader Saleh al-Arouri mit einer gezielten Drohnenattacke auf einen Vorort Beiruts getötet haben.

Am Montag (8. Januar) hatte die Hisbollah den Tod von Wissam al-Tawil vermeldet, eines Kommandeurs ihrer Spezialeinheit Radwan, ehe Tel Aviv am selben Tag die angebliche Tötung eines Raketenexperten der Hamas in Syrien bekannt gab. Am Dienstag (9. Januar) bestätigte die israelische Armee dann die gezielte Tötung von Ali Hussein Bardschi, eines Hisbollah-Mitglieds, der für Dutzende Drohnenangriffe auf den jüdischen Staat seit dem Massaker vom 7. Oktober verantwortlich gemacht wird.

Libanon
Unabhängigkeit:22. November 1943 (von Frankreich)
Einwohner:6 Millionen (geschätzt)
Hauptstadt:Beirut (geschätzt 2,3 Millionen Einwohner)
Fläche:10.452 km²
Grenzen mit:Israel, Syrien

Naher Osten: Israel wird für Tötung von Hisbollah-Kadern verantwortlich gemacht

„Israel hat al-Arouri in den südlichen Vororten von Beirut getötet, einer Hochburg der Hisbollah. Anführer Hassan Nasrallah hatte zuvor immer wieder mit Vergeltung gedroht, sollte es zu solch einem Szenario kommen. Trotzdem haben die Israelis die Operation durchgeführt. Die Message ist klar: Wenn wir wollen, haben wir die Waffen und Geheimdienstinformationen, um euch überall auf präzise Art und Weise auszuschalten“, erklärte nun die Nahost-Expertin Hanin Ghaddar der WirtschaftsWoche (WW). Ghaddar ist Friedmann Senior Fellow am Washington Institute, wo sie sich auf die Forschung zu schiitischer Politik in der Levante konzentriert - also an der Ostküste des Mittelmeeres und in deren Hinterland.

Die Hisbollah befinde sich „im Panik-Modus. Für die Eliten der Organisation ist gerade unklar, wie sie reagieren sollen. Offensichtlich haben sie kein Interesse, sich in einen Krieg reinziehen zu lassen. Gleichzeitig ist ihnen klar geworden, dass ihre Führungszirkel von israelischen Spionen durchsetzt sind. Man hat Dutzende Mitglieder festnehmen lassen und in unterirdischen Gefängnissen verhört“, sagte Ghaddar weiter: „Das allein sagt doch alles aus über den Grad an Angst und Paranoia, der gerade bei Hisbollah herrscht.“ Aktuell suche dagegen Israel im Palästina-Konflikt den Krieg mit der Hisbollah, meinte die Nahost-Expertin: „Weil Israel bereit dazu ist.“

4. Januar in Beirut: Saleh al-Arouri, ein palästinensischer Anführer der Terrororganisation Hamas, wird unter großer Anteilnahme beigesetzt.

USA warnen vor Krieg im Libanon: Experte befürchtet Hunderttausende Opfer

Laut The Washington Post sind die USA als Israels Verbündeter deshalb in hoher Alarmbereitschaft. Amerikanische Beamte würden vor dem großen Arsenal an Langstrecken- und Präzisionswaffen der Hisbollah warnen. „Die Zahl der Opfer im Libanon könnte sich auf 300.000 bis 500.000 belaufen und eine massive Evakuierung des gesamten Nordens Israels nach sich ziehen“, erklärte Bilal Saab, Libanon-Experte am Middle East Institute in Washington, der US-Tageszeitung zu einem möglichen Krieg an der israelisch-libanesischen Grenze. Die Hisbollah könnte tiefer als bisher in Israel eindringen und sensible Ziele wie petrochemische Anlagen sowie Atomreaktoren angreifen, meinte Saab, und der Iran könnte Milizen in der gesamten Levante aktivieren.

Während die deutsche Außenministerin Baerbock in dieser Gemengelage Gespräche in Beirut führt, versucht ihr amerikanischer Amtskollege Antony Blinken zeitgleich den israelischen Staatspräsidenten Izchak Herzog in Tel Aviv zu beschwichtigen. Und wohl nicht zuletzt auch den israelischen Außenminister Israel Katz, einen Hardliner gegenüber den Palästinensern und Schiiten. Über allem steht die Gefahr einer Ausweitung des Krieges. (pm)

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