Tod von Hamas-Führer Salech al-Arouri: Die Domino-Theorie des Terrors
VonMaria Sterkl
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Der Tod der Nummer zwei der Hamas, Salech al-Arouri, bei einem Drohnenangriff bedeutet einen Rückschlag für die Geiselverhandlungen in Gaza wie auch für die Sicherheitslage im Norden.
Jerusalem - Die Bevölkerung im Norden Israels hatte in der Nacht auf Mittwoch allen Grund, schlecht zu schlafen: Nach der gezielten Tötung des Terrorführers Salech al-Arouri in Beirut nur Stunden zuvor fürchtete Israel Racheakte der Hisbollah im Libanon.
Wurde mit Tod von Salech al-Arouri eine rote Linie überschritten?
Al-Arouri war allerdings kein Hisbollah-Angehöriger, sondern einer der mächtigsten Offiziellen der Hamas – er galt als Nummer zwei hinter dem politischen Führer der Hamas, Ismail Haniyeh, und als dessen potenzieller Nachfolger. Der in Beirut tätige Al-Arouri genoss aber den Schutz der pro-iranischen libanesischen Miliz, und der Ort, an dem der tödliche Drohnenangriff auf die Hamas-Nummer zwei (und wohl drei weitere Mitstreiter) stattfand, war ein von der Hisbollah kontrolliertes Quartier in Beirut.
Die libanesische Zeitung Al-Akhbar, für ihre Nähe zur Hisbollah bekannt, titelte: „Israel hat eine rote Linie überschritten.“ Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hatte früher schon gedroht, dass jede gezielte Tötung im Libanon „zu einer scharfen Reaktion“ führen werde.
Israel erklärt sich nicht Salech al-Arouris Tod verantwortlich
Israel erklärte sich jedoch nicht verantwortlich für den Tod Al-Arouris – auch wenn US-Geheimdienste die Verantwortung bei Jerusalem sehen wollten. Armeesprecher Daniel Hagari wählte seine Worte mit besonderer Sorgfalt, als er Dienstagabend verkündete, Israel sei nun „auf alle Szenarien vorbereitet“, richte aber seine Anstrengungen weiter auf die Hamas. „Die israelische Armee ist auf einem sehr hohen Bereitschaftsgrad“, betonte Hagari. „Am wichtigsten ist heute: Wir sind und bleiben darauf fokussiert, die Hamas zu bekämpfen.“
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Man kann das als Botschaft an Nasrallah verstehen: Hier geht es nicht um die Hisbollah, hier geht es nicht um den Libanon – sondern um die Palästinenser und die Hamas. Das lässt sich aber nicht sauber trennen. Al-Arouri galt als Bindeglied zwischen Hamas und Hisbollah. Seine Tötung fiel ausgerechnet auf den Abend vor dem vierten Jahrestag der gezielten Tötung eines hochrangigen iranischen Terrorkommandanten im Irak, Ghassem Soleimani. Nasrallah hatte anlässlich dieses Jahrestages schon eine Rede angekündigt.
Im Luftraum über Israels Norden blieb es in der Nacht auf Mittwoch und in den Morgenstunden schließlich still. Terrorexperte Michael Milstein hält es für möglich, dass die Antwort auf die Tötung Al-Arouris nicht in einem Beschuss ziviler Ziele in Israel liegen könnte – sondern in einer Eskalation im Westjordanland. Auf diese Weise könnte man Rache üben, ohne zu riskieren, dass die höchst angespannte Lage an der israelisch-libanesischen Grenze in einen offenen Krieg ausartet. Zudem war es Al-Arouri, der in Israel als federführend für die Terrorwelle im Westjordanland gesehen wurde. Eine Reaktion in Al-Arouris Kommandogebiet wäre aus Sicht der Hamas ein wirksames Zeichen der Stärke.
Salech Al-Arouri: Unrealistische Forderungen
In Israel wurde Salech Al-Arouri als jener Faktor gesehen, der in den laufenden Verhandlungen rund um einen neuen Geisel-Deal mit der Hamas unrealistische Forderungen stellte und einen neuerlichen Kompromiss verhinderte. Wer hoffte, Al-Arouris Tod könnte einen Durchbruch in den Verhandlungen bringen, wurde umgehend enttäuscht: Die Hamas verkündete nach dem Bekanntwerden des Todes ihrer Nummer zwei einen sofortigen Abbruch der Gespräche.
Für die Angehörigen der rund 130 immer noch in Gaza festgehaltenen Geiseln ist das ein besonders schwerer Schlag, hatte es doch kurz zuvor Meldungen über einen Verhandlungsfortschritt bei den langen, zähen Gesprächen gegeben. Laut arabischen Nachrichtenagenturen und einem israelischen Bericht hat die Hamas ihre Forderung nach einer unbegrenzten Waffenruhe fallengelassen. Stattdessen verlangte die Terrorgruppe die Freilassung von 120 Gefangenen aus israelischen Gefängnissen. Im Gegenzug würden 40 Geiseln freigelassen.
Dazu kommt es nach dem Abbruch der Gespräche seitens Hamas nun nicht. In Israel wiederum richten sich nun alle diplomatischen Bemühungen darauf, eine Eskalation im Norden zu vermeiden. Terrorkommandos vornehmlich der Hamas aus Gaza hatten bei ihrem Überfall am 7. Oktober auf Israel mehr als 240 Menschen nach Gaza verschleppt und mehr als 1200 Menschen ermordet, die meisten von ihnen waren Zivilpersonen.
Rechte Minister aus Netanjahus Regierung wollen „ethnische Säuberung“
Unter den Geiseln befanden sich auch 22 Menschen mit deutsch-israelischer Doppelstaatsbürgerschaft. Sieben von ihnen wurden inzwischen als tot gemeldet, fünf befinden sich laut heutigem Wissensstand weiterhin in der Gewalt der Hamas.
Während Israels offizielle Propaganda versucht, das Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza aus der öffentlichen Wahrnehmung auszuklammern, können die Angehörigen der Geiseln nicht anders, als sich auch diesen Aspekt des Kriegs bewusst zu machen: Hunger, Durst, Infektionskrankheiten und der ständige Beschuss treffen auch die nach Gaza Verschleppten.
Für diplomatische Differenzen sorgen jüngste Äußerungen zweier hochrangiger Minister der Regierung Netanjahu: Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotritsch regten eine großflächige „ethnische Säuberung“ Gazas und die massenhafte Ansiedlung von Israelis im Gazastreifen an. Das sei „eine korrekte, gerechte, moralische und humane Lösung“, meinte Ben Gvir. Die USA verurteilten diese Aussagen. US-Außenamtssprecher Matthew Miller bekräftigte die „klare, konsequente und unmissverständliche“ Position der USA, wonach „Gaza palästinensisches Land ist und palästinensisches Land bleiben wird“. (Maria Sterkl)