Proteste im Iran

„Sie haben auf jeden Passanten geschossen“: Iranischer Arzt berichtet von brutalem Vorgehen

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Das iranische Staatsoberhaupt beschwört eine angebliche „Gehirnbeherrschung“ durch „den Feind“. Ein Protestierender hingegen schildert Szenen von der Straße - und zwar deutlich konkreter.

Teheran/München - Im Iran gibt es kein Internet. Die Regierung beschränkt den Zugang massiv oder sperrt ihn an manchen Tagen ganz. Inmitten der Proteste im Iran dringen aber dennoch Stimmen aus dem Land nach außen. Etwa die eines iranischen Arztes - der sich im Video-Interview zur Sicherheit mit Hoodie und Mundschutz verhüllt.

Der Arzt nahm vergangenen Monat an einer Demonstration in Teheran teil, bei der die Sicherheitskräfte „mindestens einen Menschen“ töteten. „Sie haben auf jeden auf dem Bürgersteig geschossen“, sagte er nun zum US-Sender CNN. Er selbst habe mehrere Prellungen am Körper davongetragen; von Schlagstöcken blieb er - anders als andere Protestierende - verschont.

Proteste im Iran: Inhaftierte Schauspieler und Fußballer gegen Kaution wieder frei?

Seit der Inhaftierung mehrerer Journalisten im Iran berichtet die lokale Presse entweder gar nicht mehr über die Proteste oder nur das, was ihnen von der Regierung in Teheran vorgeschrieben wird. Am Montag (28. November) kam die festgenommene iranische Schauspielerin Hengameh Ghasiani frei, einen Tag zuvor die bekannte Künstlerin Ghasiani - beide Frauen nur gegen Kaution, wie iranische Nachrichtenagenturen berichteten. Sie hatten sich an dem Aufstand gegen das Mullah-Regime beteiligt.

Zuvor hatten lokale Medien bereits gemeldet, dass der bekannte kurdische Fußballspieler Voria Ghafouri (Vorwurf: „Propaganda“ gegen den Staat) wieder aus der Haft sei. Seine Frau dementierte das jedoch auf Instagram.

Aufnahme vom 30. September: Eine Frau bei einer Demo in Teheran gegen das Mullah-Regime

Aktivist im Iran: „Unsere Pflicht gegenüber der nächsten Generation“

Irans Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei hat jetzt die Bevölkerung davor gewarnt, sich aus dem Ausland durch „Propaganda“ verführen zu lassen. „Der Feind versucht, die Gehirne zu beherrschen“, sagte der 83-Jährige laut dpa am letzten Novemberwochenende. Ausdrücklich nannte Chamenei die USA. Auch Israel gilt als Erzfeind des islamischen Landes, Saudi-Arabien als regionaler Rivale.

Für den Arzt, der bei CNN nicht namentlich genannt werden wollte, muss das wie Hohn klingen. „Solange die Islamische Republik das Land regiert, kann ich meinen Job nicht ausführen“, sagte er zu CNN. Er habe zusammen mit etwa hundert medizinischen Mitarbeitern protestiert. Um höhere Bezahlung ging es dabei nicht. „Es ist unsere Pflicht gegenüber der nächsten Generation, uns gegen die Islamische Republik zu wehren“, fuhr er fort.

Iran-Proteste: Deutschland unter Kanzler Scholz reicht Resolution ein

Auslöser der oft von Frauen angeführten Aufstände war der Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini Mitte September. Sie starb im Polizeigewahrsam, nachdem sie wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften festgenommen worden war Polizei und Sicherheitskräfte gehen mit aller Härte dagegen vor. Nach Angaben von Menschenrechtlern wurden mehr als 440 Demonstranten getötet. Die paramilitärische Basidsch-Milizen spielen dabei eine wesentliche Rolle.

Der UN-Menschenrechtsrat hatte am 24. November wegen der anhaltenden Gewalt des iranischen Sicherheitsapparats eine unabhängige Untersuchung beschlossen. Deutschland und Island hatten eine entsprechende Resolution eingereicht. (frs mit dpa-Material)

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