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Merin Abbass, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut, über die dramatischen Folgen eines Krieges in einem bereits zerfallenen Land.
Herr Abbass, wie ist die Lage der Menschen im Libanon?
Das Ausmaß der israelischen Angriffe ist unvorstellbar. Überall sind die Menschen besorgt, dass ihr Dorf als nächstes bombardiert wird. Sorge, Angst, Verzweiflung. Der brutale Krieg kann jeden treffen – egal ob Christ, Sunnit, Schiit oder Hisbollah-Anhänger. Es sind schlimme Szenen, die sich seit Beginn des Krieges abspielen, hunderte Krankenwagen bringen Verletzte und Tote zu den überfüllten Krankenhäusern im ganzen Land. Dem bereits kurz vor dem Kollaps stehenden Gesundheitssystem droht nun die völlige Überlastung. Hunderttausende Libanesen, auch Flüchtlinge aus Syrien und ausländische Haushaltsangestellte sind mittlerweile auf der Flucht aus dem Süden und den Bekaa-Regionen, also den Hisbollah-Hochburgen mit hohem schiitischem Bevölkerungsanteil. Die Botschaft, die Israel offensichtlich zu vermitteln versucht, lautet: Nirgendwo ist man sicher!
Aber betont die israelische Regierung nicht ständig, dass sie nur die Hisbollah bekämpfen will?
Die israelischen Luftangriffe richten sich keineswegs ausschließlich gegen militärische Ziele der proiranischen Miliz Hisbollah und ihre Kämpfer, sie treffen auch Wohnhäuser, Bürogebäude, Straßen und öffentliche Plätze. Unter den Opfern sind Zivilistinnen und Zivilisten, darunter viele Kinder und Frauen sowie medizinisches Personal, Libanesen, Palästinenser, aber auch Syrier. Das ist der blutigste Angriff in der Geschichte der langjährigen Auseinandersetzungen zwischen der Hisbollah und dem Nachbarland Israel. Bereits am ersten Tag der Bombardements gab es mehr als 580 Tote und 1700 Verletzte. Damit forderte dieser Tag fast halb so viel Opfer wie der ganze Libanonkrieg 2006, der 34 Tage dauerte.
Krieg in Nahost: Libanon ohne politischen Oberhaupt – „Es ist ein zerfallender Staat“
Ist der libanesische Staat in irgendeiner Form auf die Situation vorbereitet?
Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht. Das Land ist in einem Krieg ohne ein politisches Oberhaupt, ohne einen Präsidenten, der das Land aus dieser Gefahrenlage führen könnte. Ohne einen funktionierenden Staat, der sich auf die humanitäre Krise vorbereitet und beispielsweise die vielen Binnenflüchtlinge versorgt – nun mehr als 200 000 seit Oktober 2023, insbesondere aus dem Süden Libanons. Aktuell sind fast eine Million Menschen auf der Flucht im ganzen Land. Ohne finanzielle Mittel und Kapazitäten, um die Bevölkerung mit Medizin und Nahrungsmitteln auszustatten. Es waren die einfachen Leute, die in den letzten Tagen auf den Straßen von Saida die erschöpften Menschen aus dem Süden mit Wasser und Nahrung versorgten, vom Staat war nichts zu sehen. Es waren lokale Initiativen, die Schulen und Aufnahmezentren aufmachten, um die Binnenvertriebenen zu beherbergen, vom Staat und entsprechenden Ministerien war nichts zu sehen. In vielen betroffenen Regionen gibt es nicht einmal Bagger und andere Geräte, um Verletzte und Tote aus den Trümmern zu bergen, katastrophale Straßen und Infrastrukturen machen es Rettungskräften zeitweise unmöglich in bestimmte ländliche Gebiete zu gelangen.
Gibt es überhaupt eine funktionierende Infrastruktur?
Der Libanon ist ein zerfallener Staat, ein „failed state“. Und der Krieg ist eine extreme Herausforderung für das bereits an multiplen Krisen leidende Land. Die bereits seit Jahren überforderten Gesundheits- oder Telekommunikationssysteme drohen nun komplett zusammenzubrechen. Die Sorge um ein Chaos macht den Menschen große Angst. Durch den fehlenden Präsidenten und die damit einhergehende politische Krise ist die aktuelle Übergangsregierung handlungsunfähig. Die Exekutive steht still. Diese politische Krise ist aber gewollt und wird bewusst aufrechterhalten.
Zur Person
Merin Abbass ist Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung im Libanon. Er studierte Internationale Beziehungen in Deutschland und England und arbeitet seit über zehn Jahren zur Mona- Region (Naher und Mittlerer Osten sowie Nordafrika). mic
Wer hat denn ein Interesse an dieser katastrophalen Lage?
Seit dem Ablauf der Amtszeit von Präsident Michel Aoun im Jahr 2022 ist man auf der Suche nach einem Nachfolger für ihn. Die beiden großen Lager – das schiitische und das christlich-oppositionelle, um es mal ganz vereinfacht zu sagen – können sich auf keinen Kandidaten einigen, jedes Lager möchte seinen „Spieler“ reinbringen, der gefügig ist und später nicht unangenehm wird.
Libanon wird zweites Gaza: „Keine Gefahr, sondern bereits Realität“
UN-Generalsekretär Guterres warnt, dass sich die Welt ein zweites Gaza nicht leisten könne. Wie groß ist die Gefahr, dass die libanesische Bevölkerung zur Geisel des Konflikts wird?
Es ist keine Gefahr, sondern bereits Realität – seit 1982 und der Gründung der Hisbollah, aber spätestens seit der gewaltigen Hafenexplosion im August 2020 als an einem Sommernachmittag Tonnen von Ammoniumnitrat am Hafen von Beirut explodierten und zu grauenhaften Zuständen in der Stadt führten. Viele lokale und internationale Experten vermuten, dass die Hisbollah Tonnen von Ammoniumnitrat am Hafen gelagert hat, ohne dabei die relevanten Behörden zu informieren. Es ist nicht bestätigt, wird aber angenommen, dass ein israelischer Luftangriff die Explosion am Hafen ausgelöst hat. Als Folge dieser schrecklichen Tragödie, sterben 218 unschuldige Zivilisten und mehr als 7000 werden verletzt, knapp 300 000 Menschen werden wohnungslos, Milliardenverluste durch Sachschäden an Gebäuden und Infrastruktur. Spätestens seitdem ist die libanesische Gesellschaft zur Geisel des Konfliktes geworden. Es ist wieder die ausgebeutete Bevölkerung, die sich selbst helfen und dabei zusehen muss, wie sie zum Opfer regionalen Kalküls wird.
Warum lässt es sich die libanesische Bevölkerung gefallen, durch die Hisbollah immer wieder in Konflikte mit Israel hineingezogen zu werden?
Das hängt mit der Abwesenheit des Staates und dem beabsichtigten politischen Machtvakuum im Libanon zusammen. Die Hisbollah hat in den letzten Jahren ihre Strukturen massiv ausgebaut. Hisbollah ist der Brutkasten einer schiitischen Parallelgesellschaft, die ihre eigene Verwaltung, Banken, Geschäfte, medizinische Einheiten und Streitkräfte entwickelt hat. Sie ist mittlerweile ein politischer Akteur und bestimmt somit das politische Geschehen im Land; sie ist aber auch eine Miliz, mit 100 000 Kämpfern. Im aktuellen Konflikt präsentiert sie sich als Sicherheitsgarant der Libanes:innen, als die einzige Partei, die die Würde der Libanesen gegen den Feind Israel wahrt.
Vor dem Gaza-Krieg: Die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts in Bildern




Opposition gegen die Hisbollah im Libanon: „Der Libanon möchte keinen Krieg“
Und es gibt keinen Widerstand?
Doch! Wenn man sich die fragmentierte libanesische Gesellschaft anschaut, dann weiß man, dass nicht alle Religionsgruppen hinter der Hisbollah stehen. Im Gegenteil, die Opposition, mehrheitlich aus christlichen Parteien, sagt offen, dass Hisbollah schuld ist an vielen Miseren im Land. Viele Politiker:innen der verschiedenen Parteien werfen der Hisbollah vor, dass sie den Libanon mit in den Abgrund zieht. Dass nicht alle hinter dem Krieg stehen zeigen auch Medienkampagnen, die seit dem Beginn des aktuellen Konflikts laufen; mit dem Slogan “#Libanon La yourd Al-Harab“ – übersetzt „der Libanon möchte keinen Krieg“ – soll demonstriert werden, dass nicht alle Libanesen die Politik der Hisbollah unterstützen. Allerdings bleibt Hisbollah durch die Abstinenz eines Präsidenten und des Staates der mächtigste Akteur im Land, aktuell der alleinige, der über Krieg und Frieden und somit das Schicksal der Libanesen entscheidet.
Kampfregeln im Krieg in Nahost: „Wie Du mir, so ich Dir“
Die libanesische Zivilbevölkerung wurde bereits durch die explodierenden Pager zum Opfer. „Israel hat hiermit die bisher zwischen den Konfliktparteien informell respektierten Kampfregeln massiv verletzt“, schrieben Sie in einem Artikel. Um welche Kampfregeln geht es?
Seit dem 8. Oktober 2023 – also einen Tag nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel – befindet sich die Miliz in einem Krieg mit dem Nachbarstaat. Hisbollah als Anführer der sogenannten „Achse des Widerstandes“ beabsichtigte, Israel durch die Eröffnung der Nordfront zu einem Waffenstillstand zu zwingen und somit die Hamas vor einen Totalkollaps zu retten. Bis heute allerdings ohne nennenswerte Erfolge. Die israelische Armee hingegen setzte sich das Kriegsziel, die Lage im Norden so zu befrieden, dass die knapp 60 000 evakuierten Bewohner in ihre Häuser zurückkehren können. Doch bis dato konnte auch dieses Ziel nicht erreicht werden – genauso wenig wie die Vernichtung der Hamas oder die Befreiung der Geiseln in Gaza.
Und bei diesen militärischen Aktionen gab es Regeln?
Mit den „informell respektierten Kampfregeln“ ist gemeint, dass beide Parteien ihren Konflikt bisher unterhalb der Schwelle eines totalen Krieges gehalten haben. Auf Provokationen wurde mit „Tit-for-tat“ reagiert, also: „Wie Du mir, so ich Dir.“ Eine Strategie, die in Konflikten häufig angewandt wird. Obwohl dabei neben Hisbollahkämpfern und Kommandeuren auch Zivilisten sowie Journalisten umgekommen sind, hat Hisbollah vor allem Raketen und Drohnen abgefeuert, die meist auf freien Flächen gelandet sind ohne großen Schaden anzurichten oder vom israelischen Raketenabwehrsystem abgefangen wurden. Aber durch die Sprengung tausender Kommunikationsgeräte, bei denen zahlreiche Zivilistinnen und Zivilisten umgekommen sind, hat Israel diese Spielregeln massiv verletzt und damit eine Eskalation provoziert, die dann einige Tage später mit massiven Bombardements und Raketenangriffen auf den Libanon fortgesetzt wurde. Es gibt seitdem keine Spielregeln für beide Konfliktparteien.
Ein Einschlag israelischer Artillerie im Süden des Libanon, von diesseits der Grenze aus gesehen.
© dpa
Die Zukunft der Hisbollah: Israels Handeln könnte Hisbollah „Unterstützung von der breiten Bevölkerung“ bringen
Welche Konsequenzen könnte das haben?
Es ist eine große Gefahr für die gesamte Region. Israel zeigt, dass es bereit ist, diesen Krieg vollends zu riskieren. Die Hisbollah ist durch die jüngsten Eskalationsschritte gedemütigt. Erhebliche Teile ihrer militärischen Führung sind entweder verletzt oder gefallen. Die Organisation erfährt schmerzhaft, dass Israel ihr technologisch und geheimdienstlich deutlich überlegen ist. Sie ist verunsichert, denn die Kommunikationskanäle sind massiv beschädigt, die Befehlsketten gestört und das militärische Führungspersonal durch gezielte Anschläge der israelischen Armee ausgedünnt. Die Tötung des Generalsekretärs Hassan Nasrallah und weiterer Führungskräfte in den letzten Tagen stellt die Hisbollah vor extreme Herausforderungen und lässt offen wie die Zukunft der Miliz aussehen wird.
Was heißt das für den Rückhalt der Hisbollah in der Gesellschaft?
Die für Resilienz bekannte libanesische Gesellschaft verspürt nun Panik, die Menschen haben Angst, auch weil sie konstatieren, dass die Hisbollah für ihre Sicherheit nicht mehr sorgen kann, wenn der Feind seine militärische und technologische Überlegenheit ausspielt. Und die Vertriebenen erleben, dass die Hisbollah sich nicht um alle kümmert, dass sie mit Ihren Ängsten und Nöten allein gelassen werden. Für viele ist sie aber der einzig wahre Akteur, der Israel Widerstand leistet. Je brutaler Israel den Konflikt auch gegen die Zivilbevölkerung austrägt, um so mehr erfährt die Hisbollah Unterstützung von der bereiten Bevölkerung.
„Deeskalation durch Eskalation“: Israels Strategie im Konflikt mit der Hisbollah
Können Sie einschätzen, wie die Hisbollah auf die Demütigungen reagieren wird?
Die Provokation der israelischen Armee kann zur Folge haben, dass die Hisbollah nun diese neue Stufe der Eskalation mitgeht und ebenso einen umfassenden, regionalen Krieg riskiert. Sie könnte aber auch diese demütigende Niederlage erstmal hinnehmen, was wiederum bei ihren Anhängern zu Legitimitätsproblemen führen kann. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass die Hisbollah einlenkt und auf die Forderungen der israelischen Regierung eingeht, begleitet von einem diplomatischen Deal. Damit würde die Strategie der sogenannten Deeskalation durch Eskalation aufgehen. Schaut man aber die aktuellen Entwicklungen an, kommt mir diese Möglichkeit allerdings unwahrscheinlich vor.
Welches Interesse verfolgt der Iran mit seiner Unterstützung für die Hisbollah?
Iran sieht sich als Profiteur der Auseinandersetzung. Für Teheran bleibt die Hisbollah ein Faustpfand, mit dem das Regime einem israelischen Angriff auf iranisches Territorium vorbeugen will. Doch auch ohne Einsatz der Hisbollah sieht sich Teheran strategisch gestärkt. Der geopolitische Gegner Israels wurde mit dem Konflikt in Gaza vor den Augen der Weltöffentlichkeit gedemütigt. Ebenso wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien torpediert. Dies stärkt die Rolle des Iran. Dennoch haben sowohl der Iran als auch die Hisbollah kein Interesse an einem „all-out-war“. Die Kommunikation zwischen Washington und Teheran ist so intensiv wie seit Jahren nicht mehr: Beide Seiten versichern sich, keinen großen Regionalkrieg zu wollen. Wir müssen nun abwarten, wie das iranische Regime auf die Ermordung von Hassan Nasrallah reagiert, eine unkontrollierte Eskalation ist nicht mehr auszuschließen.
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