Israel startet versteckte Manöver gegen Hisbollah im Libanon – Bodenoffensive droht
VonFelix Busjaeger
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Im Nahen Osten droht eine weitere Eskalation. Israel scheint eine Bodenoffensive gegen die Hisbollah im Libanon zu planen. Die Vorbereitungen sind angelaufen.
Tel Aviv/Beirut – Dieser Tage scheint der Nahe Osten ein Pulverfass zu sein – und jeder neue Angriff könnte letztendlich der entscheidende Funke sein, der die Region ins Chaos stürzt. Seit mehreren Tagen greift Israels Militär massiv die Hisbollah im Libanon an. Immer wieder werden schwere Luftangriffe gemeldet. Die Terrormiliz reagiert und schickt ihrerseits zahlreiche Raketen in Richtung Israel. Es wächst die Sorge, dass Israels Armee zu einer Bodenoffensive im Süden des Nachbarlandes übergehen könnte.
Nach der Tötung des Hisbollah-Chefs Nasrallah hatte Israels Armeechef Herzi Halevi am Samstag diese Möglichkeit angedeutet. Er habe Pläne für das Nordkommando der Streitkräfte gebilligt, hieß es zuletzt. Doch nun wird bekannt, dass erste Operationen bereits begonnen haben könnten – und das schon länger.
Israel bereitet wohl Bodenoffensive im Libanon vor: Bericht deckt Geheimoperationen auf
Die Lage im Nahen Osten bleibt unübersichtlich: In der Nacht zu Montag, dem 30. September griff Israel nicht nur Stellungen der Hisbollah im Libanon an, sondern auch Huthi-Ziele im Jemen. Auch Hamas-Kämpfer sollen im Fokus israelischer Angriffe gestanden haben. Wie das Wall Street Journal berichtet, führen Israels Spezialeinheiten derzeit kleine, gezielte Angriffe im Südlibanon durch, um Informationen zu sammeln. Die Einsätze könnten darauf hindeuten, dass eine größere Bodenoffensive in Vorbereitung ist.
Inwieweit und wann eine mögliche Bodenoffensive gegen die Hisbollah im Libanon erfolgen wird, ist gegenwärtig unklar. Im Hintergrund sollen Vertreter der USA die israelische Regierung stark unter Druck setzen, um eine Gewalteskalation in der Region zu vermeiden. In dem WSJ-Bericht heißt es unter anderem auch, dass die israelischen Streitkräfte im Libanon möglicherweise größere Angriffe statt einer Bodenoffensive durchführen werden. Das Tunnelsystem der Hisbollah könnte dabei im Mittelpunkt stehen. Wie Tal Beeri, ein Experte für unterirdische Kriegsführung, im Januar der Times of Israel sagte, soll das unterirdische Netzwerk der Terrormiliz mehrere Hundert Kilometer umfassen.
Israel geht gegen Hisbollah im Libanon vor: Bodenoffensive steht wohl bevor
Dass die Hisbollah auf Tunnelsysteme setzt, ist historisch bedingt. Immer wieder wurden die Anlagen gegen Angreifer effektiv eingesetzt. Erst 2019 wurden die taktischen Anlagen der Terrormiliz bei der Operation Northern Shield von der israelischen Armee aufgedeckt und zerstört. Amir Avivi, ein ehemaliger hochrangiger israelischer Militärbeamter, der weiterhin Kontakte zum Verteidigungsministerium unterhält, sagte laut WSJ, dass die jetzigen Vorstöße israelischer Spezialeinheiten im Libanon Vorbereitungsmaßnahmen für eine größere Operation seien. „Die israelischen Streitkräfte haben viele Vorbereitungen für einen Bodenangriff getroffen“, sagte Avivi. „Insgesamt beinhaltet dies immer auch Spezialoperationen. Das ist Teil des Prozesses.“
Nach dem Tod von Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah wurde vermutet, dass die Miliz deutlich geschwächt sei. Vermutlich wird aus diesem Grund nun eine mögliche Bodenoffensive vorangetrieben. Aus Sicht des iranischen Außenministeriums habe Nasrallahs Tod allerdings nur bedingte Auswirkungen und die Hisbollah im Libanon würde ungeachtet dessen weiter existieren. „Hassan Nasrallah wurde zum Märtyrer, aber seine Lehre lebt weiter“, sagte Außenamtssprecher Nasser Kanaani laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna.
Bodenoffensive im Libanon gegen Hisbollah: Israel steht vor Problem
Eine mögliche Bodenoffensive im Libanon gegen die Hisbollah birgt derweil auch eine „Falle“ für Israel im Krieg. Trotz des Todes von Nasrallah und fast der gesamten oberen Führungsebene verfüge die Hisbollah immer noch über Tausende von erfahrenen Kämpfern und ein umfangreiches Waffenarsenal. Mit diesem könnte sie in ihren südlibanesischen Hochburgen auf vorbereitetem Terrain Israels Truppen erhebliche Verluste zufügen. Eine israelische Bodenoffensive könne der Hisbollah helfen, sich wieder „aus der Asche“ zu erheben und die Unterstützung der breiten libanesischen Gesellschaft wiederzugewinnen, schreibt das Wall Street Journal.
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Dennoch ist Israel wegen der aktuellen Lage auch im Zugzwang: Die israelische Regierung steht unter Druck, eine Pufferzone zu schaffen, um die Angriffe der Hisbollah zu stoppen. Außerdem gibt es Befürchtungen, dass die Hisbollah, ähnlich wie die Hamas am 7. Oktober, nach Israel vorstoßen könnte. Es wäre das vierte Mal in 50 Jahren, dass die Israelis in das Nachbarland einmarschieren. Und schon jetzt gibt es zahlreiche Befürchtungen. „Das wird hart, das wird schwierig und das wird für alle Seiten blutig“, warnte Ex-Premier Ehud Olmert in der Washington Post.
Israels Bodenoffensive gegen Hisbollah im Libanon würde Iran auf den Plan rufen
Eine Bodenoperation würde auf zwei Wochen aufwändiger Geheimdienstoperationen, gezielter Tötungen und schwerer Bombardierungen folgen. Diese zielten darauf ab, die Kommando- und Kontrollräume sowie die Waffenlager der Hisbollah zu schwächen. Israel hat vergangene Woche Luftangriffe auf mehr als 2000 Ziele durchgeführt. Israels Vorgehen stellt derweil den Iran vor ein ernstes Dilemma. Die libanesische Miliz sei „ein wichtiger Teil der iranischen Verteidigungsdoktrin und ihr wichtigstes Abschreckungsinstrument gegen Israel“, erklärt Michael Horowitz, Leiter der Abteilung für Nachrichtendienste bei der Beratungsfirma Le Beck International, gegenüber dem Wall Street Journal.
Der Iran könnte durch die gegenwärtige Situation dazu gedrängt werden, die Hisbollah möglicherweise verteidigen zu müssen, hieß es. Vor diesem Hintergrund könnte die Huthi-Miliz im Jemen für den Iran in seiner sogenannten Achse des Widerstands, mit dem Teheran gegen den erklärten Erzfeind Israel kämpft, noch an Bedeutung gewinnen. (fbu/dpa)