Ursprung des Coronavirus: Trumps neuer CIA-Direktor ändert offizielle Einschätzung
VonFabian Hartmann
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Am Freitag wurde der John Ratcliffe vom US-Senat zum neuen CIA-Chef gewählt. Nun sorgt er mit einem Covid-Kurswechsel seiner Institution für Aufsehen.
Washington, D.C. – Als sich SARS-CoV-2 Ende 2019 vom chinesischen Wuhan ausgehend in die ganze Welt hin auszubreiten begann, ging die Wissenschaft zunächst davon aus, das Virus sei von Fledermäusen entweder direkt oder über einen Zwischenwirt – ein anderes Tier – auf den Menschen übertragen worden. Während das zunächst plausibel schien, trat die Frage nach den Wurzeln des Virus angesichts der vielen neuen Herausforderungen, die das Coronavirus für Gesellschaften weltweit bereithielt, erst einmal in den Hintergrund. Die Suche nach der Herkunft des Virus geriet zu einem langwierigen Prozess, der auch nach Jahren noch immer kein stichhaltiges Ergebnis hervorzubringen vermag, auf das sich aus Sicht von Forschenden einigen lässt.
Bei US-Geheimdiensten herrscht Uneinigkeit über den Ursprung des Coronavirus
Maßgeblich zur Uneinigkeit trägt bei, dass auch US-Geheimdienste bezüglich des Virus-Ursprungs unentschlossen sind. Während die United States Intelligence Community (IC) nicht davon ausgeht, dass chinesische Behörden vor dem Ausbruch des Virus von ihm wussten, vermuten CIA und FBI schon länger, Covid-19 gehe auf eine Laborpanne zurück. Bislang fand das aber keinen Eingang in offizielle Statements.
Bis hierhin zumindest: Verfochten wird diese These nämlich auch von John Ratcliffe, dem Verbündeten Donald Trumps, der unlängst vom US-Senat zum neuen CIA-Chef ernannt wurde. Und seine erste Amtshandlung besteht darin, den Kurs um die Laborpannen-Theorie deutlich zu verstärken.
Neuer CIA-Direktor Ratcliffe ändert den Kurs seiner Institution zur Entstehung des Coronavirus
Am Freitag wurde Ratcliffe vom US-Senat klar mit 74 zu 25 Stimmen zum neuen CIA-Chef gewählt. Und nur gut 24 Stunden später machte der neue CIA-Direktor gleich einmal auf sich aufmerksam. Mit seiner ersten Amtshandlung überhaupt änderte Ratcliffe das offizielle Statement der CIA zur Entstehung des Coronavirus. „Die CIA schätzt mit geringem Vertrauen ein, dass ein forschungsbedingter Ursprung der Covid-19-Pandemie auf der Grundlage der verfügbaren Berichte wahrscheinlicher ist als ein natürlicher Ursprung“, heißt es in einer Mitteilung, über die verschiedene US-Medien, darunter die New York Times, am Samstag berichteten.
Der Ursprung des Virus werde jedoch nach wie vor weiter untersucht. Angepriesen wurde die Entscheidung des neuen CIA-Direktors auch von Trumps Sohn Donald Junior, der Ratcliffes Statement zum Kurswechsel auf dem Kurznachrichtendienst X teilte. Obwohl die CIA auch zuvor schon zur Labor-Theorie als Covid-Ursprung tendierte, gab sie in offiziellen Dokumenten bislang an, über nicht ausreichend Informationen für ein sicheres Urteil zu verfügen.
Versucht der neue CIA-Direktor, die Frage des Covid-Ursprungs zu instrumentalisieren?
Jene Position vertrat auch Trumps Vorgänger-Regierung um den DemokratenJoe Biden, indem sie immer wieder betonte, dass für keine der dargelegten Theorien die nötigen sattelfesten Beweise vorlägen. Trump selbst dagegen hatte schon während seiner ersten Amtszeit im Mai 2020, gut ein halbes Jahr nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan, erklärt, ihm lägen Hinweise auf die Entstehung des Virus in einem chinesischen Labor vor. Jene Aussage traf er mit einem „hohen Maß an Selbstzuversicht“ in jener Frage, wie der US-Sender CNNTrump zum damaligen Zeitpunkt zitierte.
Der New York Times zufolge reagierte die CIA auf die Ankündigung ihres neuen Direktors, indem sie mitteilte, ihre Ansichten in keiner Weise ihrem neuen Chef unterzuordnen. Stattdessen sei der Kurswechsel zur Coronavirus-Entstehung das Resultat einer neuen Einschätzung, die schon einige Zeit lang in Arbeit war.
Donald Trumps Kabinett: Liste voller skandalöser Überraschungen
In den letzten Zügen der Biden-Regierung hatte Jake Sullivan, nationaler Sicherheitsberater Bidens, eine neue geheime Überprüfung zum Ursprung von Covid-19 angeordnet. Im Rahmen dieser Untersuchung habe der frühere Direktor der Behörde, William J. Burns, den Expertinnen und Experten mitgeteilt, dass sie zum Ursprung von Covid neu Stellung nehmen müssten. Dabei sei er sich jedoch nicht sicher gewesen, welche Theorie durch die Ergebnisse gestützt werden sollte, heißt es von der New York Times weiter. Ein anderer hochrangiger US-Beamter sagte, es sei die Entscheidung von Ratcliffe als neuem Mann in Trumps Kabinett gewesen, die neue Analyse freizugeben und zu veröffentlichen, was eine politische Instrumentalisierung der Thematik nahe legen würde.
Forschende halten einen Laborunfall als Ursache des Coronavirus nach wie vor für unwahrscheinlich
In einem im Sommer 2021 veröffentlichten Artikel ging auch National Geographicder Frage nach dem Ursprung des Coronavirus nach und zog zum Resümee der Wahrscheinlichkeit verschiedener Entstehungsszenarien eine Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO heran. Obwohl die Labor-Theorie für viel Aufmerksamkeit sorgte und reichlich diskutiert wurde, bewertete die WHO sie schon zum damaligen Zeitpunkt als „äußerst unwahrscheinlich“. Im Kern der Theorie steht die Annahme, SARS-CoV-2 sei bei der Untersuchung von Coronaviren von Fledermäusen in einem chinesischen Labor in Wuhan ausgebrochen.
Von der Labor-Theorie existierten zunächst zwei Versionen: Der ersten zufolge hat sich ein Mitglied des dort arbeitenden Forschungsteams aus Versehen mit dem Virus infiziert. Laut der anderen wurde das Virus durch Manipulation eines natürlichen Coronavirus-Stamms absichtlich entwickelt und in die Welt getragen. Letzteres schlossen Expertinnen und Experten jedoch rasch grundlegend aus, da es genetische Beweise für einen natürlichen Ursprung gibt. Von chinesischer Seite wurde die Theorie der Covid-Entstehung durch einen Laborunfall bislang vehement zurückgewiesen. (fh)