Bedeutung für Gegenoffensive

Folgen der Staudamm-Zerstörung im Ukraine-Krieg: Militärexperte schätzt neue Lage ein

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Zehntausende Menschen in der Ukraine sind nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms von Überschwemmungen betroffen. Die Folgen für die ukrainische Gegenoffensive sollen jedoch gering sein.

Kiew – Überflutete Orte, vernichtetes Getreide, gefährdete Trinkwasserversorgung: Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine hat schwere Folgen für Mensch und Umwelt. Für die Gegenoffensive der Ukraine sollen die Konsequenzen nach Angaben eines Militäranalysten jedoch eher gering ausfallen.

Der Dammbruch könne den Ukraine-Krieg nicht „kurzfristig in die eine oder andere Richtung schieben“, sagte Niklas Masuhr, Forscher am Center for Security Studies der Universität ETH in Zürich, der Deutschen Presse-Agentur.

Lange schon wird über eine Sprengung des Staudamms spekuliert

Der gebrochene Staudamm liegt am Fluss Dnipro im Süden der Ukraine. Seit der Rückeroberung der Stadt Cherson durch die ukrainischen Truppen Ende 2022 bildet der Fluss die Frontlinie in der gleichnamigen Region Cherson. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Ukraine eine Überquerung des Dnipro als gewichtige Offensivachse vorgesehen hatte“, sagte Masuhr. Dies hänge vor allem mit den hohen Risiken eines solchen Überquerungsversuchs gegen vorbereitete russische Truppen zusammen.

Über eine mögliche Sprengung des Damms durch Russland wird bereits seit Monaten spekuliert. Im Oktober berichteten die Militärbeobachter des Institute for the Study of War (ISW) von Vorbereitungen einer möglichen russischen Attacke unter falscher Flagge. „Der Dammbruch dürfte in der ukrainischen Führung keinen allzu großen Schock ausgelöst haben“, sagte Masuhr. „Es wäre überraschend, falls dies nicht Teil von Kalkulationen für die Gegenoffensiven gewesen wäre.“

Militäranalyst: Schwerpunkte der Gegenoffensive sind in anderen Regionen zu erwarten

Masuhr zufolge würden die Schwerpunkte der angekündigten ukrainischen Gegenoffensiven eher aus nördlicher Richtung in Saporischschja und in den östlichen Regionen von Donezk und Luhansk vermutet. Das ISW berichtete am Donnerstag von ukrainischen Gegenangriffen nahe Bachmut sowie im Grenzgebiet zwischen Donezk und Saporischschja.

Weil ukrainische Gegenangriffe auf russisch besetztes Gebiet im Südsektor durch die Überschwemmungen zunächst schwieriger wären, könne Russland womöglich Truppen abziehen und an andere kritische Frontabschnitte verlegen, sagte Masuhr. Das gleiche gelte aber grundsätzlich für die Ukraine.

Staudamm-Sprengung: Ukraine und Russland beschuldigen sich gegenseitig

Wer für den Dammbruch in der Ukraine verantwortlich ist, bleibt bisher unklar. Militärexperte Masuhr sagte, auch er könne beim aktuellen Informationsstand keine Einschätzung dazu treffen. Die Ukraine macht – ebenso wie viele internationale Fachleute – Russland für die Katastrophe verantwortlich. Kiew ist davon überzeugt, dass Russland den Staudamm sprengen ließ, um den Fortschritt ukrainischer Truppen in der Region zu behindern. Moskau behauptet hingegen, die Ukraine habe den Staudamm durch Beschuss zerstört.

Ukrainische Soldaten bei Evakuierungsmaßnahmen in Cherson nach dem Bruch des Kachowka-Damms.

Stausee hatte mehr als das achtfache Volumen des Chiemsees

Vor der Sprengung besaß der Stausee ein Volumen von etwa 18 Milliarden Kubikmetern Wasser. Das entspricht mehr als dem achtfachen Volumen des Chiemsees. Das Wasser des Reservoirs ist von großer Bedeutung für die Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung in der Region. Auch die Kühlung des nahe gelegenen Atomkraftwerks Saporischschja speist sich aus dem Kachowka-See. (mit Material von dpa und AFP)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Chuzavkov

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