Mehr als Harris: Mit Walz als Vize zeigen die Demokraten Profil
VonJakob Maurer
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Der Wettbewerb um den Vize-Posten hat den Demokraten gutgetan. Die Partei hat auch neben der Kandidatin und Tim Walz vorzeigbare Persönlichkeiten. Der Leitartikel von unserem US-Korrespondenten Jakob Maurer.
Die Demokraten haben sich auf dem Weg zur Wahl von Tim Walz als „running mate“ der Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris richtigerweise wieder zu einem offenen Wettstreit um einen Spitzenposten durchgerungen – endlich!
Seit sich Joe Biden 2020 in der Vorwahl der Demokraten gegen Bernie Sanders durchsetzte, hat die Partei keinen Konkurrenzkampf mehr auf oberster Ebene erlebt. Das hat der Partei geschadet. Sie verlor an Breite und Profil. Die „bench“, die Auswechselbank hinter der Führungsriege, galt immer mehr als Leer- und Schwachstelle im Wettstreit mit Donald Trumps Republikanern.
Allen voran Walz soll dies nun ändern. Der Gouverneur aus Minnesota ist eine schlüssige Wahl, da er sich facettenreich bewiesen hat: Er schenkte der Harris-Kampagne einen viralen Moment, als er die Trump-Truppe als „weird“ bezeichnete. Als Familienvater und mit progressiven Reformen im Schul- und Gesundheitsystem hat er sich den Spitznamen „America’s Dad“ verdient. Mit diesem Image taugt er als vernünftiger und regierungserfahrener Gegenentwurf zu Trumps Vize J. D. Vance.
Tim Walz wird Vizekandidat von Kamala Harris: Wie wird er sich profilieren können?
Spannend wird zu sehen sein, wie Walz seine Rolle ausfüllen darf. Dass Kamala Harris als Vizepräsidentin nicht besser aufgebaut wurde, war fahrlässig und wird als großer Makel der Biden-Jahre in Erinnerung bleiben. Die erneute Kandidatur des Präsidenten erschien, trotz seines hohen Alters und seines zweifelhaften Zustands im Angesicht der großen Aufgabe, als alternativlos. Ein Trugschluss mit all den bekannten Folgen.
Schon nach Bidens Rückzug ergab sich eine Gelegenheit, die Lücke mit einem Wettbewerb zu füllen. Nicht wenige in der Partei wünschten sich ein offenes Rennen. Doch dazu kam es nicht. Umso glücklicher ist es für die Demokraten nach all den Turbulenzen, dass Harris so viele Menschen elektrisiert und Trump in Umfragen unter Druck setzt.
Jetzt ist das außergewöhnliche Wahljahr um eine Ausnahmesituation reicher: In den USA kann man sich an kaum einen Wahlkampf erinnern, bei dem das Rennen um die Nominierung des demokratischen Vizekandidaten derart offen und medienwirksam ausgetragen wurde.
Nicht nur Tim Walz, weitere regionale Figuren wie Kentuckys Gouverneur Andy Beshear und Pennsylvanias Josh Shapiro standen plötzlich national bis international im Fokus. Auch wenn es hinter den Kulissen krachte, weil konkurrierende Lager um Einfluss wetteiferten: Es entstand nicht das Bild einer zerstrittenen Partei, sondern das einer dynamischen mit mehr Gesichtern als zuvor. Wettbewerb belebt.
Wichtige Botschaft an die Swing States: Die Demokraten haben fähige Leute wie Walz
Damit wird klar: Die zweite Reihe ist nicht verwaist, sondern vielmehr gibt es in eminent wichtigen Swing States fähige Leute. Das ist eine gute Nachricht für die US-Demokraten, aber auch für die US-Demokratie: Sollte Trump eine zweite Amtszeit antreten und seine radikalen Pläne in Angriff nehmen können, wird es auch auf die Bundesstaaten ankommen, dem etwas entgegenzusetzen.
Einige Haken bleiben jedoch: Da die Wahlkampf-Logik zwingend einen weißen Mann hinter Harris verlangt, blieben Frauen sowie Angehörige ethnischer Minderheiten in diesem Prozess außen vor. Und im Gegensatz zum aufwendigen Vorwahlsystem für den Spitzenposten, in dem sich Kandidatinnen und Kandidaten umfangreich präsentieren können, erfolgte die Auswahl ohne tiefergehende Einblicke, ohne Befragung der Basis und binnen nur weniger Tage.
Dennoch: Dass die Öffentlichkeit gespannt auf das Bekanntwerden des Namens wartete, sollte der Partei weiteres Selbstbewusstsein im Rennen um das Weiße Haus verleihen. Die Welt schaut auf die USA und damit auch auf die Demokraten.
Bilder einer Karriere: Kamala Harris strebt Präsidentenamt in den USA an
Pünktlich zur US-Wahl: Die Demokraten zeigen endlich wieder Profil
Für die US-Gesellschaft ist es eine weitere gute Nachricht, dass die Partei damit einen dringend notwendigen Schritt in Richtung einer Ära nach Barack Obama, Hillary Clinton und nun auch Joe Biden unternimmt. Zu lange ist die Partei vor der rechtspopulistischen Wucht des Trumpismus zusammengezuckt. Republikanische Gouverneure wie Ron DeSantis aus Florida oder Greg Abbott aus Texas konnten neben dem Dominator Trump mit ihrem Kulturkampf viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Demokraten hingegen schlugen nicht ausreichen Kapital aus ihrem Erfolg bei den Zwischenwahlen 2022, als man eine „rote Welle“ der Republikaner größtenteils abwendete und Trump so eine weitere schmerzhafte Niederlage zufügte.
Dank des nun ausgefochtenen Wettbewerbs und der öffentlichen Wahrnehmung relativ neuer Namen aus Arizona, Kentucky, Pennsylvania und vor allem Minnesota hat sich das Feld erweitert, deutlich über die Washingtoner Blase hinaus. Dazu gesellen sich bereits etabliertere Figuren wie der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom oder seine Amtskollegin aus Michigan, Gretchen Whitmer.
„Running Mate“ Tim Walz - die richtige Entscheidung von Kamala Harris?
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Zu dieser neuen Breite sind die Demokraten aber auch gezwungen. Sollte Kamala Harris im November verlieren, was weiterhin mindestens genauso wahrscheinlich ist wie ein Sieg, bliebe der Partei nichts anderes übrig als ein Umbruch. Und zwar in politisch höchst fragilen Zeiten.