Sven Giegold

Nach Rücktrittswelle bei den Grünen: Habeck-Vertrauter will für Bundesvorstand kandidieren

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Sven Giegold (r.), Staatssekretär in Habecks Wirtschaftsministerium, will offenbar für den Bundesvorstand der Grünen kandidieren.
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Nach der Klatsche bei der Brandenburg-Wahl treten die Vorstände der Grünen und Grünen Jugend zurück. Jetzt beginnt die Suche nach Nachfolgern.

Berlin – Nach dem Rücktritt des Grünen-Bundesvorstands gibt es eine neue Personalie bei den Grünen: Sven Giegold, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, hat nach Informationen der Frankfurter Rundschau angekündigt, dass er für den Parteivorstand als Politischer Geschäftsführer der Grünen kandidieren will. Dies geschah auf einem nichtöffentlichen Kongress der Parteilinken.

Politische Geschäftsführerin der Grünen ist seit Februar 2022 Emily Büning. Sie hat am Mittwoch ihren Rücktritt angekündigt, genauso wie die beiden Grünen-Chefs Ricarda Lang und Omid Nouripour, die Vize-Vorsitzenden Pegah Edalatian und Heiko Knopf sowie Bundesschatzmeister Frederic Carpenter.

Nach Rücktritt von Grünen-Vorstand wird über Rolle von Habeck diskutiert

Kritik gab es in dem Zuge auch für Vizekanzler Robert Habeck: Er soll entscheidenden Einfluss auf die Rücktritte von Lang und Nouripour gehabt haben, heißt es laut Berichten. Habeck selbst dementiert dies. Er bezeichnete den Rücktritt von Lang und Nouripour im ZDF als „Geschenk an die Partei“ für eine neue Chance, was er nicht vergessen werde.

Nouripour, der am Mittwoch mit dem gesamten Bundesvorstand seinen Rückzug angekündigt hatte, trat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dem Eindruck entgegen, Vizekanzler Robert Habeck habe die Parteiführung aus dem Amt gedrängt: „Wir haben im Bundesvorstand seit Sonntagabend vertieft geredet und sind zum Ergebnis gekommen, dass unsere Partei einen Neustart braucht.“

Nach Rücktrittswelle bei den Grünen: Brantner und Banaszak wollen Parteichefs werden

Zuvor hatten schon die Grünen-Politiker Franziska Brantner und Felix Banaszak ihre Kandidatur für den Parteivorsitz angekündigt. Sie wollen die Grünen in die Bundestagswahl in einem Jahr führen und einen neuen Aufbruch für die Partei. Die Grünen müssten wieder „Zukunfts- und Hoffnungsort“ werden, sagte Banaszak.

Am Mittwoch hatte der komplette Bundesvorstand der Partei mit den Co-Vorsitzenden Omid Nouripour und Ricarda Lang an der Spitze seinen Rücktritt für Mitte November angekündigt. Die Parteispitze zog damit die Konsequenz aus den Misserfolgen der Grünen bei den jüngsten Landtagswahlen im Osten. 

Die Bundesvorsitzenden der Grünen: Von Jürgen Trittin bis Ricarda Lang

Krista Sager und Jürgen Trittin von den Grünen
Im Dezember 1994 traten Krista Sager und Jürgen Trittin als Doppelspitze des noch jungen Zusammenschlusses namens „Bündnis 90 / Die Grünen“ an. Beide wurden zu Sprecherin und Sprecher des Bundesvorstands der Partei gewählt. Gemeinsam lenkten sie die Geschicke der Partei für zwei Jahre bis 1996. © Sepp Spiegl/imago-images
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel.
Jürgen Trittin blieb Sprecher der Grünen, von 1996 bis 1998 aber mit neuer Kollegin an seiner Seite: Auf Krista Sager folgte Gunda Röstel. © Jürgen Eis/imago-images
Gunda Röstel blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin.
Gunda Röstel (l) blieb für zwei weitere Jahre Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen. Antje Radcke ersetzte den scheidenden Jürgen Trittin. Von 1998 bis 2000 wurde die Partei damit von zwei Frauen an der Spitze geführt. © Sven Simon/imago-images
Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands.
Im Jahr 2000 tauschten die Grünen ihr Führungspersonal komplett aus. Fritz Kuhn und Renate Künast wurden zu Sprecher und Sprecherin des Bundesvorstands. Ihre Amtszeit hielt aber nur ein Jahr bis 2001. © imago stock&people
Fritz Kuhn und Claudia Roth
Aus Bundesprechern wurden bei den Grünen im Jahr 2001 Bundesvorsitzende. Die ersten Beiden, die dieses Amt bekleideten, waren Fritz Kuhn und Claudia Roth. © Sven Simon/imago-images
Reinhard Bütikofer und Angelika Beer
Nur ein Jahr später der nächste Wechsel an der Spitze der Grünen. Reinhard Bütikofer und Angelika Beer rücken auf und bilden den Bundesvorstand der Partei von 2002 bis 2004. © imago-images
Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer
2004 kehrte Claudia Roth als Vorsitzende der Grünen zurück - an der Seite von Reinhard Bütikofer. Das Duo blieb bis 2008 im Amt. © Sven Simon/imago-images
Claudia Roth und diesmal Cem Özdemir das Führungsduo der Grünen
Claudia Roth blieb insgesamt bis 2013 im Amt. Ab 2008 mit neuem Co-Vorsitzenden: Cem Özdemir. © Jan Huebner/imago-images
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter.
Cem Özdemir blieb Parteivorstand. Von 2013 bis 2018 führte er die Grünen gemeinsam mit Simone Peter. © Rüdiger Wölk/imago-images
nnalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen
Im Jahr 2018 übernahmen Annalena Baerbock und Robert Habeck als Führungsduo den Vorstand der Grünen. Nach dem Einzug der Grünen in die Bundesregierung legten sie ihre Ämter nieder und schlossen sich dem Kabinett von Bundeskanzlern Olaf Scholz an. © Chris Emil Janssen/imago-images
Omid Nouripour und Ricarda Lang
Es folgten Omid Nouripour und Ricarda Lang. Sie übernahmen den Vorsitz des Bundesvorstands der Grünen im Jahr 2022. Zwei Jahre später verkünden beide ihren Rücktritt als Reaktion auf zahlreiche Wahlschlappen ihrer Partei. Wer die Umweltpartei künftig führt, ist noch offen. © dpa

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bezeichnete die angekündigte Kandidatur von Brantner und Banaszak für den Parteivorsitz als „starkes Signal für einen Neustart“ der Grünen. Habeck wird als voraussichtlicher Kanzlerkandidat der Grünen gehandelt. 

Grüne wollen in Wahlkampf mit Kanzlerkandidat Habeck auf soziale Gerechtigkeit setzen

In der Debatte über die künftige inhaltliche Ausrichtung der Grünen hat sich unterdessen auch der designierte Leiter des Bundestagswahlkampfs mit Vorschlägen zur Umverteilung von Vermögen zu Wort gemeldet. „Die Ungleichheit in Deutschland ist ein Problem“, sagte Andreas Audretsch, Vizefraktionschef der Grünen im Bundestag, dem „Spiegel“ laut Vorabmeldung vom Samstag. Für den Wahlkampf schlug er ein Maßnahmenpaket vor, das unter anderem den Abbau von Steuerprivilegien zum Ziel hat.

Nouripour: Grüne müssen bei Migration und Klima pragmatischer auftreten

Der scheidende Grünen-Chef Omid Nouripour hat seine Partei aufgerufen, in der Migrations- und Klimapolitik mehr Pragmatismus zu zeigen. Die Partei sei nicht ausreichend gegen das Vorurteil vorgegangen, dass sie ideologisch und rechthaberisch auftrete, sagte Nouripour der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung laut Vorabmeldung vom Samstag. „Wir müssen wieder ausstrahlen, dass wir die Probleme angehen, nicht mit dem grünen Programm in der Hand, sondern mit aufgekrempelten Ärmeln und offenen Ohren.“

Nouripour übte auch Kritik an sich und anderen Mitgliedern der Parteiführung: „Wir hätten all das, was über uns verbreitet wurde – dass wir das Grillen verbieten und die Menschen zum Insektenessen zwingen wollen – wehrhafter und robuster zurückweisen müssen.“

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