„Enttäuschte Hoffnungen“

Gläubig und queer? So geht es der LGBTQIA+-Community in der katholischen Kirche

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Die katholische Kirche versucht, im 21. Jahrhundert anzukommen. (Symbolbild)
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Bringt die gläubige, queere Community die katholische Kirche zu Fall? Die scheitert auf jeden Fall beim Versuch, einen einheitlichen Weg zu finden.

Im Frühjahr feierte die queere Community den Entschluss als einen großen Sieg, als die deutliche Mehrheit der deutschen Bischöfe für die Einführung von homosexuellen Segnungen spätestens ab 2026 votierte. Nur ein Etappensieg, eine vollkommene Gleichstellung oder Akzeptanz von Schwulen, Lesben oder auch queeren Menschen blieb weiterhin aus. Für den Vatikan in Rom gehen diese ersten Schritte hin zu mehr Offenheit aber schon viel zu weit. Droht die römisch-katholische Kirche sich also durch den Umgang mit der LGBTQIA+-Community am Ende aufzuspalten?

Einer der maßgeblichen Befürworter einer Neuausrichtung der Kirche in Deutschland ist der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing. Er ist auch einer der Initiatoren des sogenannten Synodalen Wegs, einer Zusammenkunft zwischen christlichen Laien und Bischöfen, dessen Ziel es ist, Reformen in der Kirche anzustoßen – darunter nebst der Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen in der Kirche auch die Einführung einer neuen modernen Sexualethik. Bätzing betonte dabei zuletzt, dass es zu keiner Spaltung kommen werde, gleichzeitig verhärteten sich die Fronten zwischen Deutschland und dem Vatikan allerdings immer mehr.

Mehr als einmal hatte sowohl der Papst als auch hohe Würdenträger erklärt, dass der Kurs der deutschen Bischöfe nicht gebilligt werden würde, der Ruf nach mehr Gehorsamkeit wurde laut. Im Juni dieses Jahres erklärte der diplomatische deutsche Vertreter des Papstes, Nikola Eterović, dass sich an der Haltung zur Ehe sowie zur Homosexualität seitens des Vatikans nichts ändern werde. Es sei dabei schlicht „nicht gesund“, den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen. Der Mensch müsse die Natur achten und dazu gehöre auch die Ehe als Verbindung nur zwischen Mann und Frau.

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Für die katholische Kirche ist die Ehe zwischen Mann und Frau „natürlich“. (Symbolbild)

Kardinal Rainer Maria Woelki bremst eine Modernisierung der katholischen Kirche aus

Kurz darauf der nächste Schlag. Vier Bischöfe aus Deutschland sind mit den Reformplänen der Mehrheit ihrer Kollegen nicht zufrieden, ganz vorne mit dabei der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Zu viert blockierten sie jetzt die Finanzierung des Nachfolge-Programms des Synodalen Weges, der sogenannte Synodale Ausschuss. Er soll die beschlossenen Pläne ausarbeiten und fortführen, zur Finanzierung indes bedarf es der Einstimmigkeit der Bischöfe. Nun wird anderweitig nach einer gesicherten Finanzierung gesucht. Für die Reforminitiative Maria 2.0 ist das Verhalten ein „Wortbruch auf der ganzen Linie“.

Auch das Katholische LSBT+ Komitee zeigte sich einerseits enttäuscht über die jüngsten Entwicklungen, will aber andererseits auch weiterkämpfen für eine Erneuerung; das Komitee ist ein Bündnis aus vier christlichen queeren Gruppen, die sich 2011 zusammengeschlossen haben. „Wir gehen davon aus, dass es bei zahlreichen Veränderungen unterschiedliche Geschwindigkeiten geben wird. Teil der Entwicklung ist auch, dass wir die Kirchenleitungen mit den enttäuschten Hoffnungen vieler queerer Gläubiger konfrontieren. Wir haben aber keine Lust, diese Kirche aufzugeben“, sagt Markus Gutfleisch aus dem Komitee BuzzFeed News. Und seine Kollegin Veronika Gräwe ergänzt, dass man zudem darauf hoffe, dass einstmals queerfeindliche Bischöfe ihr Umdenken auch gegenüber den bischöflichen Hardlinern kommunizieren werden.  

Die Akzeptanz für die queere Community in Deutschland nimmt erstmals wieder ab – „sollten uns nichts vormachen“.

Queere Gläubige verlangen klare Positionierung von Papst Franziskus

Das allein mag mit Sicherheit nicht ausreichen, um die katholische Kirche fit für das 21. Jahrhundert zu machen. „Mir war und ist der Glaube wirklich sehr wichtig, ich habe darin Kraft gefunden, gerade auch, weil ich schwul bin. Im Gegensatz zu anderen schwulen Jungs konnte ich aus meinem Glauben viel Zuversicht gewinnen, ich habe mich nie allein gefühlt, selbst wenn ich damals in der Schule gehänselt wurde“, sagt Julius im BuzzFeed-Gespräch.

Der heute 25-Jährige kommt aus einer Kleinstadt in Bayern und lebt inzwischen in München, wo er in der Tourismusbranche arbeitet. „Schmerzhaft war für mich in den letzten Jahren nur, zu lernen, dass die Kirchenvertreter:innen selbst mich nicht akzeptieren wollen. Das ist eine bewusste Entscheidung. Und das betrifft auch den Papst. An einem Tag erklärt er, Homosexuelle seien auch Menschen und man müsse sie mit offenen Armen empfangen, am nächsten Tag sind wir wieder böse Sünder. Ich habe als schwuler Mensch für mich gelernt, ich kann auch ohne die Institution Kirche leben. Aber kann sie das auch ohne Gläubige?“

Gutfleisch vom queeren Komitee dazu: „Die Mehrheit der queeren Menschen, die es in der römisch-katholischen Kirche nicht mehr aushalten, fühlt sich heimatlos und verzichtet auf eine neue Kirchenzugehörigkeit.“ Inzwischen gebe es immerhin bei der Mehrheit der deutschen Bistümer allerdings Beauftragte für die LGBTQIA+-Seelsorge.

Kann man noch gläubig sein, wenn man queer ist? (Symbolbild)

„Nicht die Menschen müssen sich wandeln, sondern die katholische Kirche“

Die Mitgliederzahlen der deutsch-katholischen Kirche sinken trotzdem weiter, befeuert auch durch die zahlreichen Missbrauchsskandale. Zudem dürfte auch der angesprochene Zick-Zack-Kurs von Papst Franziskus kaum zur Besserung beitragen. Gutfleisch dazu in einem öffentlichen Statement: „Die freundlichen Worte, die Papst Franziskus gelegentlich bei Audienzen und in Inter­views gegenüber queeren Menschen wählt, schmecken für uns zunehmend bitter, weil ihnen keine Taten folgen. Nicht die Menschen müssen sich wandeln, sondern die katholische Kirche.“

Gutfleisch sagt BuzzFeed News, dass der Papst in puncto queere Menschen zwar ein bisschen weiter sei als viele Bischöfe, doch das reiche nicht aus: „Seine aufrichtige Haltung der Barmherzigkeit kann nicht Gerechtigkeit ersetzen. Und Barmherzigkeit darf nicht nur in den Fußnoten päpstlicher Dokumente vorkommen. Mehr Mut, Franziskus!“

Kann Mut allein eine Spaltung der Kirche verhindern? „Das Szenario der Gefahr einer Spaltung wird regelmäßig von reaktionären Kräften angeführt. Wir dagegen spüren das Ringen vieler, die zusammenbleiben wollen“, so Gutfleisch. Gerade auch in Gesprächen mit queeren Christ:innen würde das immer wieder deutlich, wie Gräwe betont: „Die Gleichberechtigung von LSBTIQ* Personen ist ein Anliegen von weltkirchlicher Bedeutung, denn queere Menschen leben überall in der Weltkirche.“ Im Austausch mit queeren Gläubigen zeige sich dabei auch, dass viele Menschen ein Verlangen nach Seelsorge haben. „Bisher wollen die Bischöfe in vielen Ländern die queeren Gläubigen nicht wahrnehmen und nicht hören“, so Gutfleisch.

Queere Community soll bei Weltsynode Thema sein: Kann die Kirche einen Weg finden?

Die evangelische Kirche ist dabei vielerorts deutlich weiter, zuletzt erklärte beim Evangelischen Kirchentag Pfarrer Quinton Ceasar „Gott ist queer“. Ein Mutmacher für Gutfleisch: „Auch in den evangelischen Kirchen war der Weg dornig. Er gelang nur, weil die Präsenz queerer Menschen größer wurde, weil es Unterstützung aus immer mehr Teilen der Kirche gab und sich die Theologie weiterentwickelte. All das zeigt, dass die Ablehnung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt kein Problem der Theologie, sondern ein Problem der Macht ist.“

Dabei würde es der katholischen Kirche in einem ersten Schritt guttun, Abstand von ihrer mancherorts harten Rhetorik zu nehmen. „Weltweit lassen sich Verflechtungen zwischen christlich-fundamentalistischen Gruppierungen und Rechtspopulist:innen beobachten. Dies zeigt sich besonders, wenn diese Kräfte eine sogenannte ‚Gender-Theorie‘ konstruieren oder die Bedrohung der christlichen Familie propagieren“, sagt Gräwe.

Und jetzt? Im Oktober beginnt im Vatikan die Weltsynode, ein Zusammentreffen von rund 370 katholischen Würdenträgern mit dem Papst. Dabei sollen auch queere Menschen und ihre „Affektivität und Sexualität“ thematisiert werden. Nach wirklichem Reformwunsch klingt das noch nicht. Gutfleisch betont dabei, die Kirche müsse endlich die Augen öffnen vor dem „Massen-Exodus“ sowie dem Vertrauensverlust in der Gesellschaft. Bischof Bätzing erklärte indes mit Blick auf queere Belange: „Diese Themen sind drängend und können von einer synodalen Kirche nicht mehr sehr lange aufgeschoben werden.“

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Kommt die katholische Kirche endlich im 21. Jahrhundert an? (Symbolbild)

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