VonAndreas Schmidschließen
Geflüchtete kommen inzwischen seltener über das Mittelmeer oder die Balkanroute. Die neuen Fluchtrouten laufen über Polen und „Spaniens Lampedusa“.
El Hierro/Teneriffa – Jeden Monat veröffentlicht die EU-Grenzschutzorganisation Frontex neue Zahlen zu illegalen Grenzübertritten. Wer sich die Berichte im Jahr 2024 ansieht, wird feststellen: Fluchtrouten verlagern sich offenbar.
In den ersten neun Monaten des Jahres registrierte Frontex insgesamt 166.000 illegale Grenzübertritte. Das waren 42 Prozent weniger als im Vorjahr. Den stärksten Rückgang gibt es auf der Westbalkanroute (16.968; -79 Prozent), gefolgt von der zentralen Mittelmeerroute, an deren Ende Italien steht. Hier ist die Zahl der illegalen Grenzübertritte wohl auch aufgrund Italiens knallhartem Asyl-Kurs um 64 Prozent auf insgesamt 47.710 zurückgegangen. Das ist aber nach wie vor der höchste Wert unter den Routen.
Den insgesamt prozentualen höchsten Zuwachs an illegalen Grenzübertritten gibt es über die Landgrenze im Osten der EU, also über Polen und das Baltikum. Ein Plus von 192 Prozent bedeuten bis September 13.195 Fälle, darunter vor allem Menschen aus der Ukraine, Somalia und Syrien. Das zweitgrößte Plus verzeichnet die West-Afrika-Route. Hier waren es in den ersten neun Monaten des Jahres 30.616 illegale Grenzübertritte, ein Plus von 100 Prozent. Im Vorjahreszeitraum waren es nur etwa 15.000.
Neue Fluchtrouten nach Europa: Weniger Mittelmeer, mehr Kanaren
Migrationsexperte: „Bei den Fluchtrouten gibt es permanent Bewegung
Wie die Zahlen zu bewerten sind und was das mit einem „Katz-und-Maus-Spiel“ zu tun hat, erklärt der Migrationsforscher Marcus Engler vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. „Hört man manchem Politiker so zu, könnte man den Eindruck erhalten, dass die irreguläre Migration permanent zunimmt“, sagt Engler im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. „Aber das stimmt einfach nicht.“ Die aktuellen Frontex-Zahlen geben ihm recht.
Engler sagt auch: „Bei den Fluchtrouten gibt es permanent Bewegung.“ Das liege auch an einem „Katz-und-Maus-Spiel“, wie der Migrationsforscher erklärt. „Auf der einen Seite gibt es Staaten, die die Art und Intensität ihre Kontrollen immer wieder verändern. Auf der anderen Seite gibt es Flüchtlinge und Migranten, die irreguläre Wege wählen müssen, weil sie keine legalen Einreisewege haben und sich daher den Kontrollen entziehen wollen.“
Fluchtrouten verlagern sich: „Spaniens Lampedusa“
Fluchtbewegungen seien dynamisch und die reinen Zahlen nur ein vereinfachtes Abbild der Realität. „Für viele Menschen ist es gar nicht möglich, mal eben schnell die Route zu wechseln.“ Die Zunahme über die kanarische Route liege vor allem an einer Gruppe: „Das sind fast ausschließlich Menschen aus verschiedenen afrikanischen Staaten“, so Engler. „Schutzsuchende aus Syrien oder Afghanistan finden sich hier kaum.“ Sie machen den größten Anteil der in Deutschland lebenden Geflüchteten aus, kommen aber hauptsächlich über das Mittelmeer oder die Balkanroute. Über die Kanaren gelangen vor allem Menschen aus Senegal, Mali und Marokko nach Europa.
Geografisch gesehen ergibt das Sinn. Die kanarischen Inseln im Atlantik liegen nahe dem nordwestafrikanischen Festland – gehören aber zu Spanien. Die meisten Geflüchteten kommen auf El Hierro an, der kleinsten kanarischen Inseln mit gerade einmal 11.000 Einwohnern. Weil El Hierro zuletzt mehr Geflüchtete aufnahm, als es Einwohner hat, wird es in Anlehnung an Italiens Flüchtlingshotspot schon als „Spaniens Lampedusa“ bezeichnet. Von El Hierro geht es für viele Geflüchtete weiter nach Teneriffa, von dort – mit dem Flugzeug – weiter nach Madrid.
Die Überfahrt gilt als gefährlicher als die Mittelmeerroute. Erst Ende September kenterte ein Holzboot vor der Küste El Hierros. Nur 27 der mindestens 84 Insassen konnten gerettet werden. Die spanische Hilfsorganisation Caminando Fronteras schätzt, dass von Januar bis Ende Mai rund 4.800 Menschen auf der hunderte Kilometer langen Überfahrt ertrunken oder an Entkräftung gestorben sind.
Klar ist auch: Die Frontex-Zahlen können gar nicht die komplette Realität abdecken. Denn: Nicht jeder Mensch, der in die EU will, wird beim illegalen Grenzübertritt erwischt. „Schauen wir auf die Asylanträge in Europa, sind sie natürlich viel höher als die Zahl der registrierten Grenzübertritte an den Außengrenzen“, sagt Engler. Das sei jedes Jahr so. „Letztes Jahr wurden insgesamt 270.000 registrierte Ankünfte erfasst; und das bei rund einer Million Asylanträgen in der EU.“
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