Kein Ende des Ukraine-Kriegs: Putins Angriffswelle nährt gravierenden Verdacht
VonFelix Durach
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Eine friedliche Lösung des Ukraine-Kriegs entfernt sich erneut. Im Sommer könnte der Konflikt einen kritischen Eskalationspunkt erreichen.
Moskau – Für einen kurzen Moment war sie da: die Hoffnung auf ein Ende im Ukraine-Krieg. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sprach bei seinem Besuch in Kiew vor zwei Wochen von einer „kleinen Chance“ auf Frieden zwischen Russland und der Ukraine. Doch kurz darauf stellte sich erneut Ernüchterung ein. Russlands Präsident Wladimir Putin nahm nicht an direkten Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs teil und die russischen Streitkräfte setzten ihre Angriffe mit größerer Härte fort. Kiew wertet diese als Anzeichen für eine neue Großoffensive.
Kein Ende im Ukraine-Krieg: Selenskyj rechnet mit neuer Offensive von Russland
Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in seiner abendlichen Videoansprache am 26. Mai, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Wladimir Putin seine Umgebung auf ein baldiges Ende des Ukraine-Kriegs vorbereite. „Im Gegenteil, es gibt viele Anzeichen dafür, dass sie neue Angriffsoperationen vorbereiten“, führte Selenskyj aus.
Putins Streitkräfte hatten die Ukraine in den vergangenen drei Tagen mit zahlreichen Angriffen übersät, die Selenskyj zufolge „militärisch sinnlos“ gewesen waren. Mit Raketen, Marschflugkörpern und mehr als 900 Drohnen griff Russland diverse Städte in der Ukraine an. Die Angriffe können als Teil der russischen Strategie gewertet werden, die ukrainische Zivilbevölkerung zu zermürben und kriegsmüde zu machen zu wollen, während die russischen Truppen an der Front in der Ostukraine vorstoßen.
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Ukraine gerät an der Front unter Druck – Putin nimmt Sumy für neue Offensive ins Visier
Dort stehen die ukrainischen Streitkräfte nach Angaben des Generalstabs massiv unter Druck. Im abendlichen Lagebericht am Montag ist von 141 russischen Vorstößen im Tagesverlauf die Rede. Mehr als ein Drittel – nämlich 53 – haben die russischen Truppen demnach im Raum Pokrowsk gestartet. Die mittlerweile stark zerstörte Stadt in der Region Donezk gilt weiterhin als Hauptziel von Putins Truppen in der Region. Russlands Soldaten versuchen seit Wochen, die in der Stadt verbleibenden ukrainischen Verteidiger einzukesseln.
Doch die von Selenskyj erwartete Offensive könnte neben der Ostukraine auch einen anderen Teil des Landes betreffen. Fachleute warnen vor einem russischen Vorstoß in die Oblast Sumy im Norden der Ukraine. Die Region grenzt an die russische Region Kursk, wo den ukrainischen Truppen im vergangenen Jahr einen Vorstoß auf russisches Gebiet gelungen war. Präsident Putin hat erst vor Kurzem angekündigt, eine Pufferzone entlang der Grenze zu errichten, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern. Sumy erscheint deswegen als logisches Ziel für eine russische Sommeroffensive.
Putin bereitet Sommeroffensive vor: Könnte „blutigste des gesamten Krieges“ werden
Besagte Offensive könnte sich für den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs als wegweisend ereignen. Der Analyst Mykola Bielieskov schrieb bereits Anfang Mai in einem Beitrag für den Thinktank „Atlantic Council“, dass die Offensive das Potenzial hätte, zur „blutigsten des gesamten Krieges“ zu werden. Neben Sumy dürfte Russland sich dabei auf die Sektoren Prokowsk und Kostjantyniwka konzentrieren, so die Analyse. Erfolge in dieser Region könnten sich für Putin als Schlüssel zur Einnahme der gesamten Oblast Donezk erweisen.
Ein Erfolg in Donezk könnte schließlich einen Durchbruch für den weiteren Verlauf des Ukraine-Kriegs darstellen. Putin „wird darauf bedacht sein, in den kommenden Monaten einen bedeutsamen Durchbruch zu erzielen, um dem nationalen und internationalen Publikum zu zeigen, dass die russische Armee in der Lage ist, einen Sieg in der Ukraine zu erringen“, schreibt der Analyst des „Atlantic Councils“.
Kritische Phase im Ukraine-Krieg: Wie reagiert Trump auf russische Erfolge im Sommer?
Ein solches Zeichen könnte wiederum für US-Präsident Donald Trump der letzte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und einen endgültigen Rückzug der USA einleitet. Trump hatte bereits nach seinem Telefonat mit Putin angekündigt, dass Russland und die Ukraine – nicht die USA – sich um eine Lösung für ein Ende im Ukraine-Krieg bemühen müssten. Der US-Präsident soll sich zudem genervt von dem ausbleibenden Fortschritt im Ukraine-Krieg gezeigt haben, den er nach seinem Wahlkampfversprechen in gerade einmal 24 Stunden beenden wollte.
Die Angriffe der vergangenen Tage hatte jedoch zuletzt auch Trump kritisiert. Er warf Putin vor, verrückt geworden zu sein, und drohte mit Sanktionen. Ob Trump diesen Drohungen auch dann Taten folgen lassen wird, wenn die Front in der Ostukraine zusammenbricht, darf zumindest bezweifelt werden. Von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wurden Trumps Auslassungen bereits als „emotionale Überlastung“ des US-Präsidenten abgetan.
Neue Offensive im Ukraine-Krieg erwartet – Putin erhöht territoriale Ansprüche
Der Thinktank „Institute for the Study of War“ (ISW) meldete am 26. Mai bereits russische Truppenverlegungen an die Grenze zu Sumy, um den Vorstoß zu unterstützen. Putins Forderung nach einer „Pufferzone“ und die laufenden Bemühungen, die restlichen Gebiete in Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zu erobern, würden dessen Absicht unterstreichen, seine territorialen Ansprüche in der Ukraine sogar noch zu erhöhen, schreiben die ISW-Analysten. Im Sommer steht für Russland und die Ukraine also viel auf dem Spiel. Ein Ende des Ukraine-Kriegs scheint hingegen in weiter Ferne zu liegen. (fd mit Material von dpa)