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NS-Terror in Auschwitz - Historiker Nikolaus Wachsmann: „Kein Häftling wusste, ob er am nächsten Tag noch leben würde“

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Gang auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
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Historiker Nikolaus Wachsmann über Entstehung und Zweck des KZ Auschwitz, die Überlebenschancen in der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten und das, was die Befreier 1945 in dem Lagerkomplex vorfanden. Ein Interview.

Professor Wachsmann, wir feiern den 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wie kam es überhaupt zur Bildung von Konzentrationslagern in der NS-Zeit?

Terror stand im Mittelpunkt des sogenannten Dritten Reiches. Der Zukunftstraum, mit dem die Nationalsozialisten um die deutsche Bevölkerung warben, war immer auch ein Traum von Zerstörung: Die irrwitzige Vision einer vollkommen homogenen Volksgemeinschaft verlangte die gnadenlose Ausgrenzung oder Vernichtung all derer, die als anders, fremd und gefährlich angesehen wurden. Der Terror aber braucht Orte, um ihn auf Dauer auszuüben, und dafür stehen die Konzentrationslager wie keine andere NS-Institution.

Wo zeigt sich das zunächst?

Das beginnt am Anfang des „Dritten Reiches“ vor allem mit dem Versuch der Zerstörung politischer Opposition. Es geht weiter mit dem brutalen Angriff auf gesellschaftliche Außenseiter, dann mit der Unterdrückung und Ausbeutung europäischer Nationen und schließlich dem Holocaust, in dem der nationalsozialistische Rassenwahn gipfelt. All das spiegelt sich in der Entwicklung der Konzentrationslager wider. Ebenso die ungeheure Zerstörungsdynamik des „Dritten Reiches“, die Hans Mommsen „kumulative Radikalisierung“ genannt hat, und die die Lager von Orten des Leidens dann im Krieg in Stätten der Massenvernichtung verwandelt.

Waren die Konzentrationslager also ein Ziel von Beginn der NS-Herrschaft an oder hat sich das eher zufällig entwickelt, dass man so etwas geschaffen hat?

Die Nationalsozialisten kommen 1933 nicht mit einem Masterplan an die Macht, den sie aus einer Schublade ziehen. Sie müssen das NS-Konzentrationslager erst noch erfinden. Die frühen Lager, es handelt sich um Hunderte, die in den ersten Monaten nach der sogenannten Machtergreifung entstehen, sind oft improvisiert. Es gibt in dieser Phase noch keine gesamtnationale Koordination, und viele verschiedenen Orte werden zu provisorischen Lagern umfunktioniert.

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Wie kann man sich das vorstellen?

Es sind 1933 zum Teil Bars, alte Burgen, Hotels, sogar Schiffe, die kurzfristig als Lager dienen. Im Fall von Dachau, dem ersten großen SS-Konzentrationslager und dem einzigen frühen Lager, das bis 1945 bestand, ist es ein altes Fabrikgelände. Auch die Bewachung und die Bedingungen in diesen frühen Lagern sind unterschiedlich. Was sie aber eint, ist das Ziel, die politische Opposition zu zerschlagen. Das richtet sich vor allem gegen die Linke: gegen die Sozialdemokraten, gegen die Gewerkschaften und besonders gegen die Kommunisten, die den größten Teil der Häftlinge in diesen frühen Lagern ausmachen. Ohne diese Lager wäre das Regime nicht in der Lage gewesen, sich so schnell zu konsolidieren.

Wozu diente Auschwitz zunächst?

Vor dem Krieg waren die Lager vornehmlich innenpolitische Waffen. Das ändert sich durch den deutschen Überfall auf Europa. Mehr und mehr Ausländer werden verschleppt in die Lager, in denen Deutsche schließlich nur noch eine kleine Minderheit ausmachen. Diese Entwicklung nimmt ihren Anfang im besetzten Polen. Die deutschen Besatzer wollen die polnische Nation zerstören und sperren abertausende Personen des öffentlichen Lebens, Intellektuelle, echte und vermeintliche Gegner in Gefängnisse und Behelfslager, die schnell überfüllt sind. Die SS sucht bald nach einem Standort für das erste Konzentrationslager „für den Osten“ und wählt dafür einen Gebäudekomplex am Stadtrand von Oswiecim, das Teil des „Dritten Reiches“ wird und von den Besatzern in Auschwitz umbenannt wird. In der ersten Zeit des Lagers, von Sommer 1940 bis Herbst 1941, bildeten polnische politische Gefangene die ganz große Mehrheit der Insassen.

Wann begann die Vergasung von Menschen in Auschwitz?

Die erste Massenvergasung in Auschwitz findet im September 1941 statt, aber noch nicht im Rahmen des Holocaust. Die Opfer sind von der SS aus dem Lager selektierte schwache und kranke Gefangene und Hunderte von sowjetischen Kriegsgefangenen, die gezielt zur Ermordung nach Auschwitz gebracht werden. Die SS drängt diese Menschen in den Keller von Block 11 im Stammlager und wirft dann das blausäurehaltige Zyklon B ein. Die SS kennt es als Insektenvertilgungsmittel und weiß, dass es auch für Menschen tödlich ist.

Todeslager Auschwitz: Ab Sommer 1942 kommen fast täglich Züge an

Wie veränderte der Holocaust Auschwitz?

In der ersten Phase des Lagers wurden verhältnismäßig wenige Juden nach Auschwitz verschleppt. Noch Anfang 1942, kurz vor der Wannsee-Konferenz, zählt die SS weniger als 200 jüdische Gefangene, von einer Gesamtzahl von über 10 000. Doch dann wird Auschwitz von der SS als Deportationsziel auserwählt, im Rahmen der systematischen Massenvernichtung europäischer Juden durch Nazi-Deutschland während des Krieges. Ab Sommer 1942 kommen oft täglich Züge in der Nähe des neu eingerichteten Nebenlagers in Birkenau an, vollgepfercht mit jüdischen Frauen, Männern und Kindern. Für die SS stellt sich nicht die Frage, ob diese Menschen im Lager sterben werden, sondern wie sie hier sterben werden. Das heißt, werden sie sofort mit der großen Mehrzahl der sogenannten Arbeitsunfähigen – Alten, Schwachen, Kindern und ihren Müttern – in die Gaskammern geschickt? Oder werden sie als Häftlinge registriert und zu Tode gearbeitet?

Was war die Rolle von Auschwitz im Holocaust?

Von den geschätzten sechs Millionen europäischen Juden, die im Holocaust ermordet wurden, kam etwa eine Million in Auschwitz um. Damit ist Auschwitz die größte Grabstätte des Holocaust. An keinem anderen einzelnen Ort wurden mehr Juden ermordet als in Auschwitz. Der Holocaust bestand aber nicht nur aus dem Morden in Auschwitz, sondern auch aus Massenerschießungen durch SS und Polizei und Wehrmacht, aus Massensterben in den von den Nazis eingerichteten Ghettos und natürlich auch dem Massenmord durch Gas in weiteren Vernichtungslagern.

Was unterscheidet Auschwitz von diesen anderen Vernichtungslagern des Holocaust?

Zur Person

Nikolaus Wachsmann (geb. 1971) lehrte in Cambridge und Sheffield, ehe er an das Birkbeck College der Universität London wechselte, wo er Moderne Europäische Geschichte unterrichtet. Wachsmann ist Autor zahlreicher Studien zum NS-Terror, darunter „KL –

Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“. FR Bild:dpa

Nikolaus Wachsmann.

Vernichtungslager wie Treblinka hatten eigentlich nur ein Ziel, und das war, so viele Juden wie möglich so schnell wie möglich zu vernichten. Auschwitz hatte immer verschiedene Funktionen, auch als es ein Lager des Holocaust wurde: Es ist das einzige NS-Lager, das sowohl als riesiges Vernichtungslager diente als auch als riesiges Konzentrationslager. Zwangsarbeit war eine dieser Funktionen des Konzentrationslagers, verrichtet von jüdischen Gefangenen, nicht-jüdischen Polen, sowjetischen Kriegsgefangenen, anderen politischen Gefangenen und auch von Sinti und Roma, die nach Juden und Polen die drittgrößte Opfergruppe des Lagers ausmachten.

Wie sah der Alltag dort aus, also wie funktionierte Auschwitz als Arbeitslager?

Der Tag eines Gefangenen oder einer Gefangenen drehte sich meist um die Arbeit. Und kein Häftling wusste, ob er am nächsten Tag überhaupt noch leben würde. Es gab verschiedene Arten von Sklavenarbeit im Lager. Zunächst einmal die vollkommen sinnlose Arbeit, die nur darauf abzielt, Gefangene zu quälen. Dann werden die Häftlinge gezwungen, die Stätten ihres Leidens selbst zu bauen oder auszubauen. Das Nebenlager Birkenau wird ab Herbst 1941 praktisch aus dem Nichts auf sumpfigem Boden errichtet. Es sind die Häftlinge selbst, die unter Anleitung unter anderem von deutschen Zivilfirmen dieses riesige Lager aus Holz- und Ziegelbaracken errichten müssen. Auch die Krematorien und die Gaskammern werden in Birkenau überwiegend von den Häftlingen selbst gebaut. Und die Häftlinge werden natürlich auch für Lagerzwecke eingesetzt, müssen also zum Beispiel in der Gefangenenküche arbeiten. Oder in der Lagerbäckerei. Auch müssen sie im Lager selbst Infrastruktur schaffen, beispielsweise Kanäle graben für die Entwässerung und die Kanalisation. Aber auch außerhalb des Lagers werden zahllose Häftlinge eingesetzt.

Welche Rolle spielte diese Außenarbeit?

Der erste Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, stellte sich Auschwitz zunächst als ein großes landwirtschaftliches Lager vor. Abertausende von Häftlingen müssen daher auf Feldern in der Umgebung Zwangsarbeit verrichten, auch in Ställen und in Gewächshäusern, wo Obst und Gemüse für die SS und ihre Familien angebaut wird. Noch weit mehr Häftlinge werden für die Kriegsindustrie eingesetzt. Zu diesem Zweck errichtet die SS immer mehr sogenannte Außenlager im Umkreis von Auschwitz, auch viele Kilometer entfernt. In einigen dieser Lager müssen die Gefangenen unter Tage arbeiten oder in Steinbrüchen. Noch mehr Häftlinge werden bei Bauarbeiten für die SS und die Industrie eingesetzt, zum Teil auch in der Produktion. Das größte Außenlager ist Monowitz, wo Auschwitz-Häftlinge gezwungen werden, für die IG Farben ein riesiges Fabrikgelände mitaufzubauen, das der Treibstoff- und Kautschukproduktion im Krieg dienen soll. Die Todesrate in Monowitz war enorm hoch unter den Häftlingen, von denen der Großteil jüdischer Herkunft war, genau wie auch in vielen anderen Außenlagern von Auschwitz.

Hatte man eine Chance zu überleben? Welche Rolle spielte die Solidarität?

Es gab keinen sicheren Weg, das Lager zu überleben. Aber es gab unzählige Möglichkeiten, im Lager zu sterben. Und trotzdem gab es natürlich bestimmte Faktoren, die ein Überleben zumindest wahrscheinlicher machten. Zentral war, wo Gefangene in der internen Lagerhierarchie standen: nicht-jüdische Deutsche wurden von der SS in der Regel am besten behandelt, jüdische Gefangene am unmenschlichsten. Ein weiterer entscheidender Faktor war Glück. Die bewegenden Memoiren des Auschwitz-Überlebenden Thomas Buergenthal heißen nicht von ungefähr „Ein Glückskind“. Weiter war es wichtig für Gefangene, möglichst nicht aufzufallen und zu lernen, das Lager zu verstehen, zum Beispiel welchem SS-Aufseher man unbedingt aus dem Weg gehen sollte. Aber auch die Gemeinschaft hat eine große Rolle gespielt. Es war klar, dass kein Häftling das Lager allein überleben konnte. Zusammenarbeit und Freundschaft waren lebenswichtig. Das führte aber auch zu Konflikten mit anderen Gefangenen-Gruppen. Denn es gab nie genug Essen, nie genug Kleidung, nie genug Wasser im Lager.

Wie war das auf der anderen Seite, bei den Wächtern und Aufsehern? Wie hat sich der Terror sozusagen auch in der Form gezeigt?

Die Führer der Lager-SS stilisierten Aufseher zu politischen Soldaten, die hinter dem Stacheldraht gegen vermeintliche Feinde kämpfen. Das Motto war „Toleranz bedeutet Schwäche“. Doch es gab nicht den typischen Aufseher oder die typische Aufseherin. Sie unterschieden sich nach Alter, nach Herkunft, und auch nach Verhalten. Es gab fanatische NS-Anhänger, die ideologisch getrieben waren oder durch extreme Gewalt ihre Vorgesetzten beeindrucken und Karriere machen wollten. Dann gab es Männer, die Verbrechen verübten, weil sie vor ihren Kameraden nicht als schwach und weich gelten wollten. Es gab auch einen Gewöhnungseffekt an das Grauen im Lager und eine gewisse Dynamik bei der Gewaltausübung. Der Alkohol spielt eine zusätzliche Rolle. Die SS gibt nach sogenannten Sonderaktionen, also Vernichtungsaktionen, Alkohol an die beteiligten Männer aus. Auch das trug sicher dazu bei, das Gewissen kurzzeitig zu betäuben.

Dann wird das Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit, aber viele Gefangene sind nicht nur getötet worden, sondern auch im Zuge von Todesmärschen aus Auschwitz weggeführt worden und nur ein kleiner Rest verbleibt, oder?

Es werden von den geschätzt 1,3 Millionen Menschen, die nach Auschwitz verschleppt wurden, im Lagerkomplex selbst weniger als 10 000 befreit. Und Auschwitz sieht vollkommen anders aus als noch ein paar Monate vorher. Die SS hat die Evakuierung schon länger vorbereitet, hat Gebäude zerstört, hat Baumaterialien verpackt, auch Teile des Krematoriums- und Gaskammerapparates werden demontiert und verschickt an einen geheimen Ort in der Nähe von Mauthausen, um dort zum Teil wieder aufgebaut zu werden. Gleichzeitig werden Zehntausende Gefangene schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 aus dem Lager abtransportiert. Als die Rote Armee dann immer näher an das Lager kommt, führt die SS Mitte Januar 1945 die endgültige Evakuierung des Lagers durch.

Die Folge?

Zehntausende von Gefangenen werden auf Fußmärschen durch die gefrorene Landschaft getrieben, oft ohne Essen und Trinken, vollkommen der eisigen Kälte ausgeliefert, und den Aufsehern, die zahllose entkräfte Männer und Frauen erschießen. Wenn sie diese Märsche überleben, werden die Gefangenen meist in offene Güterwagen gedrängt und dann tagelang durch das, was noch von Nazideutschland übrig ist, zu den verbliebenen Konzentrationslagern transportiert. Viele derjenigen, die Auschwitz und diese Torturen überleben, sterben später in Lagern wie Mauthausen, wie Ravensbrück, wie Dachau. Es ist also wichtig, dass man diesen Tag der Befreiung nicht etwa als das Ende des Leidens sieht. Auch für die wenigen Tausend Gefangenen, die in Auschwitz selbst befreit werden, geht das Leiden weiter. Eine Reihe von ihnen sterben in den kommenden Wochen. Und diejenigen, die Auschwitz lebend verlassen, tragen die Wunden des Lagers, das Trauma des Lagers, mit sich bis ans Ende ihres Lebens.

Wie ging man mit der Existenz von Konzentrationslagern nach dem Krieg um? Diskutierte man darüber, meldeten sich die Opfer zu Wort? Haben sie darüber geredet, was ihnen passiert ist, oder setzte das große Schweigen ein?

Es gibt den Mythos, dass es ein kollektives Schweigen gab. Aber das Gegenteil war der Fall. Es gab eine wahre Flut von Erinnerungsberichten, die in den ersten Jahren nach dem Krieg erscheinen. Primo Levi sagt, dass die Überlebenden zu unermüdlichen Erzählern werden. Sie sagen auch vor historischen Kommissionen aus, und vor Gericht, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Es mangelte also nicht an Berichten der Überlebenden, die der Nachwelt und späteren Generationen versuchten, ein Bild des Grauens des Lagers und des Holocausts zu vermitteln. Vielmehr gab es in der ersten Nachkriegszeit oft einen Unwillen in der breiteren Öffentlichkeit, den Überlebenden zuzuhören. So werden Levis Memoiren nach der italienischen Erstpublikation 1947 zunächst nur wenig beachtet. Erst später wird „Ist das ein Mensch?“ als eines der wichtigsten Bücher über Auschwitz und den Holocaust erkannt.

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