Kolumne

Donald Trump: Kein Verrückter, sondern Umstürzler

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Elon Musk besucht regelmäßig mit seinem Sohn X Æ A-Xii US-Präsident Donald Trump, um zu zeigen, dass sie ganz normale Menschen sind. Ihre Politik ist allerdings höchst umstritten.
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Während Trump in den USA einen Staatsstreich vollzieht, wird hierzulande von „wahnwitzigen“ Entscheidungen gesprochen. Das ist ein Fehler. Die Kolumne.

Klischees sind etwas Magisches. Die ganze komplizierte Welt wird plötzlich erklärbar, unangenehme Wahrheiten lösen sich in beruhigende Gewissheit auf, und ein goldener Schleier legt sich über die grausame Wirklichkeit.

So beispielsweise in Betrachtung der USA: Während sich dort ein administrativer Staatsstreich vollzieht, stellt sich das Geschehen in den deutschen Medien als unzusammenhängende Serie von „verrückten“ Entscheidungen dar. Die Drohungen gegen Grönland, die Erpressung der Ukraine, die systematische Unterhöhlung aller Aufsichtsbehörden und die Entmachtung von Kongress und Gerichten – folgt man der sich meist ins Boulevardeske rettenden Berichterstattung, sind Trump und Musk schlicht „verrückt“, „wahnwitzig“, „dumm“ oder allerhöchstens „populistisch“.

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Hier soll es nicht darum gehen, dass die neue US-Regierung stringent nach Drehbuch vorgeht. Hier soll es darum gehen, warum wir es im Jahr 2025 immer noch für eine schlaue Idee halten, rechtsradikale Umstürzler als „verrückt“ zu bezeichnen. Gewonnen ist damit nämlich gar nichts. Die politischen Motive werden ausgeblendet, und es wird auch unmöglich, sie im größeren Zusammenhang zu sehen.

Verloren ist damit viel: Denn die ableistische Bezeichnung „verrückt“ bringt Menschen mit psychischen Erkrankungen in reale Gefahr, baut an einer Legende weiter, deren letzte Konsequenz die nationalsozialistische Vernichtungspolitik an Menschen mit Behinderung war.

Beispiel: das Verbrechen von Magdeburg. Der Täter, ein AfD-Anhänger, wurde schnell in der Berichterstattung als „psychisch krank“ weggewischt; seine politischen Motive rückten in den Hintergrund. Gleichzeitig forderten CDU-Kader einen Zugriff auf psychiatrische Patient:innendaten, sogar ein „Register psychisch Kranker“.

Andere haben schon Taten folgen lassen: von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat der hessische CDU-Innenminister eine Task Force PAVG (Psychisch Auffällige / Vielschreiber / Gewalttäter) eingeführt. Die Begründung zu den „Vielschreibern“ muss aufhorchen lassen: „Bei Vielschreibern handelt es sich um Personen, (… die) Behörden und Institutionen mit einer Vielzahl von teils wirren und komplexen schriftlichen Eingaben binden. Oftmals sind diese Eingaben mit unbegründeten Beschwerden verbunden.“

Also lieber nicht zu viel über die CDU beschweren, am Ende kommt noch die Polizei vorbei! Die Sicherheitspolitik soll korrigieren, was man in der mentalen Gesundheit wegrationalisiert hat – in großen Städten muss man inzwischen schon mal ein Jahr auf einen Therapieplatz warten.

Währenddessen greifen die Weltereignisse unser aller psychischer Gesundheit an; die Vereinten Nationen schätzen, dass über eine Milliarde Menschen an psychischen Erkrankungen leiden. Wir alle sind „Verrückte“ auf Bewährung, und wer sich um seine Patient:innendaten keine Sorgen macht, soll sich mal mit der Diagnose Depression bei einer privaten Versicherung melden.

Der größte Angriff auf die geistige Gesundheit sind jene „Disruptionen“, die neoliberale Strategen überall durchsetzen wollen – in den USA zerlegt Elon Musk planvoll die Gesundheitsbehörden, streicht Projekte für mentale Gesundheit. Was hier eingespart wird, muss dann bei „Task Forces“ wieder ausgegeben werden.

Leo Fischer ist Autor und war Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“.

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