Im Visier des Kreml

Prigoschin-Tod oder Putsch 2.0: Es gibt in Russland nur zwei Optionen für Wagner-Chef

  • schließen

In Russland steigt wohl die Gefahr eines weiteren Putschversuchs. Die Elite ist mitten im Ukraine-Krieg unzufrieden mit einem Leben im „Nordkorea 2.1“. Nun gab es einen Flugzeugabsturz.

Update vom 23. August, 22.30 Uhr: In Russland hat sich ein Flugzeugabsturz ereignet. Auf der Passagierliste stand laut übereinstimmenden Berichten auch der Name des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin. Die Hinweise für den tatsächlichen Tod des 62-Jährigen verdichten sich mittlerweile. So sollen sich der Wagner-Boss und sein Stellvertreter Utkin definitiv an Bord der abgestürzten Maschine befunden haben. Das sollen russische Behörden erstmals bestätigt haben, berichtet unter anderem die TagesschauDie aktuellen Entwicklungen zu Prigoschins angeblichem Tod und dem Flugzeugabsturz in Russland im News-Ticker.

Erstmeldung vom 18. August, 15.00 Uhr: Aspen – Ob die Identifizierung der Nawalny-Attentäter, Analysen zum MH-17 Abschuss oder Recherchen zum Tiergartenmord in Berlin: Immer wieder sorgt das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat mit ihrer Arbeit für Aufsehen. Der Journalist Christo Grozev ist Teil des Netzwerkes und hat im Januar einen Putschversuch der Wagner-Truppen in den kommenden sechs Monaten vorausgesagt. Der Coup ereignete sich schlussendlich am 23. Juni, fast genau sechs Monate nach Grozevs Prognose.

Im Interview mit der Financial Times hat der Investigativ-Journalist eine weitere Prognose zur Wagner-Gruppe und Russland geäußert. „In sechs Monaten wird Prigoschin entweder tot sein oder es wird einen zweiten Putsch geben“, davon ist Grozev überzeugt.

Steht nächster Putsch in Russland bevor? Recherchenetzwerk mit Prognose zu Prigoschin und Putin

Das Recherchenetzwerk Bellingcat nutzt, nach eigenen Angaben, die Korruption in den russischen Staatsorganen aus, um so etwa während des Ukraine-Kriegs an geheime Informationen zu kommen. Der Putschversuch der Wagner-Gruppe von Juni soll beispielsweise bereits am Abend zuvor, daran ersichtlich gewesen sein, dass der Telefonverkehr zwischen hochrangigen Militärs in Russland explodierte. Den entsprechenden Datensatz hatte Bellingcat gegen Bezahlung erhalten, wie Grozev im Interview angab.

Erneuter Putsch in Russland? Experte hält das für wahrscheinlich. (Archivbild)

Prigoschin hatte in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni einen Militärstützpunkt in Russland unter seine Kontrolle gebracht und angekündigt, mit seinen Söldnern nach Moskau zu marschieren – der Wagner-Putsch hielt zwischenzeitlich die Welt im Atem. Das Büro von Wladimir Putin ging davon aus, dass die Truppen in wenigen Stunden die Stadt hätten erreichen können, wie die Tageszeitung Pravda schreibt. Der Chef der Wagner-Gruppe, Jewgeni Prigoschin, ging später ins Exil nach Belarus, nachdem er seinen militärischen Vorstoß noch am 24. Juni für beendet erklärt hatte.

Putsch in Russland gescheitert: „Wladimir Putin will Prigoschin tot sehen“ – Lage um Wagner spitzt sich zu

Über den Wagner-Chef sagte Grozev: „Er (Wladimir Putin) will ihn tot sehen. Das kann er noch nicht.“ Die russische Elite würde laut dem Journalisten nicht hinter dem Ukraine-Krieg stehen, mit Ausnahme des militärischen Komplexes, wie er gegenüber der Financial Times zu verstehen gab. Aus dieser Richtung könnte der nächste Putschversuch seinen Ursprung nehmen. Denn für den Teil der Elite, der nicht zum FSB oder der Politik gehört, sei es untragbar in einem „Nordkorea 2.1“ zu leben, so Grozevs Einschätzung.

Zur Person

Christo Grozev ist der Russland-Experte des Recherchenetzwerks Bellingcat. Dort ist er seit 2015 tätig. Mittlerweile lebt der 54-jährige Journalist in den USA, da in Europa seine Sicherheit nach eigenen Angaben nicht mehr garantiert sei. Im Jahr 2019 hat er den europäischen Preis für Investigativjournalismus für seine Recherche zu den Salisbury-Vergiftungen erhalten.

Zukunft von Prigoschin in Russland ungewiss: Elite und Oligarchen stehen wohl nicht hinter Putin

Derzeit würde die Elite noch schweigen, denn niemand wolle der Erste sein, der das Land verlassen muss, so die Wahrnehmung des Journalisten, der fließend Russisch spricht und täglich in Kontakt mit seinen Quellen in Russland steht.

Er führt ein Beispiel des russischen Generals Ivan Popov an, welcher vor kurzem Putins Krieg gegen die Ukraine kritisiert hatte. Popov wurde seit dem nicht mehr gesehen und Grozev mache sich große Sorgen um dessen Wohlergehen. (Lucas Maier)

Rubriklistenbild: © Sergey Pivovarov/IMAGO-Images

Kommentare