Kiews Kursk-Vorstoß: Ist die Ukraine in Putins „Falle gelaufen“?
VonSimon Schröder
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Putin und das russische Staatsfernsehen versuchen, die Bedeutung der Kursk-Offensive in Russland zu minimieren. Währenddessen konsolidiert die Ukraine ihre Stellungen.
Kursk – Die ukrainische Kursk-Offensive ist weiterhin in vollem Gange. Die Ukraine ist auf russischem Boden auf dem Vormarsch. Doch der Schein könnte trügen. So zumindest argumentiert das russische Staatsfernsehen. Eine Woche nach dem Überraschungsangriff schrieb die russische Nachrichtenagentur RIA Novosti noch, dass sich die russischen Streitkräfte „die Kontrolle über die Situation“ verschaffen. Bisher ist das jedoch nach nunmehr fast zwei Wochen ausgeblieben.
Ein Tag zuvor schrieb der Kreml nahe Sender Zargrad der ukrainische Stoßtrupp sei „in eine Falle gelaufen“ und würde schwere Verluste hinnehmen müssen, wie Newsweek zitiert. Doch selbst russische Militärblogger widersprechen diesem Narrativ, das Moskau versucht zu etablieren. An der Grenze zur russischen Stadt Korenewo soll sich die Ukraine – tief in russischem Territorium – mit den Streitkräften Russlands Scharmützel liefern, wie das Institute for the Study of War (ISW) in ihrem täglichen Briefing schreibt und sich dabei auf Militärblogger beruft.
Wie erfolgreich die Kursk-Offensive letztlich für die Entwicklung des Ukraine-Kriegs ist, lässt sich bisher noch nicht sagen. Michael A. Witt, Professor an der „King's Business School“ in London äußerte sich gegenüber Newsweek: „Es besteht die Gefahr (die Front, Anm. d. Red.) zu überstrapazieren und es besteht das Risiko, dass wertvolles Personal und Ressourcen verloren gehen und dass Putin dies als Vorwand für eine weitere Eskalation nutzt.“
Herbe Blamage für Putin im Ukraine-Krieg: Kursk-Offensive könnte sich zur Front entwickeln
Für den russischen Autokraten Wladimir Putin ist der ukrainische Einmarsch sicherlich hilfreich, sein Narrativ zu festigen, Russland werde von Westen bedroht und der Ukraine-Krieg sei ein Stellvertreterkrieg der Nato. „Es sind gegensätzliche Kräfte am Werk. Die eine besteht darin, das Narrativ zu verstärken, dass Russland bedroht ist, was Putin helfen und die Unterstützung durch einen ‚Scharen-um-die-Flagge-Effekt‘ verstärken könnte“, meint Witt.
Als Gegensatz dazu führt der Professor gegenüber Newsweek an: „Zum anderen soll infrage gestellt werden, ob Putin und seine Regierung die richtigen Leute sind, um Russland zu verteidigen. Wahrscheinlich wird es so oder so keinen großen Unterschied machen, denn es gibt keine eindeutigen Anzeichen dafür, dass Putin nicht mehr die Kontrolle hat, aber das Ende von Diktatoren ist selten klar vorhersehbar.“
Denn die Offensive der Ukraine ist der erste Vorstoß auf russischen Boden in diesem Ausmaß, wie es Russland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat. Für Putin ist das vor allem eine riesige Blamage. Und das schon die insgesamt dritte seit Beginn des Kriegs gegen Kiew, wie Atlantic Council schreibt. Die erste war sicherlich die gescheiterte Invasion zu Beginn des Kriegs, als die russischen Truppen vor Kiew aufgehalten wurden und den Rückzug antreten mussten.
Kursk-Offensive „Überraschung für die Russen“: Einer von vielen Rückschlägen für Putin im Ukraine-Krieg
Die zweite Blamage war der Untergang des Flaggschiffs der Schwarzmeerflotte Moskwa, das die Ukraine im April 2022 versenkt hatte. Während die ukrainischen Truppen neue Schützengräben in Kursk ausheben, könnte sich hier wohl eine neue Front im Ukraine-Krieg entwickeln – die dritte Blamage für Putin. Die russischen Soldaten in der Kursk Region waren überrascht vom ukrainischen Angriff am 6. August. Weshalb die Ukraine hier so schnell Fuß fassen konnte.
„Der Schlüssel zum Erfolg der Ukraine lag darin, dass es ihr gelang, ohne großen Widerstand in russisches Gebiet einzudringen. Das war eine völlige Überraschung für die Russen und zeigt, dass die russischen Geheimdienste einen ukrainischen Vorstoß in die Region wirklich nicht vorhersehen konnten“, wie sich Natia Seskuria, Expertin für Verteidigung und Sicherheitspolitik, gegenüber CNN äußerte.
Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern
Und bisher sind die russischen Truppen nicht in der Lage gewesen, nennenswerten Boden in Kursk gutzumachen. Einige Analysten sind daher der Meinung, dass die ukrainischen Truppen sich vorerst nicht aus Russland zurückziehen werden, wie CNN schreibt. (sischr)