EU-Beitrittskandidat im Visier

„Das ist teuer“: Putin lässt Gas im Westen kaufen – mit Orbáns Hilfe und klarem Kalkül

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Skurril, aber wahr: Russland gibt Geld für Gaskäufe im Westen – und will damit dem Pro-EU-Lager schaden. Hilfe dafür gibt es (natürlich) aus Ungarn.

Leipzig – Seit Anfang Februar fürchtet Transnistrien Kälte und Dunkelheit: Die abtrünnige pro-russische Region im Land des EU-Beitrittskandidaten Moldau ist seitdem von direkter Gaszufuhr aus Russland abgeschnitten. Strom- und Heizungsausfälle in der Region an der Südwestgrenze der Ukraine sind die Folge. Unangenehm für Moskau, das mit Soldaten vor Ort ist und das separatistische Marionettenregime in Transnistrien unter Kontrolle hat.

Mittlerweile hat Wladimir Putins Russland auf bemerkenswerte Weise umgesteuert – und Moldau damit sogar neue Optionen in die Hand gegeben, wie dessen Vizepremier Oleg Serebrian am Wochenende bei einer Podiumsdiskussion der Leipziger Buchmesse bestätigte. Doch die Geschichte ist einigermaßen kompliziert. Und wird es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben. Der kuriose Zwischenstand: Ausgerechnet der Gasgroßproduzent Russland besorgt aktuell Erdgas zu westlichen Marktpreisen.

Kurioser Deal mit Russland: Ungarisches Unternehmen liefert Gas an Putins Separatisten

Über lange Jahre hatte Russland selbst Transnistrien kostenlos mit Gas versorgt – über eine Pipeline durch die Ukraine. Zum 1. Februar stellte die Ukraine aus naheliegenden Gründen die Durchleitung ein. Und der russische Gaskonzern Gazprom lehnte es ab, alternative Verbindungen etwa über die Pipeline Turkstream zu nutzen. Er verwies auf angebliche Gasschulden Moldaus in Höhe von 675 Millionen Euro. Eingerechnet sind da aber wohl vor allem Lieferungen an das auf eigene Rechnung handelnde Transnistrien; Moldau sieht – unter Verweis auf eine internationale Prüfung – nur Schulden in Höhe von 8,2 Millionen Euro.

Kein Bild aus grauer Vorzeit: Erst im Sommer 2024 reiste Viktor Orbán nach Moskau – es gibt weiter gute Drähte zu Putins Russland.

Nun wird Moldau aber spätestens im Herbst ein neues Parlament wählen – und dann sind auch die Menschen in Transnistrien wahlberechtigt. Da nimmt der Kreml Geld in die Hand: Russland kauft Gas über einen Vermittler aus Ungarn zu westlichen Marktpreisen – und lässt es durch Moldau nach Transnistrien leiten. „Das ist in der Tat teuer“, sagte Serebrian in Leipzig: „Sie kaufen drei Millionen Kubikmeter Gas für die Region Transnistrien.“

Viktor Orbáns Außenminister Peter Szijarto hatte den Deal öffentlich bestätigt, wie die russische Staatsagentur Tass notierte. Russlands Vize-Ministerpräsident Alexander Novak habe ihn mit der Warnung vor einer „fürchterlichen humanitären Katastrophe“ in Transnistrien kontaktiert, sagte Szijarto Ende Februar ausgerechnet nach einem Treffen mit dem FPÖ-Generalsekretär Christian Hafenecker. Das Ergebnis seiner eigenen Bemühungen laute: „Ein Unternehmen ungarischer Herkunft wird Erdgas nach Transnistrien liefern.“ Ein Schlaglicht auch auf die Beziehungen zwischen Orbán und Wladimir Putin.

Russland sorgt für Gaslieferungen aus dem Westen: Katastrophe in Separatisten-Region drohte

Gratis ist dieses Gas aber nicht mehr. Über mögliche Kosten von bis zu 164 Millionen Dollar schrieb Ende Januar das russische Exilmedium Meduza. Diese Menge reiche für den „Hausgebrauch“ – aber auch für Teile der transnistrischen Industrie, sagte Serebrian. Sein Land selbst zahle nichts, habe aber dem „sensiblen“ Deal und der Durchleitung zugestimmt. Dabei hatte auch die EU Transnistrien Hilfe angeboten, gekoppelt an Forderungen etwa zur Menschenrechtslage. Dieses Angebot aber lehnte Transnistrien ab.

Auf dem Weg nach Europa: Die Aufnahmekandidaten der EU

EU Parlament Straßburg
Jeder europäische Staat hat laut Artikel 49 des EU-Vertrags das Recht, einen Antrag auf Mitgliedschaft zu stellen. Wichtig dabei: „Europäisch“ wird politisch-kulturell verstanden und schließt die Mitglieder des Europarats mit ein. Das betrifft zum Beispiel die Republik Zypern. Eine wichtige Rolle spielt im Beitrittsverfahren das EU-Parlament in Straßburg (im Bild). Verschiedene Delegationen verfolgen die Fortschritte in den Beitrittsländern und weisen auf mögliche Probleme hin. Zudem müssen die Abgeordneten dem EU-Beitritt eines Landes im Parlament zustimmen. Derzeit gibt es neun Beitrittskandidaten und einen Bewerberstaat. © PantherMedia
Edi Rama Albanian EU
Albanien reichte 2009 den formellen EU-Mitgliedschaftsantrag ein – vier Jahre, bevor Edi Rama (im Bild) das Amt des Ministerpräsidenten übernahm. Es dauerte aber noch eine lange Zeit, bis die Verhandlungen beginnen konnten. Grund war ein Einspruch der Niederlande, die sich zusätzlich zu den EU-Kriterien auch die Sicherstellung der Funktion des Verfassungsgerichts und die Umsetzung eines Mediengesetzes wünschte. Im Juli 2022 konnte die Blockade beendet werden und die EU startete die Beitrittsverhandlungen. © John Thys/afp
Bosnien und Herzegowina EU
Auch Bosnien und Herzegowina drängt in die EU. Gut erkennen konnte man das zum Beispiel am Europatag 2021, als die Vijećnica in der Hauptstadt Sarajevo mit den Farben der Flaggen der Europäischen Union und Bosnien und Herzegowinas beleuchtet war. EU-Botschafter Johann Sattler nutzte sofort die Gelegenheit, um das alte Rathaus zu fotografieren. Vor den geplanten Beitrittsverhandlungen muss das Balkanland noch einige Reformen umsetzen. Dabei geht es unter anderem um Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen.  © Elvis Barukcic/afp
Georgien EU
Zum Kreis der EU-Beitrittskandidaten gehört auch das an Russland grenzende Georgien. Das Land, in dem rund 3,7 Millionen Menschen leben, hatte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs die Aufnahme in die EU beantragt. Auf schnelle Fortschritte im Beitrittsprozess kann Georgien allerdings nicht hoffen. Dabei spielt auch ein ungelöster Territorialkonflikt mit Russland eine Rolle. Nach einem Krieg 2008 erkannte Moskau die abtrünnigen georgischen Gebiete Südossetien (im Bild) und Abchasien als unabhängige Staaten an und stationierte Tausende Soldaten in der Region. © Dimitry Kostyukov/afp
Moldau EU
Seit Juni 2022 gehört auch Moldau offiziell zu den EU-Beitrittskandidaten. Das Land, das an Rumänien und die Ukraine grenzt, reichte kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs das Beitrittsgesuch ein. Am 21. Mai 2023 demonstrierten 80.000 Menschen in der Hauptstadt Chișinău für einen Beitritt Moldaus in die Europäische Union. Die damalige Innenministerin Ana Revenco (Mitte) mischte sich damals ebenfalls unters Volk. © Elena Covalenco/afp
Montenegro EU
Das am kleine Balkanland Montenegro will beim EU-Beitritt zügig vorankommen. Direkt nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten Ende Oktober 2023 verkündete Milojko Spajic (im Bild), dass er den Beitritt Montenegros zur EU vorantreiben und die Justiz im Kampf gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stärken wolle. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (rechts) hörte es damals sicher gerne. Montenegro verhandelt seit 2012 über einen Beitritt, hatte sich aber vor der Wahl nicht mehr ausgiebig um Reformen bemüht.  © Savo Prelevic/afp
Scholz Westbalkan-Gipfel Nordmazedonien EU
Nordmazedonien kämpft schon seit langer Zeit für den Beitritt in die EU. Leicht ist das nicht. So hat das kleine Land in Südosteuropa aufgrund eines Streits mit Griechenland sogar schon eine Namensänderung hinter sich. Seit 2019 firmiert der Binnenstaat amtlich unter dem Namen Republik Nordmazedonien. Auch Bulgarien blockierte lange den Beginn von Verhandlungen. Bei einem Gipfeltreffen im Oktober 2023 drängte Kanzler Olaf Scholz dann aber auf eine möglichst schnelle Aufnahme der Balkanstaaten in die EU. Nordmazedoniens Ministerpräsident Dimitar Kovacevski (rechts) war sichtlich erfreut. © Michael Kappeler/dpa
Serbien EU
Auch Serbien strebt in die EU. Wann es zu einem Beitritt kommt, scheint derzeit aber völlig offen. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat sich die serbische Regierung geweigert, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Damit ist Serbien der einzige Staat in Europa, der keine Sanktionen verhängt hat. Offen bleibt, welche Auswirkungen das auf die seit 2014 laufenden Verhandlungen über einen EU-Beitritt Serbiens hat. Die politische Führung in Belgrad, die seit 2012 von Präsident Aleksandar Vučić (im Bild) dominiert wird, zeigt zudem wenig Willen zu Reformen. Demokratie und Medienpluralismus höhlt sie zunehmend aus. © Andrej Isakovic/afp
Türkei EU
Die Türkei ist bereits seit 1999 Beitrittskandidat. Die Verhandlungen selbst haben im Oktober 2005 begonnen. Inzwischen hat die EU-Kommission vorgeschlagen, die Beziehungen wieder auszubauen, sofern sich die Regierung in Ankara unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan (im Bild) in einigen Punkten bewegt. Zuvor waren Projekte wie die geplante Modernisierung der Zollunion und eine Visaliberalisierung wegen Rückschritten bei Rechtsstaatlichkeit, Grundrechten und Meinungsfreiheit in der Türkei auf Eis gelegt worden. Ein EU-Beitritt scheint aktuell weiter entfernt denn je. © Adem Altan/afp
Ukraine EU
Im Dezember 2023 wurde der Beginn von Verhandlungen mit der Ukraine grundsätzlich beschlossen. Allerdings muss die Ukraine sämtliche Reformauflagen erfüllen. So waren nach dem letzten Kommissionsbericht manche Reformen zur Korruptionsbekämpfung, zum Minderheitenschutz und zum Einfluss von Oligarchen im Land nicht vollständig umgesetzt. Ohnehin gilt es als ausgeschlossen, dass die Ukraine vor dem Ende des Ukraine-Kriegs EU-Mitglied wird. Denn dann könnte Kiew laut EU-Vertrag militärischen Beistand einfordern – und die EU wäre offiziell Kriegspartei. © Roman Pilipey/afp
Kosovo EU
Kosovo hat einen Mitgliedsantrag eingereicht, jedoch noch nicht den offiziellen Status eines Beitrittskandidaten erhalten. Das Land hat 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Die Freude darüber war damals bei den Menschen riesengroß. Das Bild macht auch deutlich, dass vor allem Menschen albanischer Herkunft im Kosovo beheimatet sind. Die Flagge Albaniens (links) ist ebenso zu sehen wie die des neuen Landes (hinten). Mehr als 100 Länder, darunter auch Deutschland, erkennen den neuen Staat an. Russland, China, Serbien und einige EU-Staaten tun dies aber nicht. Ohne die Anerkennung durch alle EU-Länder ist eine Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aber nicht möglich.  © Dimitar Dilkoff/afp

Warum macht Moldau nun beim russischen Modell mit, statt Druck auszuüben? Aus humanitären Gründen, deutete Serebrian an, der auch als Moldaus Botschafter in Deutschland tätig war. Es drohe ein Desaster aus humanitärer Sicht in Transnistrien – und aus wirtschaftlicher. Gleichwohl profitiert auch Moldau: Mit den russischen Gaslieferungen produzierte ein Kraftwerk in Transnistrien günstigen Strom. Das ist weitgehend vorbei, die Preise für Gas steigen. Transnistrien benötige ein neues „Geschäftsmodell“, betonte Serebrian. Aber immerhin: Strom gibt es weiterhin.

Russland setzt auf Blockade in Moldau – alle blicken auf Transnistrien

Offen ist auch, wie lange Russland die mutmaßlich teure Unterstützung für die Separatisten durchziehen wird. „Wahrscheinlich bis zu den Wahlen“, erklärte der Politiker. Die Parlamentswahlen in Moldau sind für den Kreml wichtig: Im Herbst gewann die pro-europäische Präsidentin Moldaus, Maia Sandu, in den Stichwahlen eine weitere Amtszeit – aber nur knapp. Auch ein Referendum über die Verankerung des EU-Beitritts in der moldauischen Verfassung fand nur eine hauchdünne Mehrheit von 50,4 Prozent.

Sollte bei der Präsidentschaftswahl eine pro-europäische Mehrheit ausbleiben, könnte Sandu dennoch mehr oder minder handlungsunfähig werden. Genau darauf dürfte der Kreml spekulieren – und wohl auch hinarbeiten. Vor Moldaus Präsidentschaftswahl gab es bereits Berichte über Stimmenkauf.

Transnistrien könnte bei der Wahl durchaus ein Faktor werden: Trotz russischer De-Fakto-Kontrolle und Desinformation hätten immerhin 30 Prozent der Wählenden Transnistriens für das Festschreiben des EU-Beitritts gestimmt, sagte Serebrian. Ein „sehr erstaunliches Ergebnis“, wie er betonte. In Gagausien, einer weiteren mittlerweile russisch geprägten Problemregion, seien es nur 5 Prozent gewesen. Die Gunst der 330.000 Transnistrier ist nun also gefragt – in Moskau wie in Moldaus Hauptstadt Chisinau. (fn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Valeriy Sharifulin

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