Klimaforschung

Klimaforscher warnt nach Gipfel: „Wir steuern auf drei Grad zu“

  • schließen

Klimaforscher Mojib Latif über den Sinn von Klimagipfeln, machbare Ziele und Erwartungen an eine unionsgeführte Bundesregierung.

Herr Professor Latif, Sie haben vor dem Klimagipfel in Baku gesagt, diese UN-Konferenzen seien ein „Spektakel, das dem Klima bisher nichts gebracht hat“. Jetzt steht am Ende der COP 29 eine Einigung auf eine Verdreifachung der von den reichen Staaten zu zahlenden Klimahilfen – 300 Milliarden Dollar jährlich. Stimmt Sie das milder?

Nein, denn die Konzentrationen der Treibhausgase werden auch in den kommenden Jahren trotz der Beschlüsse von Baku rapide steigen. Die 300 Milliarden Dollar an Klimahilfen sollen erst bis 2035 erreicht werden. Und der dringende Ausstieg aus den fossilen Energien ist nicht konkretisiert worden.

Dem realen, physikalischen Klima hat Baku nicht geholfen?

Eben nicht. Alle messbaren Parameter zeigen in die falsche Richtung.

Erste Grad-Marke bei Erderwärmung laut Klimaforscher „gerissen“

Was ist Ihre Prognose? Ist das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung denn überhaupt noch zu halten?

Wir sollten nicht mehr drumherum reden. Die 1,5-Grad-Marke ist de facto gerissen, wenn man die Trägheit des Klimas berücksichtigt. Selbst wenn die Emissionen sofort auf null gesetzt würden, würde es passieren.

Flutkatastrophe im spanischen Valencia: „Man ist zwar geschockt, hofft aber, man kann sich wegducken.“

Aber können wir wenigstens noch unter dem Zwei-Grad-Ziel bleiben, die Sicherheitslinie, die das Paris-Abkommen vorgibt?

Wenn nicht schnell radikal umgesteuert wird, werden wir es nicht schaffen, die globale Erwärmung unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten. Die Welt steuert derzeit eher auf drei Grad zu. Die Folgen wären fatal. Schon jetzt, bei 1,5 Grad, erleben wir Katastrophen wie die verheerenden Überschwemmungen in Spanien, die durch die Aufheizung der Atmosphäre viel wahrscheinlicher und stärker geworden sind. Wie es bei drei Grad aussähe, mag man sich kaum ausmalen.

Wenn die Klimagipfel so wenig bringen, sollte man sie dann ganz aufgeben?

Ich bin kein Gegner der UN-Gipfel. Sie sind wichtig, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Thema Klima zu lenken und um den armen Ländern Gehör zu verschaffen. Sonst hätten sie nirgends etwas zu melden. Allerdings: Zielführender wären kleinere Formate. Die Gipfel müssten deutlich abgespeckt werden. Treffen mit bis zu 90 000 Menschen machen keinen Sinn.

G20 als Chance für den Kampf gegen den Klimawandel

Gibt es denn andere Formate, mit deren Hilfe die Emissionen schneller gesenkt werden könnten?

Durchaus. Die G20 zum Beispiel, in denen Industrie und Schwellenländer vertreten sind und die für rund 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind. Vielleicht auch die G7, also die großen, klassischen Industriestaaten. Sie müssen endlich begreifen, dass auch die Weltwirtschaft ohne einen ambitionierten Klimaschutz großen Schaden nehmen würde.

Das G20-Mitglied China ist inzwischen der CO2-Obereinheizer, baut aber auch die erneuerbaren Energien und die E-Mobilität gewaltig aus. Ist das die Hoffnung?

Meine Hoffnung wäre in der Tat, dass sich dadurch global eine enorme Dynamik beim Ausbau der erneuerbaren Energien entwickelt. China ist hier wirklich der Antreiber, eine Rolle, die Deutschland in der 2000er Jahren einmal hatte.

Erwarten Sie, dass die USA, globaler CO2-Emittent Nummer zwei, mit einem Präsidenten Donald Trump komplett ausfallen?

Die USA werden wahrscheinlich aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Das ist ein verheerendes Signal an den Rest der Welt. Es gibt zwar US-Bundesstaaten, die einen progressiven Kurs fahren wollen, doch wie erfolgreich das sein kann, muss man sehen.

Zur Person

Mojib Latif , 70, ist Professor für Ozean-Zikulation und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. Sein jüngstes Buch hat den Titel „Countdown. Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klimakatastrophe noch entgegensetzen können“. jw

Und welche Rolle sollte nun die Europäische Union einnehmen?

Die EU sollte auf jeden Fall Kurs mit ihrem „Green Deal“ halten und ihre Emissionen weiter senken. Das ist ihre Chance, mit innovativen und energieeffizienten Produkten auch auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Welche Rolle spielt der Klimawandel für die Union?

Was erwarten Sie von Deutschland beim Klimaschutz unter einer unionsgeführten Bundesregierung?

Ich fürchte, dass man dann beim Klimaschutz eher auf die Bremse treten wird.

Die Union hat sich klar zur Energiewende bekannt und verspricht, diese billiger zu machen. Sie setzt aber auch stark auf steigende CO2-Preise bei Heizungen und beim Sprit. Kann das gelingen?

Man kann die Menschen nicht nur belasten. Sie müssen bei diesem Konzept an anderer Stelle entlastet werden. Ich bin gespannt, wie konsequent das gemacht wird. Die Ampel-Regierung hat ihr angekündigtes „Klimageld“ ja nicht umgesetzt. Und vor allem: Umweltschädliche Subventionen, die laut Umweltbundesamt rund 65 Milliarden Euro pro Jahr ausmachen, müssen endlich abgebaut werden. Das würde enorme finanzielle Spielräume eröffnen.

Ist denn nicht ohnehin der CO2-Preis das richtige Mittel, um die Weltwirtschaft aufs richtige Gleis zu bringen?

Das ist das richtige Konzept. Ohne eine globale CO2-Bepreisung wird es nicht funktionieren. Die muss aber für alle Länder gelten, und das ist eine große Hürde.

Donald Trump wird wohl kaum gegen den Klimawandel kämpfen

Wo stehen wir im Kampf gegen den Klimawandel? Ein zentrale Frage für die Frankfurter Rundschau auf allen Kanälen.

Unser exklusiver FR|Klima-Newsletter bietet dazu einen umfassenden, wöchentlichen und kostenlosen Überblick - jeden Freitag. Jetzt anmelden!

Die EU hat einen erfolgreichen Emissionshandel für Kraftwerke und Industrieanlagen bereits 2005 eingeführt, und China mit seiner großen Volkswirtschaft zieht nun nach. Könnte ein Koppeln dieser Systeme den Durchbruch bringen?

Auf jeden Fall. Am besten wäre es, wenn die USA auch mit dabei wären. Aber das ist bei einem Präsidenten Trump leider undenkbar.

Letztes Thema: Was glauben Sie, warum bringen Katastrophen wie etwa die Überflutungen in Spanien, die jüngste Hurrikan-Serie in den USA oder die Trockenjahre 2018 bis 2022 hierzulande die Menschen nicht zu einem radikalen Umdenken?

Hauptgrund ist, dass es die allermeisten Menschen immer noch kaum direkt betrifft. Man ist zwar geschockt, hofft aber, man kann sich wegducken. Außerdem hat sich bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht eingestellt.

Mojib Latif.

Wieso können Klimawandel-Leugner bis hinauf zu Donald Trump die Probleme völlig wegblenden, obwohl der Zusammenhang zum Klimawandel nachgewiesen ist?

Weil sie die einfachste Lösung für ein komplexes Problem anbieten: Sie erklären es einfach für nicht existent. Und haben Erfolg damit.

Hat die Aufklärung in einer solchen Situation denn noch eine Chance?

Sie ist auf jeden Fall in Gefahr.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Revierfoto

Kommentare