Keine Armut mehr

17 Ziele, die die Vereinten Nationen bis 2030 erreichen wollen (und wie realistisch das ist)

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Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen (UN) sollen bis 2030 erreicht werden. Kann das gelingen?
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Beim UN-Gipfel in New York geht es auch darum, ob die Vorhaben der Organisation noch relevant sind. Ein Überblick.

Kurz vor Beginn der UN-Generaldebatte in New York, warnt nicht nur der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einem Weltkrieg und vergleicht Putin mit Hitler – auch ein Brief einer Staatengruppe um Russland sorgt für Unruhe. In dem Schreiben vom Sonntag, 17. September 2023, kündigen elf Länder (Russland, Belarus, Bolivien, Kuba, Nordkorea, Eritrea, Iran, Nicaragua, Syrien, Venezuela und Simbabwe) an, mehrere Erklärungen zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) zu blockieren.

Bei den Verhandlungen zu den vier Erklärungen – die auch die Themen Pandemie-Vorsorge, Gesundheitsversorgung und den Kampf gegen Tuberkulose (eine frühere Erkrankung könnte vor Corona schützen) betreffen – seien „die berechtigten Anliegen einer großen Zahl von Entwicklungsländern ignoriert“ worden, so der Vorwurf. Ob eine Annahme der Erklärungen in Gefahr ist, bleibt zunächst offen. Aktiv dabei helfen, die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG) zu erreichen, dürfte der Brief jedoch nicht gerade.

17 Nachhaltigkeitsziele, die die UN bis 2030 erreichen wollen

Im Jahr 2015 hatten sich die Staaten der Welt mit den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen (SDG) zentrale Vorsätze für die globale Entwicklung gegeben, mit denen etwa Bildung verbessert oder Hunger und extreme Armut bis 2030 beendet werden sollen. Doch die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und eine Schuldenkrise in armen Ländern, die auch unter der Klimakrise besonders leiden, haben das Erreichen der Ziele extrem zurückgeworfen.

Wenn es so weitergeht wie bisher, werden im Jahr 2030 laut UN noch immer 575 Millionen Menschen in großer Armut und mehr als 600 Millionen in Hunger leben. Nur 15 Prozent aller formulierten Vorsätze könnten den UN zufolge Erfolg haben. BuzzFeed News Deutschland zählt alle 17 Ziele für dich auf und verrät, welche bis zum Jahr 2030 noch realistischerweise erreicht werden könnten.

1. Keine Armut

Dieses Ziel haben die UN schon 2000 gestellt. 2015 gab es dann einiges zu feiern, denn die Zahl der Menschen in extremer Armut war auf 836 Millionen gesunken – gegenüber 1,9 Milliarden zu Beginn der Neunziger. Laut UN-Bericht der den Fortschritt der Ziele für 2023 bewertet, lebten Ende 2022 weltweit immer noch 670 Millionen Menschen in extremer Armut.

Die Zahl wird bis 2030 aller Voraussicht nur um 30 Prozent, also auf 575 Millionen sinken. Das Ziel, Armut in all ihren Formen und überall zu beenden, wird also nicht erreicht.

2. Kein Hunger

Durch die Pandemie ist die Zahl der Hungernden sogar noch gestiegen. Laut Vereinten Nationen litten 2022 weltweit 735 Millionen Menschen unter chronischem Hunger – 122 Millionen mehr als 2019. Fast ein Drittel der Weltbevölkerung, also 2,4 Milliarden Menschen, kann nicht auf eine sichere Ernährung bauen. So wie in diesen zehn Krisengebieten, die wir 2022 komplett vergessen haben.

3. Gesundheit und Wohlergehen

Was dieses Ziel anbelangt, gab es in letzter Zeit einige Fortschritte: 146 von 200 Ländern sind auf dem richtigen Weg, das SDG-Ziel zur Kindersterblichkeit zu erreichen. Die Zahl der AIDS-bedingten Todesfälle wurde seit 2010 weltweit um 52 Prozent gesenkt und mindestens eine vernachlässigte Tropenkrankheit wurde ausgerottet. Aber: Das Ziel, das HI-Virus bis zum Jahr 2030 zu beseitigen, wird wohl nicht erreicht. Besonders Europa und Zentralasien hinken bei der Bekämpfung der Krankheit hinterher.

4. Hochwertige Bildung

Bis 2030, so das Ziel, sollen alle Mädchen und Jungen nicht nur eine Grundschule besucht haben, sondern auch eine weiterführende Schule. Dieses Vorhaben wird wahrscheinlich nichts werden, denn ohne zusätzliche Maßnahmen wird das Ziel bis 2030 nur jedes sechste Land erreichen. Von 2015 bis 2021 stieg der Anteil an Kindern, die einen Grundschulabschluss haben, von 85 auf nur 87 Prozent.

5. Geschlechtergleichheit

Nur 14,5 Prozent aller Ziele auf diesem Gebiet könnten 2030 erreicht werden, so die Vereinten Nationen. Beim aktuellen Kurs könnte es 300 Jahre dauern, bis die Kinderehe beendet ist, 286 Jahre, bis für Frauen und Männer überall dieselben Gesetze gelten, 140 Jahre, bis Frauen gleichermaßen in Macht- und Führungspositionen im Beruf und 47 Jahre, bis sie auf nationaler Ebene vertreten sind. Dass Frauenrechte momentan in vielen Ländern mit Füßen getreten werden, zeigten auch die Proteste von Frauen im Iran 2022.

6. Sauberes Wasser und Sanitäteinrichtungen

Im Jahr 2022 hatten 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Immerhin 700 Millionen Menschen weniger als 2015. Zugang zu sanitären Anlagen haben heute 911 Millionen mehr als 2015. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, schaffen die UN es jedoch nicht, ihre Ziele auf dem Gebiet zu erreichen. Hierfür müssten sie fünfmal schneller sein – unwahrscheinlich, denn das Geld, das reiche Staaten für den Wassersektor bereitstellen, ist seit 2015 nicht mehr, sondern weniger geworden.

7. Bezahlbare und saubere Energie

Auch dank erneuerbarer Energien haben heute viel mehr Menschen Strom als 2015. Aber da gleichzeitig (vor allem in Afrika) auch die Bevölkerung wuchs, bedeutet das: heute leben mehr als 650 Millionen Menschen ohne Elektrizität. Weltweit kochen 2,3 Milliarden Menschen an Herden, die mit Holz oder Ähnlichem befeuert werden, was gesundheitsgefährdend ist. Im Jahr 2030 könnten immer noch ein Viertel der Menschen auf solche Herde angewiesen sein.

8. Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum

Schwierige wirtschaftliche Bedingungen zwingen immer mehr Arbeitnehmer:innen in die informelle Beschäftigung, so wie bei Shein, das unter menschenunwürdigen Bedingungen produzieren lässt. Die gute Nachricht: Da sich die Volkswirtschaften zu erholen beginnen, ist die weltweite Arbeitslosenquote zurückgegangen. Die Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen ist jedoch weiterhin hoch. Damit Ziel acht erreicht werden kann, bräuchte es eine „umfassende Reform des Finanzsystems“.

9. Industrie, Innovation und Infrastruktur

Weltweit verlangsamte sich das Wachstum des verarbeitenden Gewerbes von 7,4 Prozent im Jahr 2021 auf 3,3 Prozent im Jahr 2022. Die Fortschritte in den am wenigsten entwickelten Ländern reichen laut UN bei weitem nicht aus, um das Ziel neun (die Verdopplung des Anteils des verarbeitenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt (BIP)) zu erreichen.

10. Weniger Ungleichheiten

Schaut man sich dieses Ziel für Deutschland an, dann gibt es schlechte Nachrichten: Die Ungleichheit hat sich verschlechtert – besonders Einkommen liegen heute noch mehr auseinander, als 2015. Auch global sieht es nicht besser aus, denn die Pandemie hat dazu beigetragen, Ungleichheiten zu verstärken. Zusätzlich wächst die Zahl der Flüchtenden – ein weiterer Indikator für globale Ungleichheit.

11. Nachhaltige Städte und Gemeinden

Positiv ist, dass sich die Anzahl an Ländern mit nationalen und lokalen Strategien zur Katastrophenvorsorge verdoppelt hat. Außerdem verbessert sich die weltweite Luftqualität. Die Anzahl an Menschen, die in Slums wohnen, nimmt jedoch weiter zu, da der Trend weltweit hin zum Wohnen in der Stadt geht.

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12. Nachhaltiger Konsum und Produktion

Zwischen 2000 und 2019 hat der Materialverbrauch um 66 Prozent zugenommen. Seit den 70er-Jahren hat er sich also verdreifacht, auch ein Grund, von sieben, warum Kleider spenden problematisch ist. Beim Ziel, die Lebensmittelverschwendung und -verluste pro Kopf bis 2030 zu halbieren, ist die Menschheit ebenfalls nicht gerade weit. Zusätzlich hätten die globalen Krisen zu einem Wiederanstieg der Subventionen für fossile Brennstoffe geführt, die sich von 2020 bis 2021 fast verdoppelt hätten.

13. Maßnahmen zum Klimaschutz

Die UN ist sich einig: Die Länder der Welt sind noch längst nicht auf dem richtigen Weg, um den Klimawandel nachhaltig zu begrenzen. Was Regierungen bislang an Reduktionen von klimaschädlichen Treibhausgasen empfohlen hätten, reiche nicht aus, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, heißt es in dem Bericht United in Science, zu dem mehrere UN-Organisationen beigetragen haben. Das mache es schwer, die 17 UN-Entwicklungsziele bis 2030 – insbesondere das Ziel zum Klimaschutz – zu erreichen.

Tatsächlich sind die CO₂-Emissionen 2022 im Jahresvergleich um ein Prozent gestiegen, heißt es im UN-Bericht. Von Januar bis Juni 2023 habe der Anstieg wahrscheinlich schon 0,3 Prozent betragen. Nach einer UN-Berechnung vom Oktober 2022 führen die bisherigen Reduktionsversprechen der Länder weltweit zu einem Anstieg der Emissionen um gut zehn Prozent bis 2030. Derzeitige Versprechen dürften zu einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 2,6 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau (1850-1900) führen. Eine Klimakrise, die Frauen im globalen Süden zuerst spüren: „Ich habe alles verloren“

14. Leben unter Wasser

Laut UN kämpft das Meer mit einer zunehmenden „Eutrophierung, Überdüngung, Versauerung, Erwärmung und Plastikverschmutzung“. Außerdem hält der alarmierende Trend der Überfischung an, der dazu führt, dass mehr als einem Drittel der weltweiten Fischbestände aussterben könnten. Es gebe zwar ein paar Fortschritte (mehr Schutzräume, strengere Regeln bei unregulierter Fischerei), aber „nicht in dem Tempo und Umfang, wie es zur Erreichung von Ziel 14 erforderlich wäre“.

15. Leben an Land

Von 2000 bis 2020 seien fast 100 Millionen Hektar Nettowaldfläche verloren gegangen. Die globale Waldbedeckung ging von 31,9 Prozent im Jahr 2000 (4,2 Milliarden Hektar) auf 31,2 Prozent (4,1 Milliarden Hektar) im Jahr 2020 zurück. Daran schuld sei vor allem die Ausweitung der Landwirtschaft (ein Grund, warum man weniger Fleisch essen sollte). Eine Verbesserung in diesem Bereich sucht man vergebens.

16. Frieden Gerechtigkeit und starke Institutionen

Anhaltende und neue gewaltsame Konflikte in der ganzen Welt zeigen, dass der Weg zum Frieden und zum Erreichen des Ziel 16 noch lang ist. Im Jahr 2022 gab es einen Anstieg der konfliktbedingten Todesfälle um mehr als 50 Prozent, was hauptsächlich auf den Ukraine-Krieg zurückzuführen ist. Auch Vertreibungen, Tötungsdelikte und strukturelle Ungerechtigkeiten haben in den vergangenen 20 Jahren eher zu- als abgenommen.

17. Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Aufgrund der Pandemie haben Entwicklungsländer heute mit einer noch nie dagewesenen Auslandsverschuldung zu kämpfen, die noch durch Herausforderungen wie Rekordinflation und eskalierenden Zinssätzen verstärkt wird. Gute Nachrichten sind, dass sich der Internetzugang der Länder von 2015 um 65 Prozent verbessert hat und die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) weiterhin Spitzenwerte erreicht. Aber: Geopolitische Spannungen und das Wiederaufleben des Nationalismus behindern internationale Zusammenarbeit und machen es schwer, das Ziel 17 bis 2030 zu erreichen.

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(Mit Material der dpa)

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