VonJörg Staudeschließen
2024 beschert dem Klimaschutz in Deutschland in einigen Bereichen Rückschritte. Teilweise überraschende Phänomene zeigen Bundeswaldinventur und Monitoringberichte.
Berlin – Das abgelaufene Jahr hielt auch für Leute, die sich schon lange mit Klima befassen, Überraschungen bereit. Nicht neu war zunächst: Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hat sich Deutschland, betrachtet man den linearen Trend der vergangenen 140 Jahre, um 1,8 Grad erwärmt.
Überraschend aber: Nimmt man zum Vergleich mit dem Aufzeichnungsbeginn um 1880 den Temperaturschnitt der letzten zehn Jahre, liegt die Erwärmung schon bei 2,3 Grad. Nimmt man nur die Mitteltemperatur von 2024, hat die Erwärmung 2,8 Grad erreicht - alles aktuelle Angaben des Deutschen Wetterdienstes.
Klimawandel: Deutschland kämpft faktisch mit der Drei-Grad-Grenze
Bekanntlich liegt die Temperatur in Klima-Hotspots wie Städten über der des Umlands, teilweise um bis zu einem Grad. Faktisch kämpft Deutschland also bereits mit der Drei-Grad-Grenze. Nicht jedes kommende Jahr muss dabei wie 2024 neue Wärmerekorde bringen, aber die Richtung der Temperaturentwicklung ist eindeutig.
Die rasche Erwärmung bringt neue, teilweise überraschende Phänomene hervor. So führt die stärkere Verdunstung zwar zu mehr Niederschlägen, diese kommen aber öfter als Extremfluten vom Himmel. Die Wassermassen reißen am Boden alles Mögliche um, am Ende landet aber weniger vom Nass im Grundwasser. Extremniederschläge können den Boden über die Zeit austrocknen, so paradox das erst einmal klingt.
Folgen des Klimawandels in Deutschland – seit 2000 im Schnitt 2,5 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren
Durch diese Folge des Klimawandels verliere Deutschland seit 2000 jedes Jahr im Schnitt 2,5 Milliarden Kubikmeter Wasser, stellte der vor einem Jahr veröffentlichte Monitoringbericht zur Klima-Anpassungsstrategie fest.
Zum Vergleich: Jeder Einwohner Deutschlands hat einen sogenannten Wasser-Fußabdruck. Der resultiert nicht nur aus dem direkten Wasserverbrauch für Kochen, Trinken und Waschen, sondern bezieht auch den indirekten Verbrauch zur Herstellung von Lebensmitteln, Kleidung und anderem im In- und Ausland ein.
Dieser Gesamt-Wasserverbrauch liegt pro Kopf und Jahr hierzulande laut dem Umweltbundesamt bei etwa 2600 Kubikmetern. Der jährliche Verlust von 2,5 Milliarden Kubikmetern entspricht so dem Wasserfußabdruck von mehr als 900 000 Menschen in Deutschland.
Klimaüberraschung Nummer drei: Vier von fünf Bäumen sind geschädigt
Die dritte Klima-Überraschung des abgelaufenen Jahres offenbarte sich mit der Bundeswaldinventur. Neu war, wie schlecht es dem Wald geht: Vier von fünf Bäumen sind geschädigt – so stark, dass der Wald eigentlich seit Jahren keine CO₂-Senke mehr ist, sondern eine CO₂-Quelle.
Schuld daran ist auch der Klimawandel. Trockenheit und Hitze setzten den Bäumen in den vergangenen Jahren zu. Dazu kommen mehr Waldbrände und Stürme. „Das grüne Herz unseres Landes gerät aus dem Takt“, erklärte Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) anlässlich der Waldinventur. Treffender wäre: Das grüne Herz ist schon aus dem Takt geraten.
Özdemir fordert neues Bundeswaldgesetz – Entwurf fällt Ampel-Aus zum Opfer
Özdemir bekräftigte anlässlich der Inventur auch seine Forderung nach einem neuen Bundeswaldgesetz. Sein Entwurf schaffte es aber nur noch bis in die Verbändeanhörung im Spätherbst und fiel dann dem Ampel-Aus zum Opfer. Darüber sind weder Waldbesitzer- noch Naturschutzverbände besonders unglücklich. Erstere starteten eine Kampagne, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Umweltverbände kritisierten unter anderem viel zu lasche Vorgaben für den Waldumbau.
Besser lief es da mit dem ersten Bundes-Klimaanpassungsgesetz. Anfang Juli trat es in Kraft, und jetzt kurz vor Ultimo beschloss das nur noch rot-grüne Bundeskabinett die dazugehörige Anpassungsstrategie. Für deren Vorlage hatte das Gesetz eigentlich bis September 2025 Zeit gelassen.
Erstes Bundes-Klimaanpassungsgesetz: Länder verpflichten Gemeinden und Landkreise
Laut dem Gesetz sollen bis 2030 für 80 Prozent der von den Ländern dazu verpflichteten Gemeinden beziehungsweise Landkreise Klimaanpassungskonzepte vorliegen. Die umständliche Formulierung hat ihren Grund: Der Bund kann die kommunalen Körperschaften nicht direkt verpflichten, solche Anpassungskonzepte vorzulegen. Das ist im föderalen System Ländersache.
Die 80 Prozent sind ein ehrgeiziges Ziel. Wie weit die Kommunen davon entfernt sind, legte im Herbst eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts offen. Danach gaben nur zwölf Prozent der Kommunen an, ein Klimaanpassungskonzept zu besitzen. Allerdings wollen schon 41 Prozent der Städte und Gemeinden Maßnahmen zur Klimaanpassung umgesetzt haben.
Haushaltslage bestimmt also das Maß an Klimaanpassung – Bedarf von 55 Milliarden Euro
Natürlich stehe die Anpassungsstrategie unter Haushaltsvorbehalt, betonte das Bundesumweltministerium bei ihrer Veröffentlichung. Die Aufnahme von Zielen in das Strategiepapier ändere nichts daran, dass sich der damit verbundene Finanzbedarf für die Umsetzung in die haushalts- und finanzpolitischen Vorgaben der Bundesregierung einfügen müsse, fuhr das von Steffi Lemke (Grüne) geleitete Ministerium fort.
Die Haushaltslage bestimmt also das Maß an Klimaanpassung. Über die Höhe der Kosten sagt die Strategie nichts aus. Bekannt ist dazu eine Angabe der Umweltministerkonferenz von Ende 2022. Um die Ziele in den Bereichen Klimaanpassung, Naturschutz und natürlicher Klimaschutz bis 2030 zu erreichen, bestehe in Ländern und Kommunen ein Bedarf von insgesamt rund 55 Milliarden Euro, stellten die Umweltminister:innen der Länder und des Bundes fest.
Studie über Klimawandelfolgen in Deutschland: Folgekosten bis 2025 – 280 bis 900 Milliarden Euro
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund bezifferte den Investitionsbedarf für Klimaschutz und Klimaanpassung in diesem Jahr auf mindestens acht Milliarden Euro jährlich. In der Größenordnung läuft das auf die von den Umweltministerien genannte Zahl hinaus.
Wer das für nicht finanzierbar hält, sollte in die im Februar 2023 veröffentlichte Studie „Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland“ schauen. Dort werden für den Zeitraum von 2022 bis 2050 Folgekosten von insgesamt 280 bis 900 Milliarden Euro genannt, das sind etwa zehn bis 32 Milliarden pro Jahr.
Die untere Grenze gilt für einen „schwachen“ Klimawandel mit zwei Grad globaler Erwärmung, die obere für einen „starken“ Klimawandel mit drei Grad plus, jeweils schon bis zur Mitte des Jahrhunderts. Wo Deutschland da am Ende landet, ist noch nicht ausgemacht. Klar ist nur: Klimaanpassung bleibt nur bei konsequentem Klimaschutz bezahlbar.
