Schwieriges Verhältnis

Nach Wadephuls China-Eklat: Jetzt setzt Peking auf Klingbeil

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Nach der Absage von Außenminister Wadephuls China-Reise bemühen sich beide Seiten um Schadensbegrenzung. Doch das Verhältnis bleibt schwierig. Eine Analyse.

Es war ein denkwürdiger Auftritt. Die damalige Außenministerin Annalena Baerbock kritisierte im April 2023 zum Antrittsbesuch in Peking war vor der versammelten Presse die Haltung ihres Gastgebers zum Ukraine-Krieg, auch mit der Menschenrechtslage in China ging die Grünen-Politikerin hart ins Gericht. Ihr Gegenüber vernahm‘s mit stoischer Mine, holte dann zum verbalen Gegenschlag aus: „Was China am wenigsten braucht, ist ein Lehrmeister aus dem Westen“, erklärte der damalige Außenminister Qin Gang seinem deutschen Gast.

Johann Wadephul (li.) und Lars Klingbeil: gemeinsame China-Politik?

Man kann sich vorstellen, dass die Regierung in Peking alles andere als unglücklich war, als sich Baerbock vor ein paar Monaten aus der deutschen Politik verabschiedete, um nach New York zu gehen. Doch jetzt das: Auch Baerbocks Nachfolger, Johann Wadephul, entpuppt sich als ein durchaus unbequemer Partner, als einer, der ebenfalls Klartext spricht.

„China unterstützt die russische Aggression gegen die Ukraine – auch um eigene hegemoniale Bestrebungen zu rechtfertigen“, sagte Wadephul Mitte Oktober in einer Rede. Ähnlich hatte der CDU-Politiker ein paar Wochen zuvor geklungen, als er Peking ein „zunehmend aggressives Auftreten“ in der Straße von Taiwan sowie im Ost- und Südchinesischen Meer vorwarf. China betrachtet das demokratisch regierte Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets. Im Ostchinesischen Meer streitet Peking mit Japan um eine kleine Inselgruppe, im Südchinesischen Meer mit Anrainerstaaten wie den Philippinen um Dutzende Inseln und Atolle.

Wadephul sagt China-Besuch ab – wohl auch wegen Taiwan

Vor allem Wadephuls Worte zu Taiwan haben China empfindlich getroffen. So sehr, dass Peking von Wadephul offenbar verlangte, seine Äußerungen zu relativieren – andernfalls würde man ihm bei seiner eigentlich für Ende Oktober geplanten China-Reise keine weiteren Termine außer einem Treffen mit dem Außenminister anbieten. Wadephul weigerte sich – und sagte die Reise kurzfristig ab. Es war ein Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen China und Deutschland.

Zwar soll der Besuch nachgeholt werden, auch telefonierten Wadephul und der chinesische Außenminister Wang Yi am Montag. Von einem „sehr guten und konstruktiven Gespräch“ sprach anschließend ein Sprecher des Auswärtigen Amts. Peking hingegen klang weniger versöhnlich. Deutschland solle keine „‚Mikrofon-Diplomatie‘ betreiben oder unbegründete Anschuldigungen erheben, die den Tatsachen widersprechen“, sagte Außenminister Wang. Es waren Worte, wie sie Deutschland in dieser Deutlichkeit aus China sonst kaum zu hören bekommt.

Militärparade in Peking: China präsentiert unter den Augen von Putin und Kim neue Superwaffen

Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt.
Eine strategischen Interkontinentalraketen von Typ DF-61 wird bei der Militärparade zum 80. Jahrestag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg gezeigt. © Andy Wong/AP/dpa
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking.
Chinesische Bomber des Typs Xian H-6 während der Militärparade in Peking. © Hector RETAMAL / AFP
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking.
Chinesische Kampfflugzeuge - Shenyang J-16 (r.), Chengdu J-20 Mighty Dragon (mitte), and Shenyang J-35 (l.) - fliegen während der Militärparade in Peking. © GREG BAKER / AFP
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt.
Militärparade in Peking: China hat die interkontinentalen ballistischen Raketen DF-5C zur Schau gestellt. © GREG BAKER / AFP
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte.
Fahrzeuge mit der Laser-Waffe LY-1 fahren während der Militärparade in Peking am Platz des Himmlischen Friedens vorbei. China zeigte erstmals während der Parade diesen sogenannten Hochenergie-Lasers (HEL), der zur Abwehr von Schwärmen kleinerer Drohnen oder Lenkwaffen dienen könnte. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen.
Militärparade in Peking: Ein chinesischer Soldat posiert vor HHQ-9C Boden-Luft-Raketen. © Pedro PARDO / AFP
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking.
Eine chinesische Drohne während der Militärparade in Peking. © Pedro PARDO / AFP
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking.
Militärparade zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs: Helikopter fliegen eine Formation über Peking. © Greg Baker/AFP
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.
Militärparade in Peking: Soldatinnen marschieren in Reih und Glied am Platz des Himmlischen Friedens vorbei.  © Johannes Neudecker/dpa
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin
Stargast bei der Militärparade in Peking: Kremlchef Wladimir Putin © Sergei Bobylev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un
Ebenfalls zu Gast bei der Militärparade in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un © Alexander Kazakov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache
Militärparade in Peking: Xi Jinping bei seiner anschließenden Ansprache © Jade Gao/AFP
Vor Militärparade in Peking
Der chinesische Staatschef Xi Jinping hat zur Militärparade am 3. September illustre Gäste geladen. Darunter ist auch der russische Präsident Wladimir Putin. Schon vor der Parade haben sie bei einem Treffen in Peking ihr gutes Verhältnis betont. Putin und Xi betonten außerdem, zur Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges der jeweils anderen Seite gekommen zu sein. © Sergei Bobylev/dpa
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Am 1. September hatten sich Xi und Putin beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) für eine neue Weltordnung ausgesprochen. Die russlandfreundliche SOZ gilt Gegengewicht zu westlichen Bündnissen. Putin hatte erklärt, das eurozentrische und euroatlantische Modell habe sich überlebt. © dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
544732808.jpg © Pang Xinglei/dpa
Kim Jong un
Kim Jong-un verlässt sein Land überaus selten. Die Militärparade in Peking ist für ihn das erste Treffen mehrerer Staatschefs überhaupt. Es wird erwartet, dass er Xi Jinping und Wladimir Putin in Peking auch zu persönlichen Gesprächen trifft.  © afp
Vor Militärparade in Peking
Wichtige Vertreter aus dem Westen werden bei der Militärparade in Peking nicht im Publikum sein. Dabei ist aber der serbische Präsident Aleksandar Vučić (hier bei seiner Ankunft). © Lintao Zhang/dpa
Vor Militärparade in Peking - Ankunft Gäste
Auch der slowakische Regierungschef Robert Fico ist vor Ort (hier am Flughafen von Peking). Beide stehen vor allem dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahe. © Jade Gao/dpa
Militärparade China
China erinnert am 3. September an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg. Nach 2015 zum 70. Jahrestag hält die Volksrepublik damit zum zweiten Mal eine Militärparade anlässlich des Gedenkens an den Sieg über Japan im Zweiten Weltkrieg ab. Die letzte große Militärparade in Peking fand 2019 statt. Damals erinnerte die herrschende Kommunistische Partei an den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik 1949. © Wang Zhao/afp
Militärparade China
Mit Zehntausenden Männern und Frauen will China bei der diesjährigen Militärparade anlässlich des 80. Jahrestages des Sieges im Widerstandskrieg gegen Japan seine Kampffähigkeit unter Beweis stellen.  © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Insgesamt sollen 45 Formationen über den Platz des Himmlischen Friedens in Peking laufen und fliegen. Darunter sind ausgewählte Einheiten des Heeres, der Marine, der Luftwaffe, aber auch der Luftabwehrtruppen.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Zudem will die Staatsführung in der rund 70-minütigen Vorführung Hunderte Panzer und Militärfahrzeuge sowie Kampfflugzeuge und Hubschrauber zur Schau stellen.  © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Schon seit geraumer Zeit trainieren am Stadtrand von Peking Einheiten in der Sommerhitze für die Militärparade.  © Pesro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade fällt in eine Zeit, in der Peking im Südchinesischen Meer und der Taiwanstraße unter westlicher Kritik zunehmend militärischen Druck aufbaut.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
Alle gezeigten Waffensysteme sollen aus chinesischer Herstellung stammen. Darunter soll neue, bisher nicht gezeigte Ausrüstung sein, unter anderem Drohnen, elektronische Störsysteme, Hyperschallwaffen sowie Raketen- und Luftabwehrsysteme. © Pedro Pardo/afp
Militärparade China
Die bei der Parade zur Schau gestellten Waffen könnten Hinweise auf einen möglichen zukünftigen Konflikt mit Taiwan liefern. Es wird erwartet, dass dabei eine neue Serie von Anti-Schiffs-Raketen, die Ying Ji („Adlerangriff“), vorgestellt wird. Diese Marschflugkörper sowie ballistische und Hyperschallraketen könnten entscheidend sein in einem Gefecht mit der US-Marine. © Pedro Pardo/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Die Parade wird auch die Rolle der Kommunistischen Partei der Volksrepublik beim Sieg über Japan herausstellen. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Dabei sind sich die Historiker außerhalb Chinas weitgehend einig, dass das Hauptverdienst für diesen Sieg Chiang Kai-sheks Nationalisten zukommt, die damals den größten Teil Chinas regierten © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
2015 würdigte die Kommunistische Partei die nationalistischen Soldaten, indem sie Veteranen zur Parade einlud. © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Auch ausländische Mächte trugen zur Niederlage Japans bei, darunter die als „Flying Tigers“ bekannten US-Piloten. Sie einzubeziehen, wäre eine versöhnliche Geste gegenüber der Regierung in Washington. © Johannes Neudecker/dpa
Siegesparade Moskau
Als Anerkennung der damaligen Unterstützung der Sowjetunion könnten russische Soldaten mitmarschieren – so wie auch chinesische Soldaten an der Moskauer Parade im Mai teilnahmen. © Kirill Kudryavtsev/afp
Übung zur Militärparade in Peking
In der Militärkapelle spielen laut staatlichen Medien 80 Hornisten mit, die für die 80 Jahre seit der Kapitulation Japans stehen.  © Johannes Neudecker/dpa
Übung zur Militärparade in Peking
Die insgesamt mehr als 1000 Musiker stehen in 14 Reihen – Sinnbild für die Jahre des chinesischen Widerstands.  © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
In der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas begann der Krieg mit der japanischen Invasion der Mandschurei 1931. © Wang Zhao/afp
Übung zur Militärparade in Peking
Groß angelegte Militärparaden in China sind selten. Peking selbst will die Parade und seine wachsende militärische Macht als einen Beitrag zum Frieden verstanden sehen. © Johannes Neudecker/dpa
Militärparade China
AFP__20250820__69ZJ7G6__v2__HighRes__TopshotChinaJapanHistoryWwiiMilitaryParade.jpg © Pedro Pardo/afp
Vor Militärparade in Peking - Treffen Xi und Putin
Nach der Parade wird Xi voraussichtlich eine Ansprache halten. Beobachter erwarten Kommentare zu den USA und zu Taiwan, das China als Teil der Volksrepublik betrachtet. © Sergei Bobylev/dpa

Wann Wadephul nach China reisen wird, ist unklar. Auch ein Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Peking steht noch aus. Merz hatte Wadephul Berichten zufolge Rückdeckung für dessen Absage gegeben. Im Januar hatte auch er, noch vor Amtsantritt, China deutlich kritisiert. „Russland und China treten offensiv gegen die multipolare Ordnung ein“, sagte Merz damals in einer Rede bei der Körber-Stiftung. „Wir sehen uns einer Achse antidemokratischer Autokratien gegenüber, die unsere Demokratien herausfordern.“

Während sich etwa die Grünen hinter die harte Haltung der Bundesregierung stellen – es sei „gut, dass Außenminister Wadephul sich nicht vorführen lässt“, sagte die stellvertretende Fraktionschefin Agnieszka Brugger im Deutschlandfunk – kommt vom Koalitionspartner Kritik. So sprach der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Adis Ahmetović, im Spiegel von einem unguten Signal: „Gerade in einer Phase globaler Spannungen ist der direkte Dialog mit China von großer Bedeutung.“ In der Ampel-Koalition hatte die SPD mit ihren damaligen Koalitionspartnern FDP und Grünen eine China-Strategie veröffentlicht, die mit klaren Worten in Richtung Peking nicht geizt; gleichzeitig aber vermied der damalige Kanzler Olaf Scholz bei seinen China-Reisen allzu kritische Töne.

In der China-Strategie übernimmt Deutschland den EU-Dreiklang von China als „Partner, Wettbewerber und systemischer Rivale“. Zunehmend aber treten die beiden letzten Aspekte in den Vordergrund. Für die deutsche Industrie wird China immer mehr zum gefährlichen Konkurrenten, vor allem für die Autobauer. Hinzu kommt, dass Peking die deutschen Unternehmen immer häufiger ihre Abhängigkeit spüren lässt, zuletzt mit Ausfuhrbeschränkungen für Chips des Unternehmens Nexperia und neuen Kontrollen für den Export Seltener Erden. Und im Ukraine-Krieg rückt Peking keinen Millimeter von der Seite Russlands, erst am Dienstag schüttelte Staats- und Parteichef Xi Jinping in Peking dem russischen Ministerpräsidenten Michail Mischustin die Hand.

Im November soll Lars Klingbeil nach China fliegen

Mit Spannung blicken viele auf Lars Klingbeil: Mitte November soll der Finanzminister Berichten zufolge nach Peking reisen, als bislang ranghöchstes Mitglied der deutschen Regierung. China wird die Gelegenheit wohl nutzen, um gut Wetter zu machen nach dem Wadephul-Eklat. Tatsächlich kommen schon jetzt erste Zeichen der Entspannung. So verlängerte Peking just am Montag die visafreie Einreise für deutsche Staatsbürger um ein Jahr; auch die Ausfuhrbeschränkungen für Seltene Erden und Halbleiter lockerte Peking zuletzt. Das Erpressungspotenzial aber bleibt groß, China sitzt längst am längeren Hebel. Und Deutschland hat dem wenig entgegenzusetzen. Erst recht, wenn es nicht mit einer Stimme spricht. (Quellen: Bundespressekonferenz, chinesisches Außenministerium, chinesische Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, Auswärtiges Amt, Körber-Stiftung, Deutschlandfunk, Spiegel)

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